Gefluteter Garten: In Grafing trat im August vergangenen Jahres der Wieshamer Bach über die Ufer. Nach jahrzehntelanger anlaufzeit will die Stadt jetzt beim Hochwasserschutz Nägel mit Köpfen machen.
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Gefluteter Garten: In Grafing trat im August vergangenen Jahres der Wieshamer Bach über die Ufer. Nach jahrzehntelanger anlaufzeit will die Stadt jetzt beim Hochwasserschutz Nägel mit Köpfen machen.

60 Jahre dauern die Bemühungen schon an – jetzt wird’s konkret

Grafinger Hochwasserschutz: Großer Wurf statt tröpfchenweise

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
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Ein guter Hochwasserschutz muss mit einem 100-jährigen Schadensereignis zurecht kommen. Manchmal dauert es auch ähnlich lang, bis endlich Maßnahmen gegen eine solche Katastrophe getroffen werden.

Grafing - Die ersten Überlegungen zum Grafinger Hochwasserschutz liegen schon 60 Jahre zurück. Der große Wurf ist immer noch nicht gelungen. Vor allem von der Urtel geht ein hohes Schadenspotential aus. Zwischenzeitlich waren mitten mehrfach die Gutachter gewechselt worden. Es waren auch schon zweistellige Millionenbeträge im Gespräch, die die Abhilfemaßnahmen kosten sollten, inklusive direkter Bypässe von der Urtel Richtung Attel.

Grundeigentümer sollen zu Wort kommen

Kein Wunder, dass der Hochwasserschutz nicht mit letzter Konsequenz betrieben wurde. Im Stadtrat hatte das vor allem immer wieder Josef Carpus (CSU) aufs Tapet gebracht. Jetzt kommt aber langsam Bewegung in die Angelegenheit. Zuerst einmal sollen im Anhörungsverfahren betroffene Grundeigentümer zu Wort kommen. Es geht um möglichen Schadensersatz.

Hochwasserereignisse halten sich nicht an den Kalender, auch nicht an einen hundertjährigen. Dass solche Kalamitäten in Zeiten des Klimawandels sehr schnell aufeinander folgen können, zeigten die Jahre 1999 und 2002. Da kam Grafing zwar glimpflich davon, ein paar Kilometer weiter aber versanken Teile Glonns und Moosachs im Starkregen und schafften es damit in die „Tagesthemen.“

Riesige Flutmulden sollen entstehen

Die Gefahr ist real – das wissen auch die Grafinger Stadträte, die jetzt im Bauausschuss einstimmig eine gesonderte, frühe Bürgerbeteiligung zu einem Schutzvorhaben gewaltiger Dimensionen auf den Weg brachten. Der finale Bauentwurf stammt von der Firma Roplan und wurde einstimmig gebilligt. Demnach werden am westlichen Ortseingang von Grafing auf Höhe der Walche und westlich der Bahnstrecke Richtung Taglaching zwei riesige Flutmulden entstehen. Das Gelände ist so beschaffen, dass zur Regenrückhaltung lediglich zwei flache Dämme errichtet werden müssen. Die bekommen einen Durchlass, der so berechnet ist, dass das natürliche Ablaufpotential der Urtel von gut einem Kubikmeter pro Sekunde nicht überschritten wird. Der Vorteil: Diese Lösung ist supersimpel, braucht keine Pflege und auch keinen technischen Aufwand.

Landwirte können Flächen weiter nutzen

Die Flächen inklusive der Dämme sind von den Landwirten weiter benutzbar, lediglich die Dammkrone wird befestigt und ist damit befahrbar. Die Mulden sollen insgesamt 2,3 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Die Baukosten sind sehr überschaubar, jedenfalls im Vergleich zu den vorher geplanten vielen kleinen Einzelmaßnahmen.

Baukosten liegen bei 1,3 Millionen Euro

Bauamtsleiter Josef Niedermaier erläuterte im Ausschuss die technischen Details. Die Baukosten bezifferte er auf 1,3 Millionen. Das sind Peanuts, vergleicht man damit die ursprüngliche Kostenschätzung für die Hochwasserschutzmaßnahmen in Höhe von 15,3 Millionen. Dazu kommen allerdings die Entschädigungen für die Landwirte, denen dort der Grund gehört. Niedermaier wies darauf hin, dass das Gelände jetzt bereits bei starken Regenfällen stehende Wasserflächen aufweise. Der Planfeststellungsbeschluss werde sicher beklagt werden, meinte er und sprach von einem landwirtschaftlichen Nutzgrund mit „geringer Bonität“. Der Hochwasserschutz ist jedoch von so hohem Belang, dass damit Eingriffe ins Eigentumsrecht begründet werden könnten. Das heißt, dass entsprechende Dienstbarkeiten im Zweifel auch zwangsweise eingetragen werden. Die Stadt will aber verhandeln.

Wenn eine Planung mehrere Jahrzehnte in Anspruch nimmt, dann ändern sich schon mal die gesetzlichen Grundlagen, was wiederum Verzögerungen nach sich zieht. „Wir haben einen großen Schritt gemacht mit der Umweltverträglichkeitsprüfung“, nannte Bürgermeister Christian Bauer eine solche Hürde, die es in den 1960er Jahren noch nicht gab. „Die Lösung schaut so einfach aus, eigentlich müssten wir morgen anfangen“, sagte Ottilie Eberl (Grüne). Angesichts des langen Verfahrens meinte ihr Fraktionskollege Johannes Oswald: „Das muss man der Öffentlichkeit erklären, warum das so lange gedauert hat.“ An ihm kann’s nicht gelegen haben, so lange ist er noch nicht im Grafinger Stadtrat. Bei Max Graf von Rechberg überwog die Erleichterung, dass es beim Hochwasserschutz in der Stadt jetzt vorwärts gehen soll. „Ich hoffe, es gibt keinen Streit.“

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