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„Was soll ich mir wünschen?“ Alexander Gorte (78) sagt, wer viel hat, braucht auch viel. Mit dem was er hat, ist er zufrieden. Essen holt er von einer Tafel, seine Frau kocht davon täglich frisch.

Kette der helfenden Hände

Im Herzen reich

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Altersarmut führt dazu, dass sich Menschen Essen nicht leisten können. Alexander Gorte (78) ist einer von ihnen. Er geht zur Tafel. Was ihm an Geld fehlt, macht er mit einer heutzutage oft mangelnden Tugend wett: Zufriedenheit.

Grafing – Es ist kalt an diesem Novembervormittag. Um Alexander Gorte sammeln sich immer mehr Menschen, sechs, sieben. Um zehn Uhr sind es mehr als ein Dutzend. Menschen, mit bunten Trollys, Stoffbeuteln und abgewetzten, leeren Aldi-Plastiktüten, die auf und ab schlendern, jeder für sich. Eine Frau brummelt auf arabisch.

Die werden doch wie Dreck behandelt, sagt Alexander Gorte. Die Alten, in den Heimen. Erst kürzlich habe er wieder einen Sendung gesehen. Journalisten haben aufgedeckt, dass Pfleger sich nicht um die Menschen kümmern. Sie viel zu lange im Bett liegen lassen. Weil sie wenig Zeit haben und überlastet sind, die Pfleger. Gut, dass es Journalisten gibt, wollte er noch sagen. Er nickte nur. Er habe selbst mal im Altenheim gearbeitet. Er wisse, wie es zu geht, das sei sehr traurig. Wenige draußen wollten das wissen. Es passe nicht in die schöne Welt in Deutschland, in der es allen so gut gehe. Angeblich.

600 Euro Rente: Nach der Miete bleibt nichts

Gorte steht vor einem lachsfarbigen Gebäude in Grafing am Bürgersteig. Auf einem silbernen Schild steht „Tafel Grafing“. Alle hier warten auf Nummern. „Hoffentlich bekomme ich eine gute“, sagt Gorte. Wer in der Tafel Essen abholen will, muss vorher eine Nummer ziehen – wie auf einem Amt. Und Essen wollen alle, die an diesem Tag in der Griesstraße stehen. Einen Euro muss jeder bezahlen, der rein will. Ein symbolischer Euro. Dann dürfen sich alle drinnen bedienen. Diejenigen, die nicht viel Geld haben. Das müssen sie bei der Caritas, die die Tafel leitet, nachweisen.

Es sind arme Grafinger, die hier her kommen und eine Stunde vor der Türe frieren. Für sie geht es um Mehl, Wurst und Shampoo. Auch für Alexander Gorte. Das mit dem Essen sei so eine Sache, sagt Gorte. „Wie viele Leute Essen wegschmeißen“, sagt er. Ein Brot im Müll, eine Schande. Heutzutage wisse niemand mehr, woher das Essen komme. „Aber es ändert sich doch nichts“, sagt Gorte, und haut mit seiner rechten Faust in die linke Handfläche. Bam. Ein Faustschlag, der sagen will: Schaut her Grafinger, nicht alles ist gut. Er trägt schwarze Lederhandschuhe, einen grauen Mantel, darunter eine grün-beige-farbige Jacke und ein kariertes Flanellhemd. 78 Jahre ist er alt, ein stattlicher Mann, kann man sagen. Er riecht nach Tabak.

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Wenn Sie die Aktion „Kette der helfenden Hände“ unterstützen möchten, überweisen Sie Ihre Spende für die „Kette der helfenden Hände“ bitte auf das Spendenkonto des Lions Hilfswerks bei der Raiffeisen-Volksbank Ebersberg; IBAN: DE46 7016 9450 0002 9800 29 (BIC: GENODEF1ASG). Sie können auch über das Spendenkonto des Rotary-Clubs Ebersberg- Grafing spenden: Raiffeisen- Volksbank Ebersberg; IBAN: DE32 7016 9450 0002 5702 62. (BIC: GENODEF1ASG). Falls Sie eine Spendenquittung wünschen, vermerken Sie das bitte bei der Überweisung.

Gorte bekommt 600 Euro Rente. Ein paar hundert Euro kommen noch von seiner Frau. Das reiche gerade so. Wenn die Miete abgezogen ist, „bleibt aber nicht mehr viel“. Nicht genug für Essen, nur für das Nötigste: Milch, Zucker. Für den Rest kommt Gorte jede Woche am Dienstag zur Tafel, wartet geduldig vor dem Gebäude, das der Stadt gehört. Früher hat darin eine Frau gewohnt, als im Hausgang noch gesprenkelte Steinfliesen verlegt und die Türen schmal und klein gebaut wurden. Größere Männer müssen den Kopf einziehen, wenn sie durch wollen.

