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„Ich war schon immer ein Mensch, der sich für die Schwächeren eingesetzt hat“: Helga Schneitler, scheidende Chefin des Sonderpädagogischen Förderzentrums Grafing.

INTERVIEW - Helga Schneitler, Sonderpädagogin, über besondere Kinder und besondere Lehrer

Abschied einer besonderen Frau: „Mein Herz schlägt für die benachteiligten Kinder“

  • Robert Langer
    VonRobert Langer
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Für die Kinder beginnen in Kürze die Ferien, für Helga Schneitler (65), Leiterin der Johann-Comenius-Schule in Grafing, ein Sonderpädagogisches Förderzentrum, beginnt der Ruhestand. Ein Interview zum Abschied.

An der Johann-Comenius-Schule in Grafing wurde gebaut und eine größere Erweiterung steht noch an. Mitten in diesem Prozess gehen Sie.

Wir hatten eine Großbaustelle im Untergeschoss. Wir haben es geschafft, dass der Unterricht nicht zu stark eingeschränkt war. Ansonsten haben wir uns gemeinsam mit dem Landratsamt bemüht, die Arbeiten in Zeiten zu verlegen, in denen keine Schüler da waren. Ich finde es schon schade, dass ich jetzt den kommenden Bauprozess nicht bis zum Ende mit begleiten und mit steuern kann. Ich werde aber schon mal vorbeikommen und schauen, was sich so tut. Und ich gehe davon aus, dass ich zur Einweihung der Erweiterung eingeladen werde.

Sie kamen vor 14 Jahren aus Prien nach Grafing. Haben Sie die Entscheidung für diese Schule jemals bereut?

Nein, niemals. Ich war schon 1983 und 1984 hier an der Schule, direkt nach Beendigung meines Referendariats. Ich hatte Grafing als Anfängerin verlassen und kam als Leiterin zurück.

Was hat Ihnen an der Schule in Grafing besonders gefallen?

Die Menschen, die hier arbeiten und die, die hier Schüler sind.

Können sie das genauer erklären?

Die Lehrer hier sind Sonderpädagogen. Sie genießen eine spezielle Ausbildung, ein spezielles Studium, um mit den speziellen Problemen der Schüler umgehen und ihnen helfen zu können. Das habe ich auch in Grafing bei den Kollegen sofort gespürt und mich wohl gefühlt. Diese Lehrer haben eine besondere Empathie, ein besonderes Einfühlungsvermögen. Sonst würden sie sich nicht für diesen Beruf entscheiden.

War das bei Ihnen auch so?

Sicher. Das hat auch mit meiner eigenen Biografie zu tun. Ich war schon immer ein Mensch, der sich für die Schwächeren eingesetzt hat. Mein Herz hat für benachteiligte Kinder geschlagen. Deshalb auch die Entscheidung für diese Schulart. Hier konnte ich das gut ausleben. Das wäre an einer „normalen“ Schule gar nicht gegangen. Ich würde mich nach all den Erfahrungen die ich gemacht habe, wieder für diesen Beruf entscheiden.

Sie sind jetzt 40 Jahre im Schuldienst. Was hat sich in Ihrem Bereich verändert. Früher hieß das doch mal Sonderschule, oder?

 Früher galt: Zwei mal in der Regelschule sitzen geblieben - ab in die Sonderschule

Helga Schneitler

Zwischen damals und heute liegen Lichtjahre. Schon in Bezug auf den Namen. Heute heißt es sonderpädagogisches Förderzentrum. Das ist auch ein Hinweis darauf, wie wir mit den Kindern arbeiten. Ein Quantensprung war die Einführung der Diagnose- und Förderklasse. Das war 1985. Es gab mehr Lernzeit für die Schüler. Das diagnosegeleitete Fördern steht im Vordergrund. Wir versuchen das Beste aus den Kindern raus zu holen. Die Strukturen wurden gelockert. Früher galt: Zwei mal in der Regelschule sitzen geblieben - ab in die Sonderschule. Jetzt entscheiden die Eltern, ob sie ihr Kind in unserer Schule gehen lassen. Das ist gut so. Wir sehen uns in einer beratenden Position. Die Akzeptanz unserer Schule hat zugenommen, auch wegen des besonderen Angebots, das wir bieten können. Das gibt es in der Form nur an den Förderzentren.

Dennoch wollen viele Kinder beziehungsweise ihre Eltern vom Förderzentrum zurück in die „normale“ Grundschule?

Das ist unterschiedlich, aber durchaus möglich. Die Übertrittszahlen sind stabil. Es geht um den Lernfortschritt. Unsere Kinder sind in ihrer Entwicklung verzögert, wir können ihnen helfen. Es sind auch weitere Angebote vorhanden. Die Georg-Huber-Mittelschule Grafing ist eine Schule mit Schulprofil Inklusion. Da besteht seit vielen Jahren eine gute Kooperation. In der Mittelschule schaffen eigentlich alle unsere ehemaligen Schüler den Abschluss, viele sogar den Quali. Die Zeiten, in denen Kinder mehrmals durchgefallen sind und dann ohne Abschluss die Schule verlassen haben, sind Gott sei Dank lange vorbei.

