+
Die Auswirkungen der Revolution 1918/19 hat der Grafinger Stadtarchivar Bernhard Schäfer in einer Ausstellung zusammengetragen. Das trug ihm jetzt Kritik ein. 

Angeblich rechtslastig

Aufstand gegen Grafinger Ausstellung

  • schließen

Ist die aktuelle Grafinger Ausstellung zur Revolution in den Jahren 1918/19 rechtslastig? Diesen Vorwurf erhob in der jüngsten Stadtratssitzung das Bündnis für Grafing (BfG).

Grafing –  Auch in der Bürgerfrageviertelstunde gab es aus den Zuhörerreihen dazu kritische Wortmeldungen von Mitgliedern des Gewerkschaftsbundes und der Linken. Museumsleiter und Historiker Bernhard Schäfer bekam ausführlich Gelegenheit zur Stellungnahme.

Unter dem Titel „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten – die Revolution von 1918/19 in ihren Auswirkungen auf den Grafinger Raum“ hat Schäfer in den Räumen des Heimatmuseums eine Fülle historischer Dokumente zusammengetragen. Den Vorwurf der Rechtslastigkeit wies er deutlich zurück. „Ich kann nichts anderes bringen als Historiker, als die Ergebnisse“, sagte er, und die Faktenlage sei für Grafing eben gewesen, dass „Kurt Eisner und seine Leute hier nicht den Zuspruch fanden“.

Stadträtin Marlene Ottinger (BfG) hingegen vermisste in ihrem Wortbeitrag eine überregionale Einordnung der in der Ausstellung dargelegten Fakten. Es entstehe der „Eindruck, Freikorps hätten die Bürger vor der roten Diktatur bewahrt“. Sie verwies auf Bluttaten der weißen Gegenrevolutionäre in Kolbermoor. Der Hinweis ihres Mannes und Fraktionskollegen Heinz Fröhlich, „der Grafinger Raum ist auch Kolbermoor“, sorgte im Ratsgremium jedoch für spontane Heiterkeit und Gelächter. „Die Toten werden nicht rehabilitiert, ich möchte nicht, dass Grafing so ein Außenbild abgibt“, insistierte Ottinger. Schäfer hingegen verwies darauf, dass die Opferzahlen in der Ausstellung sehr wohl genannt werden. Etwa 1200 Menschen hätten bei den Revolutionswirren ihr Leben gelassen.

Manfred Sambs vom Gewerkschaftsbund empörte sich in der Bürgerfrageviertelstunde darüber, dass der Münchner Stadtkommandant Rudolf Egelhofer, ein damals 23-jähriger Matrose und Mitglied der Kommunistischen Partei, in der Ausstellung „ungeprüft“ zum verhinderten Massenmörder erklärt worden sei. Schäfer hingegen verwies auf Quellen, aus denen hervorgehe, dass ein Vorschlag von Egelhofer „die gesamte Bourgeoisie auf der Theresienwiese zusammenzutreiben und zu erschießen“ sich in einer Abstimmung damals nur knapp nicht durchsetzen konnte. Tatsächlich wurde Egelhofer am 3. Mai 1919 in der Münchner Residenz aber selbst ohne Gerichtsverfahren erschossen und gehört damit auch zu den Opfern der Revolution. Zuhörerin Corinna Wilde vom Kreisvorstand der Linken monierte in einem Wortbeitrag unter anderem deshalb: „Ich habe die Schließung der Ausstellung gefordert. Hier wird Geschichte verfälscht und verdreht.“

Dass das Geschehen in der Landeshauptstadt Eingang gefunden hat in die Grafinger Ausstellung ist freilich auch nur einem lokalen Bezug zuzuschreiben. Denn fünf der Männer, die den Matrosen damals festsetzten, stammten aus Frauenneuharting. Sie posierten danach auf einem Foto. Einen Hinweis darauf, dass sie an der Erschießung Egelhofers beteiligt waren, gibt es in den Quellen nicht.

„Ich kann das Bild nicht verschwinden lassen, das hat mit Heroisierung nichts zu tun, das ist Faktum, das ist Geschichte“, wehrte sich Schäfer. „Wir haben kein Problem, Täter und Opfer auseinanderzuhalten“, sagte SPD-Ratsmitglied Franz Frey, der am Gymnasium Grafing Geschichtslehrer war. Den Schlusspunkt in der Aussprache setzte Stadtrat Peter Rothmoser (FW): „Ich glaube, wir sind hier überfordert, in den Streit der Experten einzugreifen“, forderte er den Schluss der Debatte. Die Mehrheit gab ihm Recht. 

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Per Zufall: Polizei erwischt jugendlichen Drogendealer
 Als die Polizei nachts in Poing einen jugendlichen Fahrradfahrer aufhielt, der ohne Licht unterwegs war, machten sie eine überraschende Entdeckung. Nicht nur bei der …
Per Zufall: Polizei erwischt jugendlichen Drogendealer
Laura aus Oberpframmern
Sie haben gut lachen. Endlich ist Laura da, nach Luzia das zweite Kind von Julia und Tobias Scheller aus Oberpframmern. Laura hat am 19. Oktober in der Kreisklinik …
Laura aus Oberpframmern
E-Autos: Nach Unfall ins Abklingbecken
Wenn E-Autos brennen, wird‘s prekär.  Das Löschen dauert länger als bei Benzinern oder Dieseln. Die Feuerwehren im Landkreis haben noch keine Erfahrung mit brennenden …
E-Autos: Nach Unfall ins Abklingbecken
Schwarzfischer mit Waffe und gestohlenem Fahrrad
Die Polizei hat bei der Kontrolle eines Schwarzfischers in Forstinning nicht nur unrechtmäßig geangelte Fische gefunden, sondern noch mehr.  
Schwarzfischer mit Waffe und gestohlenem Fahrrad

Kommentare