Die bauliche Zukunft der Stadt Grafing: die drei roten Säulen stellen den Raumbedarf der Stadt dar bis zum Jahr 2030, hellgrün sind Flächen in der Bebauungsplanung, gelb sind die Entwicklungsflächen und blau Gewerbefläche. Grafik: kn

Die Bärenstadt als Vorbild

Weg vom alten Reihenhaus

Landkreis - Zukunftsmodell: In der Stadt Grafing könnten die Weichen gestellt werden für neue Wohnformen im Landkreis.

Wohnen ist einfach. Vier Wände, Küche, Bad, fertig. Höchstens noch ein Stellplatz dazu. Aber ist das wirklich so? Das prognostizierte Wachstum im Landkreis Ebersberg wird dazu zwingen, überkommene Wohnformen zu überdenken. In Grafing ist dieser Prozess bereits in vollem Gang.

Die Stadt bedient sich zur Entwicklung als einzige Kreiskommune einer Art basisdemokratischen Werkzeugs, bei dem die Bürger von Anfang an um ihre Meinung gefragt sind. Diese Art der Meinungserhebung offenbart freilich auf den ersten Blick auch erschreckende Fakten. In dem 3D-Modell, das in Zusammenarbeit mit der örtlichen Firma Cadfem entstanden ist, und das die Verwaltung auf ihrer Homepage präsentiert, ragen im Zentrum drei riesige Türme in die Höhe. Sie stellen den Raumbedarf allein in den nächsten 14 Jahren dar, wenn der Ort nur jährlich um ein Prozent an Bevölkerung zunimmt - und das ist konservativ gerechnet.

„Wir sind fast die einzige kleine Kommune in ganz Deutschland, die mit so einem Modell arbeitet“, freut sich Bürgermeisterin Angelika Obermayr. Lediglich die Kommune Tirschenreuth bedient sich auch dieser Möglichkeit. „Das Projekt in Grafing hat sicherlich Vorbildcharakter“, bestätigt Claus Nagel, der Geschäftsführer der an dem Projekt beteiligten virtualcitySYSTEMS GmbH. Ein Beispiel, das Schule machen könnte. „Bei der Präsentation in der Stadthalle war auch der Bürgermeister von Eggenfelden da“, berichtet Obermayr von überörtlichem Interesse an dieser Art von Städteplanung.

Wer die Homepage der Stadt aufruft, gelangt zu dem 3D-Modell. Die Bürger können virtuell durch ihre Straße wandern, können künftige Entwicklungsflächen farblich abgegrenzt sichtbar machen und sich anhand des Modells vor Augen führen, wo künftig neue Siedlungsräume, Gewerbegebiete oder Naturschutzgebiete entstehen werden oder schon vorhanden sind. Das sind nicht unerhebliche Fakten, wenn man sich mit dem Gedanken trägt, hier Eigentum zu erwerben.

Mitsprache erlaubt und erwünscht

Interessant ist die Kommentarfunktion, die einen Blick freigibt darauf, dass auch in der Bürgerschaft Überlegungen im Gang sind, ob das klassische Modell Reihenhaus für die Zukunft noch trägt. Unter anderem wird für die Eigenheimsiedlung an der Sudetenstraße die Frage aufgeworfen, ob das in den Häusern vorhandene Platzangebot noch den Bedarf widerspiegelt, den ältere Eigentümerehepaare haben, wenn die Kinder dereinst das Haus verlassen sollten.

„Wie können bauliche Veränderungen in Siedlungen vorgenommen werden, um bestehenden Wohnraum in kleinere Wohneinheiten zu verwandeln, durch Außentreppen, Dachaufstockungen, Anbauten etc.“ lauten die Fragen, die dort gestellt werden. Fest steht laut Obermayr: „Wir müssen künftig platzsparender bauen, die Grundstücke sind knapp.“ Eine Forderung, die auch in der Vergangenheit schon erfüllt wurde. Die Häuser auf dem Gelände der früheren Gärtnerei Buchner sind bereits viel kleiner, als etwa die in der Sudetenstraße oder am Franziska-Zellner-Weg. Aber: Am Prinzip Reihenhaus hat sich deshalb nichts geändert, nur weil in den vergangenen Jahren der umbaute Raum kleiner wurde. Die Frage wird also künftig vielmehr lauten, ob nicht komplett neue Baumodelle her müssen. Mit ihrem Projekt nimmt Grafing teil an dem staatlich geförderten Projekt „Zukunftsstadt“. Hier besteht ein echtes Mitspracherecht. Einer, der beim Thema Bauen exponiert als „Vordenker“ auftritt, ist der Grafinger Stadtrat und Aiblinger Unternehmer Ernst Böhm. Sein Credo lautet: „Wohnungen für alle!“ Den Weg dorthin skizziert er in einer „Stichwortsammlung“ so: „Kleine, intelligente Grundrisse ermöglichen eine 3-Zimmer-Wohnung mit 50 bis 60 Quadratmetern. Die Kaltmiete beträgt zwischen 450 und 550 Euro und der Kaufpreis für die Wohnung läge zwischen 150 000 und 180 000 Euro. Jedenfalls für den Großraum München wäre dies für jedermann erschwinglich.“ Voraussetzung ist dabei eine modulare Bauweise, Verhandlungsgeschick der Kommune bei der Beschaffung von billigem Bauland und eine nur zehnprozentige Marge. „Das müsste für einen gemeinnützigen oder kommunalen Bauträger reichen“, ist sich Böhm sicher.

Weitere Informationen

samt der Möglichkeit der Meinungsäußerung unter http://grafing.virtualcitymap.de/

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