Können Schüler auch an der Johann-Comenius-Schule Grafing einen Abschluss machen?

Ja. Es gibt sogar zwei Möglichkeiten am Ende der 9. Klasse. Die Prüfungen sind nicht einfach. Danach können viele eine ganz normale Ausbildung machen. Üblich sind schon vorher Betriebspraktika. Meist nach dem zweiten Praktikum, spätestens nach dem dritten klappt es mit einem Ausbildungsplatz.

Ist der Erfolg nach dem ersten, dem zweiten oder dritten Jahr nach der Schule immer noch da?

Das erfahren die Lehrer bei Ehemaligentreffen. Die Ergebnisse sind durchweg positiv. Und es hat sich auch gezeigt, dass unsere Einschätzungen zu den jeweiligen Kindern zum Schulbeginn sehr oft richtig waren. Die Schüler selbst sind sich durchaus bewusst, wo sie schulisch stehen und sie kommen damit zurecht. Sie wissen aber auch, dass sie viel erreichen können, wenn sie sich anstrengen. Und sie wissen, dass ihrer Lehrer alles dafür tun, um ihnen zu helfen.

Was war im Rückblick ihr schönstes Erlebnis an ihrer Schule?

Da fällt mir mein erstes Schulfest ein, das ich hier organisieren durfte. Ich habe erlebt, wie viel Potenzial in den Lehrkräften aber vor allem auch in den Schülern steckt. Das hat mich tief beeindruckt. Danach waren wir eine Gemeinschaft und ich bin ein Teil davon, ein großes emotionales Erlebnis. Es gibt natürlich noch weitere Situationen. Vor vielen Jahren hat mal eine Zweitklässlerin auf dem Gang gefragt: „Du hast aber schon viele Falten. Bist du eine Hexe oder eine Oma?“ Diese Geschichte habe ich immer gerne erzählt. Es gibt aber auch Komplimente nach dem Motto: „Du schaust heute aber schön aus.“ Die Kinder sind einfach erfrischend direkt.

Was haben Sie in ihrer Zeit in Grafing an der Schule erreicht?

Da wäre unter anderem der der Ausbau der Nachmittagsbetreuung, Entwicklung und Ausbau des Schülerfirmenkonzepts für die Klassen 7 bis 9, die Entwicklung eines Konzepts zur Erziehungspartnerschaft und der Aufbau eines spezialisierten Diagnostikteams für Schulaufnahmen.

Das Ende ihrer Laufbahn im aktiven Schuldienst war geprägt durch die Corona-Pandemie. Wie ging es Ihnen damit?

Jede Schule hatte damit erhebliche Probleme, unter anderem, wie wir das mit dem Distanz- und dem Wechselunterricht hinbekommen. Ich habe in dieser Zeit vor allem einen Verwaltungsjob gemacht. Immer wieder neue Briefe und Vorgaben aus dem Kultusministerium mussten gelesen und umgesetzt werden. Das hat keinen Spaß gemacht. Was mir positiv in Erinnerung bleiben wird, ist das Engagement der Lehrer, die sich sehr schnell und intensiv auf den Weg gemacht haben, den Schülern den Lehrstoff digital zu vermitteln. Sie haben selbstständig recherchiert, um herauszubekommen, was möglich ist. Wir haben das zusammen gut hinbekommen. Auch der Förderverein der Schule war sehr aktiv, hat unter anderem Endgeräte für bedürftige Schüler mitfinanziert. Wir konnten damit etwa 20 Familie helfen, die keine digitale Technik zuhause hatten. Das war eine schöne Aktion.

Was bedauern Sie zu Ihrem Abschied?

Da sind noch ein paar Projekte, die ich gerne umgesetzt hätte, zum Beispiel die Installierung einer Kindergartengruppe am Nachmittag, um unseren SVE-Kindern (Einrichtung für Kinder im Vorschulalter , Anm. der Red.) eine zuverlässige Ganztagsbetreuung bieten zu können oder auch die Weiterentwicklung von Inklusionsmaßnahmen und innerschulischen Angeboten für unsere Schüler mit Verhaltensproblemen. Manches war auch wegen Corona nicht möglich. Aber das gebe ich jetzt an meinen Nachfolger weiter.

Was werden Sie ihrem Nachfolger auf den Weg mitgeben?

Zwei Dinge, die neben den umzusetzenden Vorgaben wichtig sind: die Schule in allen Facetten wahrnehmen, kennenlernen und leiten, und die Menschen, die in der Schule lernen und arbeiten, zu stärken nach dem Motto: Gemeinsam sind wir einfach besser.

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