„Mehr loben als tadeln“– das war stets die Devise von Heinz Heider. Insgesamt war Heider 60 Jahre in Grafing und Umgebung als Nikolaus tätig.  Foto: Stefan Rossmann
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„Mehr loben als tadeln“– das war stets die Devise von Heinz Heider. Insgesamt war Heider 60 Jahre in Grafing und Umgebung als Nikolaus tätig. Foto: Stefan Rossmann

„Mehr loben als tadeln“

Grafinger arbeitete 60 Jahre als Nikolaus - und machte unzählige Kinder glücklich

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
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Heinz Heider aus Grafing blickt auf 60 Jahre Heiliger Mann zurück. Mit der Zeit wurde sein Geschenkesack immer schwerer.

  • Insgesamt 60 Jahre arbeitete Heinz Heider als Nikolaus.
  • Als Heiliger Mann besuchte er eine Familie 45 Jahre lang ohne Unterbrechung.
  • Jetzt liegt sein Nikolaus-Gewand zusammengelegt im Schrank.
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Grafing – Wie viele Kinder schon an ihn geglaubt haben, weiß Heinz Heider gar nicht. Es waren auf alle Fälle ganz viele. Zum Nikolaus wurde der heute 79-Jährige aufgrund einer traurigen Erfahrung, die er machte, als er noch ein kleiner Bub war. Da durften in seiner Schulklasse nämlich alle erzählen, wie das war, als bei ihnen am Vorabend der Hl. Mann zu Besuch gewesen war. „Bei mir war er nicht, ich konnte nichts erzählen“, erinnert sich der Rentner noch heute. Er beschloss so, selbst zum Nikolaus zu werden, später, als Erwachsener, und er wurde ein ganz ausdauernder.

Grafing: Heinz Heider arbeitete 60 Jahre als Nikolaus - bei einer Familie war er 45 Jahre ohne Unterbrechung

Bei der Familie Wieser in Grafing war er 45 Jahre lang ohne Unterbrechung zu Gast. „So lange ihr Kinder habt’s, mach’ ich euch den Nikolaus“ hatte er versprochen. Er hat das eingehalten. Im vergangenen Jahr war er in dieser Funktion dort das letzte Mal. „Nach 45 Arbeitsjahren darf der Nikolaus auch einmal in Rente gehen“, sagt er lächelnd.

Nikolausfeiern fast wichtiger als Weihnachten

Heider sitzt mit seiner Frau Resi in seinem Wohnzimmer und blättert in einem Fotoband. Den hat die Familie Wieser ihm zum Abschied geschenkt, was ihn sehr gefreut hat. In dem Büchlein sind Texte, die die Kinder vortrugen. Auch Noten sind zu sehen von Musikstücken, die sie vorspielten. Auf den Bildern sieht man, wie der Wieser-Clan immer größer wurde. Zum Schluss waren es über 40 Personen – Kinder und Kindeskinder.

„Die mussten aufgerufen werden, weil der Nikolaus muss sich ja persönlich an sie wenden und ihnen dabei in die Augen schauen können“, schildert Heider, wie er seine Auftritte organisierte. „Manchmal hat der Knecht Ruprecht gesagt, jetzt muss ich aber mal meinen schweren Sack abstellen“, so lange habe es gedauert. Dabei ist der Weilhammer Toni, der immer mal wieder den Krampus mimen durfte, ein recht kräftiger Kerl.

60 Jahre Nikolaus in Grafing: Geschenkesack wurde immer schwerer

Mehrere Kramperl hat Heider auf diese Art verschlissen. Wer Jahrzehnte lang den Nikolaus begleiten darf, muss ebenfalls Ausdauer haben. Nikolaus und Knecht Ruprecht kannten sich aus dem Alpenverein und wussten, dass sie sich da aufeinander verlassen können. Der Geschenke-Sack, den der Krampus so zu unzähligen Familien brachte, wurde im Laufe der Jahre immer schwerer. „Äpfel, Nüsse und Orangen gibt es schon lange nicht mehr“, berichtet Heider.

„Mehr loben als tadeln“: Dieses erprobte pädagogische Konzept funktionierte auch bei den Nikolausbesuchen des Grafingers gut. „Die guten Taten am Anfang, dann die schlechten und zum Schluss wieder ein Lob“, erklärt der 79-Jährige die eigene Choreografie, der er immer folgte.

