+
Sabur Afsali hinter dem Modell der Schule, die er mit der Bundeswehr in Kundus errichtete. In der Hand hält er ein Plastikhuhn – symbolisch für seine neue Aktion. 

Hilfe für Afghanistan

Grafinger kämpft mit Hühnern für ein besseres Leben

Der Grafinger Sabur Afsali kämpft seit vielen Jahren für bessere Lebensbedinungen in seiner Heimat Afghanistan. Jetzt hat er ein neues Projekt gestartet. Es geht um Federvieh.

Grafing – Der Kundus ist die Kornkammer Afghanistans, sagt der Grafinger Sabur Afsali. Die Provinz ist fruchtbar, von einem großen Fluss durchzogen. Im Süden umgeben große, mächtige Berge die Provinz. Im Kundus werden Melonen angebaut, schwärmt Afsali, „die besten des ganzen Landes“. Die meisten Familien auf dem Land hätten einen kleinen Bauernhof. Sie versorgen sich damit selbst, sagt Afsali. Fast alle würden Hühner halten. Einige Gockel und Hennen in der afghanischen Provinz wurden mit Spenden aus dem Ebersberger Landkreis gekauft.

Der gebürtige Afghane Sabur Afsali sammelt mit seinem „Deutsch-Afghanischen Verein für den Wiederaufbau Afghanistans“ Geld, um im Kundus Hühnerküken an Schüler zu verteilen. Die Mädchen und Buben sollen die Küken aufziehen, und so ihre Familien mit Eiern und Fleisch unterstützen. Es geht aber um viel mehr als um Essen.

Sabur Afsali ist ein kleiner Mann. Seine Haare sehen aus, wie die Stachel eines Igels. Nur grauer. Er trägt eine runde Brille und meist einen Anzug. Der 69-Jährige ist ein Mann von Welt. In der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren, kam Afsali in den 1970er-Jahren für ein Architektur-Studium nach Deutschland. Seit 2012 hilft er gemeinsam mit der Bundeswehr beim Wiederaufbau des vom Krieg verwüsteten Afghanistan. Schulen und Brunnen hat Afsali als Ingenieur mitgebaut. Seit 30 Jahren lebt er mit einer Ebersbergerin im Landkreis.

Afsali hat sich intensiv mit der Flucht von Menschen aus Afghanistan nach Europa beschäftigt. „Wir müssen Fluchtursachen verstehen“, sagt er. „Und stoppen.“

Der Grafinger redet gerne über Politik. Wenig emotional, sachlich. Er vertritt rechte und linke Positionen. Straffällig gewordene Flüchtlinge sollten schnell abgeschoben werden, sagt er. Große Schuld an den Fluchtbewegungen der Afghanen hätten allerdings die Industriestaaten: Sie würden ihre Lebensmittel in Entwicklungsländern wie Afghanistan verkaufen und so lokale Landwirtschaft und Märkte zerstören. Damit ginge auch die Existenz vieler afghanischer Bauern und Händler kaputt. Das bewege die Menschen schließlich zur Flucht.

Afsali will, dass die Afghanen in ihrem Land bleiben können. „Es ist eine Schande, dass reiche Länder die guten Lebensmittel behalten, und Abfallprodukte ins Ausland schicken“, sagt er. Das Brustfleisch von Hühnern bliebe hier, Knochen und Abfälle würden nach Afghanistan gehen. „Fluchtursachenbekämpfung beginnt in den Industrieländern“, sagt der Grafinger deshalb.

Das sind komplexe Themen, über die der Entwicklungshelfer spricht. Nichts für einfache Antworten. Nun hat er eine Idee, wie er seinen Landsleuten helfen kann.

Vor einem Jahr hat er mit seinem Verein einen Versuch an einer Grundschule gestartet, die er im Kundus gebaut hatte. 30 Schüler bekamen nach dem Losverfahren je fünf Hühnerküken von der Schulverwaltung geschenkt. Die Mädchen und Buben sollten die Küken auf den Höfen ihrer Familien aufziehen. Das hat super funktioniert, sagt Afsali. Aus den anfangs 150 Küken seien mittlerweile 600 Hühner geworden.

Nun will Afsali an alle 1000 Schüler der Grundschule im Kundus Hühnerküken verteilen. 5000 Küken. Kostenlos.

Sie werden in Zeitabständen von den Lehrern und Mitarbeitern der Schule auf den Märkten und Bauernhöfen im Kundus gekauft, erklärt der 69-Jährige. Künftig will Afsali die Tiere auch von Grundschülern kaufen, bei denen Küken geschlüpft sind. Sie sollen wiederum an andere Schüler weitergegeben werden. Nach dem Schneeballprinzip. So käme zusätzlich Geld in die Kassen der Familien. Bis Ende März will der Verein so 1700 Küken verteilen, sagt Sabur Afsali.

Die Küken sind freilich nicht umsonst. Der Verein braucht dazu 4000 Euro – 80 Cent pro Küken. „Das geht nur mit Spenden“, sagt Afsali. Er hofft weiterhin auf die Spendenbereitschaft der Landkreisbewohner. Auf dem Weihnachtsmarkt in Ebersberg habe der gemeinnützige Verein um Afsali kleine Plastikhühner verkauft. Sie stehen symbolisch für Küken, die im Kundus an Schüler verteilt werden.

„Eine ganze Familie kann im Kundus von zwei bis drei Euro am Tag leben“, sagt der Grafinger. Die Hühner könnten für ein besseres Leben der Familien im Kundus sorgen. Nebenbei unterstützt die Aktion auch lokale Bauern und Handeltreibende in dem asiatischen Land.

Bei dem Küken-Projekt geht es aber um die Schüler, sagt Afsali. Die afghanischen Kinder würden lernen, Verantwortung zu übernehmen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

„Sie sollen nicht als Bettler erzogen werden“, sagt Sabur Afsali. Sondern mit einer Zukunftsperspektive.

Spendenkonto: Kreissparkasse Ebersberg, Deutsch-Afghanischer Verein DAW e. V., IBAN: DE56 7025 0150 0000 0133 00. Verwendungszweck: Hühneraktion Grundschule Kundus

Max Wochinger

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

 Julias Familie sagt Danke
Am Samstag, 16. November, wäre sie 15 Jahre alt geworden. Aber Julia aus Hohenlinden hat  den Kampf gegen den Blutkrebs verloren. Jetzt wendet sich ihre Familie an alle, …
 Julias Familie sagt Danke
Nazi-Sprüche im  Klassenchat: Polizei ermittelt gegen Gymnasiasten wegen Volksverhetzung
Am Grafinger Gymnasium sind rechtsradikale Botschaften über einen Klassenchat verbreitet worden. Das teilte die Polizei mit. Erst vor einer Woche wurde die Schule nach …
Nazi-Sprüche im  Klassenchat: Polizei ermittelt gegen Gymnasiasten wegen Volksverhetzung
Gienger: Neubau oder Wegzug betrifft 1100 Mitarbeiter
Wie geht es weiter mit der Firma Gienger in Markt Schwaben? Das ist derzeit eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Sogar der Wegzug des Unternehmens ist im Gespräch.
Gienger: Neubau oder Wegzug betrifft 1100 Mitarbeiter
Lehrer nicht für alles zuständig
Um Schule im Allgemeinen ging es hauptsächlich bei der Diskussionsrunde auf dem Podium in der Poinger Realschule. Aber nicht nur.  
Lehrer nicht für alles zuständig

Kommentare