Geht mit Rollator: Johannes Buchner. Foto: Jantz

Gutachter sagt auch aus

Opfer des Grafinger Amoklaufs: Bin der Verlierer

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Für Johannes Buchner aus Grafing ist seit dem Amoklauf von Grafing-Bahnhof nichts mehr wie es war. Am Mittwoch sagte er als Zeuge vor Gericht aus.

Grafing – Johannes Buchner (59) aus Grafing war ein Bär von einem Mann. Er schlief nachts nur drei Stunden, war immer draußen unterwegs, fuhr 180 Kilometer mit dem Radl, ging in eineinhalb Stunden auf den Wendelstein. Doch das geht jetzt alles nicht mehr. Seit ihn Paul H. (28), der psychisch kranke Messerstecher von Grafing, am 10. Mai 2016 niedergestochen hat, kann er nicht mehr arbeiten und kaum mehr etwas machen, was ihm früher Freude bereitet hat.

„Ich bin rundum nur der Verlierer“, sagt er als Zeuge vor der 1. Strafkammer des Landgerichts München II, wo er mit dem Rollator vorgefahren ist. „Ich war damals 40, jetzt bin ich 80.“

Buchner sagte einfach nur im Reflex: „Ich bin für Allah“

Am Morgen jenes verhängnisvollen 10. Mai war Johannes Buchner ziemlich am Ende seiner Tour als Zeitungszusteller angekommen. Letzte Etappe: Grafing-Bahnhof. Nahe der Verkehrsinsel lief plötzlich Paul H. an ihm vorbei. Er bekam einen Schlag ins Kreuz, H. schrie „Du Ungläubiger!“ Buchner wusste gar nicht, wie ihm geschah und sagte einfach nur im Reflex: „Ich bin für Allah.“ Da habe ihn Paul H. komisch angeschaut und sei davon gelaufen. Der Zeitungsausträger wollte hinterher. „Ich hätte mir das nicht bieten lassen. Wer mich kennt, der weiß das.“ Doch sein Körper machte nicht mehr mit. Das rechte Bein knickte weg, er brach zusammen, sackte zu Boden und schlug sich dabei auch noch vier Zähne aus. In diesem Moment dämmerte es ihm, dass es vielleicht ein Messerstich war. Er lag am Boden und schrie: „Hilfe, Hilfe, ich verblute!“ „Schattenmäßig“ sah er noch in der Ferne, wie der Angreifer auf einen anderen einstach.

Ein Rettungshubschrauber brachte den Grafinger in die Unfallklinik Murnau, wo eine unvollständige Lähmung festgestellt wurde. Ganz knapp ist er einer Querschnittslähmung entkommen. In der Klinik wurde seine Wunde versorgt, er bekam Infektionen.

Die Wochen in der Klinik seien „die Hölle“ gewesen

Die neuneinhalb Wochen in der Klinik seien „die Hölle“ für ihn gewesen, sagt Buchner. „Ich schlafe nur drei Stunden. Ich muss normalerweise den ganzen Tag raus.“ Nun ist er zu 30 Prozent behindert und wird alle zwei Monate fortlaufend krankgeschrieben. Er habe große finanzielle Verluste zu verbuchen. Mit dem Geld, das er von der Berufsgenossenschaft bekomme, habe er im Monat 1000 Euro weniger zur Verfügung als früher. Er wisse nicht, wie es weitergehe, ob er Rente bekomme. „Ich habe allgemein einen Zorn. Nicht wegen der Tat, sondern wegen dem Staat. Der Angeklagte kostet ihn viel Geld. Fürs Opfer hat er nichts übrig.“

Paul H. entschuldigt sich bei Johannes Buchner. „Es tut mir leid, ich wollte das nicht.“ Er werde versuchen, sein Opfer so gut wie möglich zu entschädigen. „Ich werde mir was einfallen lassen.“ Schon zu Auftakt des Prozesses hatte sich Paul H. entschuldigt

Buchner nahm die Entschuldigung im Gerichtssaal an. Am Donnerstag, 17. August, soll das Urteil fallen. Maßgeblichen Einfluss darauf könnte die Aussage des Gutachters vor Gericht haben, der Paul H. die Schuldunfähigkeit zur Tat attestierte

Die Ebersberger Zeitung hat bereits im Vorfeld des Prozesses mit Johannes Buchner gesprochen. Er erzählte zum ersten Mal, wie er den Tag erlebt hat

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