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Opfer bleibt man ein Leben lang: Die Redakteure Jörg Domke und Michael Seeholzer im Gespräch mit Martin Ache und Peter Augustin vom Weißen Ring (v.l.) . Im Vordergrund Erich K., der bei dem Messerattentat schwer verletzt wurde.

Folgen bleiben ein Leben lang

Opfer von Amoklauf in Grafing: „Ohne den Taxifahrer wäre ich tot“ 

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„Wenn der Taxifahrer nicht gewesen wäre, wäre ich heute tot“, ist sich Erich K. (Name geändert) sicher. Der 56-Jährige aus dem südlichen Landkreis Ebersberg ist eines der Opfer des blutigen Amoklaufs von Grafing-Bahnhof, der sich am 5. Mai jährt.

Landkreis – Erich K. hat den Amoklauf von Grafing Bahnhof am 5. Mai 2016 überlebt. K. flüchtet damals in ein Taxi. Der Messerstecher taucht noch einmal kurz am Fenster auf dann geht’s in schneller Fahrt in die Kreisklinik Ebersberg. K. wird notoperiert. Einen Verfahrenstermin gibt es noch nicht, bestätigt die Staatsanwaltschaft München II. „Da kommt alles wieder hoch“, schaut K. trotzdem bereits mit Sorge auf diesen Tag. Und während die Öffentlichkeit gespannt darauf wartet, dass dem Täter der Prozess gemacht wird, sind die Opfer aus dem Blickfeld verschwunden, die schwer an den Folgen der Tat zu leiden haben. So wie Erich K.

Dass zu jedem Täter aber auch Opfer gehören, daran erinnert der Weiße Ring, eine Hilfeorganisation, am Tag der Opferhilfe. Er ist jährlich immer am 22. März. Der Weiße Ring besteht im Landkreis Ebersberg aus Martin Ache, Peter Augustin und Carola Baumgartner. Eine kleine Mannschaft. Ein ehemaliger Banker, ein pensionierter Polizist und eine Psychologin.

„Die haben mich aufgefangen“, berichtet K., der sich ein paar Tage nach dem tiefen Messerstich selbst aus dem Krankenhaus entlassen hatte. „Ich bin raus aus der Klinik und hab gedacht: Hurra, du lebst. Aber dann ist es losgegangen.“ Er habe selbst gemerkt, dass er dringend psychologische Hilfe braucht. „Der Weiße Ring hat mit dabei sehr geholfen.“

In der Kreisklinik wurde Erich K. von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Die Reporter waren ihm zu aufdringlich. „Ich wollte das nicht.“ Medienschelte betreibt er nicht. Als am Tag des Amoklaufes seine Schwiegermutter nach einem Sturz hilflos im Garten lag, sei sie von einem Medienvertreter sogar ins Krankenhaus gebracht worden. K.’s Familie hat in der Zeit vor einem Jahr Schlimmes mitgemacht. Der jüngere Bruder des Amoklaufopfers saß in dem verunglückten Meridian, wurde schwerst an der Wirbelsäule verletzt und ist bis heute noch nicht gesund. Als K. in die Kreisklinik eingeliefert wurde, lag auch seine Frau im Krankenhaus. „Ich musste die Nachbarschaft bitten, mir aufs Haus aufzupassen“, erinnert sich K.

Der Weiße Ring sorgt auch dafür, dass die Opfer Geld aus der Stiftung Opferhilfe Bayern bekommen. Das Schmerzensgeld ist jedoch mehr ein symbolischer Akt. Im Fall von K. haben Ache, Augustin und Baumgartner dafür gesorgt, dass er ein paar Tage Urlaub machen konnte. Dafür werden Spenden gesammelt.

Manchmal muss das Team dabei nachhelfen, dass den Opfern in ihrer Not wenigstens finanziell beigestanden wird. So war das nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum auch. „Wenn die Kameras an sind, lächeln die Politiker rein, tun aber dann nichts“, berichtet Augustin empört. Auch in München sei das so gewesen. Bis man einen Brandbrief an den Oberbürgermeister geschrieben habe. Dann erst sei Bewegung reingekommen. „Er hat sich schriftlich bei uns entschuldigt.“

Erich K. bleibt weiter in psychologischer Behandlung. „Alle drei Wochen gehe ich ins Krankenhaus. Die helfen mir.“ Auch der Weiße Ring steht ihm weiter bei. Die Betreuung soll die seelischen Folgen abmildern. „Da müssen wir noch ein paar Steine wegrollen“, sagt das Opfer. Körperlich hat er sich erholt. „Man merkt schon noch, dass da was dringesteckt ist“, sagt er und deutet auf seine Brust. Für die Betreuungsgespräche nimmt er sich Zeit. „Das ist immer am Vormittag um 11 Uhr berichtet er. „Das kann man nicht nach einem langen Arbeitstag machen.“ Sein Arbeitgeber, die Stadt München zeigt Verständnis dafür – auch deswegen, weil Erich K. sehr schnell an den Arbeitsplatz zurückgekehrt ist nach dem furchtbaren Erlebnis.

Die Gesellschaft scheut den Kontakt mit den Opfern. „Ein Verdrängungsmechanismus“, glaubt Ache. Als der Weiße Ring vor einem Jahr einen Infostand vor dem Ebersberger Einkaufszentrum aufstellen wollte, wurde ihm das untersagt. „Wir mussten in eine Seitenstraße umziehen“, berichtet Augustin. Niemand wolle daran erinnert werden, dass man selbst einmal Opfer sein könnte. 

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