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Knietief im Alkohol: Das Generalbesäufnis von Grafing

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Von: Josef Ametsbichler

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Menschen stoßen mit Alkohol an.
Aus einem Gläschen kann schnell der Vollrausch werden. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Robert Michael

In Grafing betrank sich einst die ganze Marktgemeinde. Tote, Drohungen und volle Lagerkeller - manch einer erinnert sich bis heute daran.

Grafing – Ein ausgeufertes Sauffest ärgert derzeit die Grafinger: 250 Jugendliche haben sich in der Nacht zum Sonntag mit Bier und Wodka auf dem Fußballplatz die Kante gegeben. Amateure. Die Bärenstadt ist Härteres gewohnt; und gemeint ist damit nicht das anstehende Grandauer Volksfest. Die Geschichtsschreibung vermerkt für den 2. Mai 1945 das Grafinger „Generalbesäufnis“ – 40 000 Flaschen Wein sollen die Teilnehmer geleert haben, in einem Keller sollen sie knietief im Wein gewatet sein. Es gab zwei Tote – und der Bürgermeister wäre wohl fast erschossen worden.

Doch von vorn: Am Tag vor dem Alkoholexzess sind die Amerikaner in Grafing einmarschiert. Aus den Fenstern am Marktplatz hängen weiße Kapitulationsflaggen statt Hakenkreuzen. Ein schlecht gezieltes Artilleriegeschoß der auf dem Rückzug befindlichen SS schlägt als Blindgänger in einem Garten an der Münchner Straße ein, vermerkt der Zeitzeuge und Heimatkundler Marin Oswald in seinen „Notizen vom Zusammenbruch 1945“. „Das einzige Geschoß, das während des ganzen Krieges den Ort selbst getroffen hat!“ Dass Grafing – anders als das nahe München – vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs recht verschont blieb, brachte der Stadt einige wertvolle Lagerschätze ein:

Alkoholexzess in Grafing: Einst betrank sich die ganze Stadt - mit Beständen aus dem zerbombten München

Akten aus dem Geheimen Hausarchiv des Bayerischen Staatsarchivs lagerten am Marktplatz. Das Bayerische Nationaltheater hatte beim Schlederer in der Rotter Straße Garderobe in Sicherheit gebracht. Und in der Bahnhofstraße unterhielt die SS-Reiterschule Riem einen Pferdestall, das alles – und mehr – geht aus einer historischen Liste für das Landratsamt hervor.

Und dann eben die Sache mit dem Wein und dem Schnaps. Offenbar aus Angst vor Zerstörung lagerten wohl mehrere Münchner Hotels und Gaststätten ihre wertvollen Alkoholika in Grafinger Kellern; mindestens überliefert ist, dass der Weinbestand des Hotels Vier Jahreszeiten darunter war, so Grafings Stadtarchivar, der Historiker Bernhard Schäfer. Auch vom Bayerischen Hof berichteten Zeitzeugen. „Vermutlich private Aktionen über persönliche Kontakte“, schätzt Schäfer.

Nach Alkoholexzess in Grafing: Russischer Zwangsarbeiter starb an Alkoholvergiftung

Als recht gesichert gilt jedenfalls, dass sich ein französischer NS-Zwangsarbeiter namens Jean Poillou nach dem Abzug der Nazi-Truppen eines vermauerten Raums im alten „Wildkeller“ oder Kegelkeller entsann, der in der Lederergasse liegt. Ein zweites Depot mit Alkoholika tat sich den Berichten zufolge im Heckerkeller an der Rotter Straße auf. Es folgte, schreibt Historiker Schäfer, das „Generalbesäufnis, an dem sich Sieger und Besiegte, Befreier, Befreite und Besetzte gleichermaßen beteiligten“, darunter etwa russische Kriegsgefangene aus dem Lager Moosburg (Kreis Freising).

„Im ganzen Markt sah man Russen, mit der Weinflasche im Arm, einhertorkeln oder total besoffen am Boden liegen“, berichtet der Chronist Marin Oswald. „Flaschenscherben bedeckten die Straßen!“ Ein Augenzeuge habe Stadtarchivar Schäfer geschildert, der Kegelkeller sei knietief mit ausgelaufenem Wein gefüllt gewesen. Ebenfalls recht sicher überliefert: Der Tod eines russischen Zwangsarbeiters. Archivar Schäfer liegt ein Listeneintrag in den Sterbeamtsbüchern der Pfarrei vor, wonach der Namenlose tot in der Leonhardstraße aufgefunden worden war – Todesursache: Alkoholvergiftung. Einen Totenschein gibt es offenbar nicht.

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Alkoholische Ausschweifungen in Grafing: Generalbesäufnis forderte mindestens zwei Tote

Der Historiker sagt dazu heute: „In diesen rechtlosen Tagen ist so manches nicht ordnungsgemäß verzeichnet worden.“ Der Archivar bemüht sich deshalb, die plausibelste Version dieses Tages aus den wenigen Aufzeichnungen und Augenzeugenberichten zu rekonstruieren.

Demnach forderte das Grafinger Generalbesäufnis ein zweites Todesopfer: Ein amerikanischer Soldat sei erschossen worden, vermutlich durch eine verirrte, im Suff abgefeuerte Kugel. Auch hierzu gibt es mehrere Versionen: In der einen sei dem Bürgermeister Andreas Schütz angesichts des Vorfalls von den GIs mit Erschießung gedroht worden sein, in der anderen fiel der Verdacht auf fünf Jugendliche im Ort. Am Ende sei als Täter ein Russe oder Ukrainer festgestanden. Ein anderer Bericht spricht davon, dass der Amerikaner an einer Alkoholvergiftung gestorben sei – möglicherweise vermengen sich hier aber auch die Ereignisse in der nachlassenden Erinnerung damals noch minderjähriger Augenzeugen mit dem Tod des betrunkenen Zwangsarbeiters.

Rieses Massenbesäufnis: Ehemalige Bürgermeisterin hat bis heute noch ein Eindenken

Irmgard Haselwarter (84), ehemals Vize-Bürgermeisterin, war damals ein kleines Mädchen, hat aber bis heute eine damals vor den Durstigen in Sicherheit gebrachte Champagnerflasche aufgehoben.
Irmgard Haselwarter (84), ehemals Vize-Bürgermeisterin, war damals ein kleines Mädchen, hat aber bis heute eine damals vor den Durstigen in Sicherheit gebrachte Champagnerflasche aufgehoben. © Rossmann

Sein Ende fand das Massenbesäufnis übereinstimmenden Quellen zufolge, als der amerikanischen Truppenführung die Sauferei zu bunt wurde. Sie ließen die restlichen Vorräte vernichten. Vielleicht war auch das der Anlass, warum der Wein im Kegelkeller knietief stand.

Grafing: Besäufnis hatte auch was Gutes - Frauen nicht drangsaliert

Grafings ehemalige 2. Bürgermeisterin Irmgard Haselwarter (84) war damals ein kleines Mädchen, hat aber bis heute eine damals vor den Durstigen in Sicherheit gebrachte Champagnerflasche aufgehoben. Sie erinnert sich noch an die Alkoholleichen in den Straßen – und kann dem Generalbesäufnis sogar etwas Positives abgewinnen: Die befreiten Zwangsarbeiter und Soldaten hätten die Zivilbevölkerung, gerade die Frauen, wenig drangsaliert, weil sie schlicht zu betrunken gewesen seien. „Vielleicht war das ein Glücksfall für Grafing.“

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