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Musik machen und lesen, das wollen  Hubertus und Maria Ametsbichler, wenn sie demnächst ihr Fotogeschäft in Grafing für immer schließen. 

Ein letztes Lächeln

Nach fast 100 Jahren muss dieser Traditionsladen in Grafing schließen

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Ausgeknipst! Hubertus Ametsbichler (69) wird seinen Laden in Grafing schließen. Wir haben ihn und seine Frau Maria ein letztes Mal besucht. 

Grafing– Wie viele Passfotos bei Foto Ecker in Grafing wohl entstanden sind? Hubertus „Hubsi“ Ametsbichler (69), gelernter Fotografenmeister, weiß es nicht ganz genau. Sehr genau weiß er es aber ab dem Jahr 2006. Es waren 270 945 Aufnahmen, rechnet er nach einem kurzen Blick auf seinen etwas betagten Computer aus. Wie viele es noch werden, wissen er und seine Frau Maria (66) derzeit nicht. Denn das Geschäft wird nach fast 100 Jahren des Bestehens vermutlich im Sommer oder Herbst für immer die Ladentüre schließen. Wieder ein Einzelhandelsgeschäft in Grafing weniger. Im Stadtrat ist bei solchen Anlässen regelmäßig von einer Verödung der Innenstadt die traurige Rede. Schlüssige Konzepte gegen diese Entwicklung existieren nicht.

Seit 1921 gibt es das Geschäft

„Das Geschäft gibt es seit 1921“, sagt Ametsbichler stolz. Gegründet wurde der Fotoladen von seinem Großvater Franz Xaver Ecker. Und der war eigentlich gelernter Hafnermeister. Dass er sich der Fotografie zugewandt hat, war ein Zufall. „Im Winter hatte er ja immer viel Zeit“, wenn die Baustellen ruhten, berichtet „Hubsi“. Ein noch größerer Zufall freilich war, dass er seinen eigenen Laden eröffnete. Wie das kam, weiß Ametsbichler noch genau. Sein Opa habe eine Aufnahme gemacht mit einer damals üblichen Plattenkamera. Das lichtempfindliche Teil habe er zum Entwickeln in den bestehenden Fotoladen am Ort gebracht. Der Fotograf meinte aber: „Da ist nichts drauf!“ Zweiter Versuch. Wieder nix drauf. Dritter Versuch das Gleiche, bis der Fotograf dann meinte: „Wenn du ein Foto von deiner Tochter willst, kann ich dir auch eins machen.“ Eigenartigerweise wusste der Fotograf nämlich, dass Franz Xaver Ecker seine Tochter fotografiert hatte, obwohl doch auf den drei Platten angeblich nichts drauf war.

Ecker gründete kurzerhand sein eigenes Geschäft, das später von der Tochter und dann von Hubertus Ametsbichler weitergeführt wurde. Seine eigene Ausbildung absolvierte er in Ingolstadt. Das war 1968. Dort lernte er auch seine Frau kennen. „Bei Kasspatzn und Fisch. Das war’s dann“, sagt Maria und findet diese erste Begegnung nach vielen Jahren immer noch lustig. Das Menü war gut gewählt, die Beziehung tragfähig bis zum heutigen Tag.

Er sagt jedem, dass er im Internet sparen kann, aber...

Als nicht ganz so tragfähig hat sich die Foto-Branche erwiesen – und schuld daran ist nicht nur der Internethandel alleine, zu dem Ametsbichler ein entspanntes Verhältnis hat. „Kunden, die auf den Preis schauen, kommen gar nicht zu mir“, weiß der 69-Jährige. „Ich sage jedem, dass er im Internet vielleicht 20 Euro oder sogar mehr sparen würde.“ Er habe aber eher Kundschaft, die vor dem Kauf eine Kamera in der Hand halten, ihre verschiedenen Funktionen genau erklärt bekommen will. „Und die nach 14 Tagen oder einem halben Jahr auch mal nachfragen wollen wenn sie etwas vergessen haben.“

Weniger geworden ist es freilich schon. „Früher hatten wir zwei Schaufenster voll mit Ware.“ Das ist vorbei. Richtig schlechter wurde es ab 2004. „Da ist der Fotograf aus der Handwerksrolle gefallen“, bedauert Ametsbichler. Die Folge: „Jeder Depp darf sich heute als Fotograf gewerblich anmelden und macht uns die Preise kaputt.“ Aber ums Geld geht es dem Fotografenmeister nicht, eher schon um die Ehre und den künstlerischen Anspruch. Und damit ist er beim Punkt. Denn seit die Smartphones mit einer Kamerafunktion ausgerüstet sind, habe eine Bilderflut eingesetzt. „Das schöne Foto mit Hintergrund ist nichts mehr wert“, bedauert Ametsbichler. Und konserviert würden derart inflationär entstandene Bilder auch nicht. Die landen – wenn’s gut geht – auf irgendeinem Speichermedium und gehen im Laufe der Zeit verloren, oder wandern bei einem Handywechsel in denElektronikschrott. „Ich drücke selbst oft mit dem Handy drauf“, räumt der 69-Jährige ein, dass er ebenfalls dieser Versuchung unterliegt, etwa dann, wenn er ein Foto mache von der Stadtkapelle Grafing, bei einem Auftritt.

Von Fürstenfeldbruck bis Wasserburg

Sein Einzugsbereich als Fotograf ist groß. Der reicht von Fürstenfeldbruck bis Wasserburg, von der Holledau bis Bad Feilnbach. Auf seiner mobilen Bühne standen insgesamt 82 400 Personen – zum Beispiel für Fotos von Hochzeitsgesellschaften. „Wer solche Gruppenaufnahmen nicht machen kann, der bekommt auch keine Brautpaare“, weiß Ametsbichler genau. Viele Kunden suchen den Fotoladen seit Generationen auf. Wenn eine Mutter mit ihrem Nachwuchs komme, „weiß ich manchmal noch, wie sie als Kind im Studio wegen ihres Diezels geweint hat“, berichtet Maria.

Dass sie und ihr Mann viel Humor haben, wird geschätzt. „Es gibt in ganz Grafing keinen Laden, in dem so viel gelacht wird“, sagt der Meisterfotograf. „Das liegt zum Teil an uns und zum Teil an unseren Kunden.“ Der 69-Jährige hat ein Notizbuch, in dem viele Stichwörter stehen. Jedes erinnert an eine lustige Begebenheit. Ametsbichler hat sich vorgenommen, später einmal ein Buch daraus zu machen. Es ist anzunehmen, dass halb Grafing darin vorkommen wird. Auch die Frau, die bei dem zur Kommunion fälligen Foto zu ihrem Sohn gemeint hat: „Da stellst dich jetzt her und lachst, sonst schmier’ ich dir eine.“

Lesen, lesen, lesen

„Was ich mag, ist, dass die Kunden mir im Laden viel erzählen, dass man ratschen kann. Das werde ich vermissen“, meint Maria nachdenklich. Zu der in ein paar Monaten anstehenden Geschäftsaufgabe gehört die Frage nach den Aktivitäten im Ruhestand wie die Kirche zum Dorf. Hubertus Ametsbichler will wieder mehr Musik machen. Seine Frau Maria will „lesen, lesen, lesen.“ Und malen. Das ist schließlich auch ein „bildgebendes Verfahren“.

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