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Paul H. vor Gericht – er bereut seine Bluttat vom vergangenen Jahr.

Messerattacke in Grafing

Das blutige Geständnis von Paul H.: „Ich dachte, ich muss alle umbringen“

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An diese Bluttat wird sich Grafing noch lange erinnern. Im Mai 2016 griff Paul H. am Bahnhof in Grafing wahllos Menschen mit dem Messer an. Vor Gericht ist er geständig. Das Protokoll des Wahnsinns.

Grafing/München - Simona W. knetet ihre Hände. Voller Qualen folgt sie der Verlesung der Anklage. Die ist ihr nicht fremd, doch öffentlich zu hören, wie ihr Mann gestorben ist, wie er praktisch von einem psychisch Kranken in der S-Bahn mit neun Messerstechen hingerichtet wurde, erreicht eine ganz andere Dimension. Wenige Plätze weiter hat Johannes B. (56) seinen Rollator geparkt. Auch er ist Opfer des Grafinger Attentats und seitdem auf ein Gehwagerl angewiesen. Auch er stellt sich dem Prozess am Landgericht München II, der noch einmal schonungslos die ganze Brutalität jenes Junimorgens präsentiert.

Mit monotoner Stimme berichtet Schreiner Paul H. (28), wie er aus einer Psychiatrie im hessischen Gießen geflohen war, weil er am Fenster Stimmen von Flüchtlingen gehört haben wollte, die zum Heiligen Krieg aufriefen. Er steuerte die Azoren an, wo er als Kind mit seinem Opa glückliche Jahre verbracht hatte. Psychisch schwer krank und durch Drogen- wie Alkoholmissbrauch massiv geschädigt, befürchtete er, dass die Muslime ganz Deutschland ausrotten wollten. Dass er schließlich in aller Herrgottsfrühe in Grafing Bahnhof strandete, war purer Zufall.

Tödliche Messerattacke in Grafing: Bilder vom Tatort

Natürlich herrschte hier um vier Uhr Früh gähnende Leere. Paul H. interpretierte sie dahingehend, dass seine Fantasie-Feinde die Bevölkerung schon getötet hatten. Er versuchte ein Taxi zu besteigen, niemand öffnete ihm, er läutete an verschiedenen Haustüren, niemand öffnete. Er ging zum Bahnhof zurück, drehte sich „einen letzten Joint“ und erkannte seine allerletzte Chance zu Überleben, indem er Allah ein „Menschenopfer“ brachte.

Das erste Opfer war Manfred M.

Das erste Opfer, das er sah, war Manfred M. Der Kraftfahrer wollte mit der S-Bahn zur Arbeit fahren. Plötzlich bekam er einen Schlag auf die Brust. „Ich habe nur Strümpfe gesehen“, erinnert er sich. Tatsächlich hatte sich Täter Paul H. die Schuhe ausgezogen, weil ihm die Füße so brannten. In seiner Einbildung hatten ihm Muslime Wanzen in die Schuhe gelegt. Manfred M. konnte sich geistesgegenwärtig ins nächste Taxi retten. Der Taxler fuhr ihn ins Krankenhaus Ebersberg, wo er notoperiert wurde. Der 56-Jährige erlitt neben der Stichverletzung noch einen Brustbein-Bruch. Die körperlichen Wunden sind wieder verheilt, die seelischen noch längst nicht. S-Bahn-Fahren kann er nicht mehr. Er kaufte sich ein neues Auto. „Einen Benziner, weil dieses Kasperltheater....“, sagt er und sorgt mit dem Seitenhieb auf die Diesel-Diskussion für einen Moment der Erheiterung.

Paul H. lacht nicht. Er berichtet von Opfer zwei und drei. Wahllos hatte er auf Jens O. (44) und Johannes B. (56) eingestochen. Sie waren ihm in den Weg geraten. „Ich dachte, ich muss alle umbringen“, sagte er. Dadurch erhoffte er sich, vollständig zum Islam konvertieren zu können. Mehrfach schrie er „Alluha akbar“. Dann ermordete er Siegfried W. Er stach ihm erst in den Hals, verfolgte ihn in die S-Bahn, befahl ihm, sich hinzulegen und rammte ihm neunmal das Messer in den Körper. Dann wollte er seinem Opfer den Kopf abschneiden. Es gelang nicht. „Ich hatte keine Kraft mehr“, erinnert sich der 28-Jährige. Er ging zum Bahnhofs-Vorplatz und ließ sich widerstandslos festnehmen. Von Polizisten, die er für verkleidete Muslime hielt, die ihn ins gelobte Land, ins Paradies, bringen würden. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

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