Heider besuchte als Nikolaus eine Generation nach der anderen

Weil das so gut funktionierte, wurde der Nikolaus bei den Wiesers von Generation zu Generation weitergereicht. Der erste Kontakt kam zustande, weil Heider beruflich in der Versicherungsbranche tätig war und in dieser Funktion mit dem traditionellen Autoinstandsetzungsbetrieb in Grafing in der Bergstraße öfter zu tun hatte. Außerdem wohnen die Familien nur 300 Meter auseinander.

„Die Geschenke waren früher nicht üppig“, überhaupt sei damals weniger Aufwand getrieben worden, erinnert sich Heider. Für die Familie Wieser aber wird der Nikolaustag zum großen traditionellen Ereignis, bei dem sich alle treffen, „mehr sogar als zu Weihnachten“, sagt Josef Wieser sen. „Das waren immer die schönsten Familienfeste.“

„Das waren immer die schönsten Familienfeste“

Dass der Grafinger ein guter Nikolaus ist, spricht sich herum, ebenso wie sein Wunsch, dass auf den Zetteln, die ihm zugesteckt werden, alles möglichst groß geschrieben sein soll. Der Wirkungskreis dehnt sich im Laufe der Zeit immer mehr aus – „von Aibling bis nach Anzing, von Neukeferloh bis Tulling.“

Ehefrau Resi (78) durfte deshalb immer mal wieder das strapazierte Gewand restaurieren. „Die Spitzen an den Ärmeln mussten zum Beispiel genäht werden“, berichtet sie. Der Bart aus Hanf war da schon lange einem langen, silbergrauen Exemplar gewichen, schließlich war auch der Nikolaus in die Jahre gekommen.

Die halbe Stunde ist nicht dazu da, 365 Tage im Jahr zu korrigieren.

Heinz Heider

Wer jahrzehntelang Kindern die Leviten lesen soll, macht manchmal selbst allerhand mit. Am traurigsten habe ihn bei seiner Aufgabe gestimmt, wenn er von Eltern an der Haustüre aufgefordert worden sei, den Filius doch „mal so richtig ranzunehmen“. Heider richtet sich auf seiner Wohnzimmercouch auf, setzt sich gerade hin, überlegt einen Moment und sagt dann das, was er in so einer Situation auch zu den Eltern immer gesagt hat: „Diese halbe Stunde ist nicht dazu da, 365 Tage im Jahr zu korrigieren.“

Heinz Heider weiß: „Kinder wollen an den Nikolaus glauben“

„Kinder wollen an den Nikolaus glauben“, weiß Heider aus Erfahrung. Sie wollen an ihrem Glauben festhalten, auch wenn mal solche Sätze fallen wie: „Der Nikolaus hat ja dieselben Schuhe an wie der Papa.“ Das ist eine Bemerkung, die von Heiders eigener Tochter stammt. Deren Kinder wiederum, also die Enkel Heinz Heiders, erhielten ebenfalls Besuch vom Hl. Mann.

Und als sie alt genug waren, beschloss Heider, sich in Absprache mit seiner Tochter beim letzten Besuch selbst zu erkennen zu geben. „Sie waren nicht enttäuscht, aber sie waren überrascht“, berichtet der 79-Jährige über die Reaktion seiner Enkel.

Nach 60 Jahren als Nikolaus: Gewand liegt nun zusammengelegt im Schrank

Insgesamt war Heider 60 Jahre in Grafing und Umgebung als Nikolaus tätig. Die traditionelle Kleidung, die er dabei trug, stammt noch von seiner Mutter, die ebenfalls als Nikolaus unterwegs war und von der er den Job (mit Unterbrechung) sozusagen erbte. „Jetzt liegt das Gewand zusammengelegt im Schrank“, berichtet Ehefrau Resi. „Es wäre aber noch gut.“

Im Landkreis Ebersberg werden 14 Asylsuchende bald eine Villa im Millionärsviertel beziehen. Der Bürgermeister wurde darüber nicht informiert. Und in Pliening wollte ein Mann einen Buben bestehlen. Doch der Elfjährige reagierte goldrichtig.

(Von Michael Seeholzer)

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