Die Frau, die darin einst wohnte, musste ausziehen. Sie konnte sich die Wohnung nicht mehr leisten. Heute ist sie selber Kundin der Tafel. Wo früher Küche und Wohnzimmer waren, liegen jetzt Bananen, mit braunen Flecken in grünen Körben, die den Kunden im Geschäft nicht mehr zumutbar sein sollen. Semmeln vom Vortag reihen sich in Körben, Dosenravioli und Ketchup stehen in Vorratsräumen.

Lebensmittel: Einpacken für die Woche.

So viel Ketchup, dass es so lange reichen dürfte, wie es die Tafel schon gibt: 14 Jahre. 50 Freiwillige – vor allem aus Grafing – schnippeln hier Lebensmittel, packen eingetrocknete (aber leckere) Pizzaschnitten ab und geben spontane Kochrezepte. Die Waren stammen von Supermärkten, Bäckerein oder von Bürgern. Es sind Spenden. Die Tafelmitarbeiter holen sie ab. Es gibt Fahrdienste. Mit dem Fahrzeug werden auch behinderte und kranke Bürger beliefert, die es nicht zur Tafel schaffen.

„Wer viel hat, braucht viel“

Gorte zieht seine Nummer. Er langt in das Stoffsackerl und holt eine Quadrat aus Holz heraus. Acht steht drauf. „Passt doch.“ Er steckt sich eine Zigarette an und holt zwei Plastiktüten aus seinem Gepäckträger. Sein weinrotes Fahrrad lehnt an der Hauswand. „Das ist mein Auto“, sagt er. „Damit fahre ich überall hin.“ Ein richtiges Auto hat er noch nie besessen. Auch keinen Führerschein. Urlaub hat er seit 1995 nicht mehr gemacht. Er sei gerne in Grafing zu Hause. Er wohnt in einer kleinen Wohnung, es gibt eine kleine Terrasse und ein Fleckerl Grün. „Da ist mein Urlaub“, sagt er. Er sei zufrieden mit dem, was er hat. Das ist nicht viel. Kleidung kauft er selten, eigentlich gar nicht mehr. „Ich habe ja alles.“ Auf seinen grauen Mantel ist er stolz, seit fünf Jahren hat er ihn, der halte recht warm.

Losen: Die Reihenfolge in der Tafel ist Glückssache.

„Schauen Sie, wer viel hat, der braucht auch viel. Wer wenig hat, der kommt auch gut zurecht.“ Da ist was dran. Gorte weiß, was es heißt, wenig zu haben. Er wurde an der Wolga geboren, hatte deutsche Eltern. Das Leben in Russland sei hart gewesen, er habe viel in der Landwirtschaft gearbeitet. Vor Jahrzehnten kam er nach Deutschland, arbeitete im Heim und als Gebäudereiniger, das Einkommen war wenig. Aus Russland bekommt er nichts, keinen Cent, keine Rente. Obwohl er dort lange gearbeitet hat. Sagt er.

Zufriedenheit ist eine Tugend

Große Worte gibt es oft. Und genauso oft nerven sie, aber in diesem Fall passen sie: Zufriedenheit ist eine Tugend. Gorte beweist das. Er ist beim Brot. Centa Greska ist eine der Helferinnen der Tafel, die hinter dem Tresen mit der Kunststoffplatte in Granitlook steht. „Was mögen Sie“, fragt sie. „Egal“, antwortet Gorte. Es gibt Weißbrot, Brezn, süßes Gepäck. Alles recht für Gorte. Es folgen abgepackte Wurst, Käse, Kartoffeln, eine Banane und Schweinegulasch in der Dose. „Meine Frau kocht jeden Tag frisch“, sagt Gorte. Neben ihm steht ein Mann. Er interessiert sich für Salami. Für viel Salami. Als die Bedienungen nicht schauen, steckt er Wurstpackungen in seine Tüte, vier, fünf. Dann fragt er: „Darf man sich hier bedienen?“

Gorte darf sich etwas wünschen. Vor Weihnachten habe jeder einen Wunsch frei, erklären ihm die Tafeldamen. Nicht mehr als 25 Euro dürfe der kosten. Er könne auf einen Zettel notieren, was er wolle, Kinogutschein, Parfüm, einen Schal. Der Wunsch wandert an den Christbaum in der Stadtbibliothek. Andere können den Zettel ziehen und ihm den Wunsch erfüllen. „Was soll ich mir wünschen?“, fragt Gorte mit seinen Plastiktaschen in den Händen. „Ich brauche nichts. Danke für das Essen“, sagt er und schlendert nach draußen zu seinem Fahrrad. Eine Frau rennt ihm nach: „Sie bekommen einen Gutschein für den Drogeriemarkt“, sagt sie. „Vielleicht kaufen Sie ihrer Frau ein Weihnachtsgeschenk.“ Gorte nickt und schiebt davon.

Kommentar zum Thema

Christoph Hollender kommentiert das Thema Altersarmut und erklärt, was Michel aus Lönneberga damit zu tun hat.

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