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Liebevoll dekoriert hat Hans Nömer (80) aus Straußdorf seine Küche und die ganze Wohnung in dem 110 Jahre alten „Millihäusl“.
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Liebevoll dekoriert hat Hans Nömer (80) aus Straußdorf seine Küche und die ganze Wohnung in dem 110 Jahre alten „Millihäusl“.

Ein Besuch beim letzten Bewohner im Straußdorfer Gemeindehaus

Der Robinson von Straußdorf und sein Millihäusl

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Sein ganzes Leben schon wohnt Hans Nömer (80) im selben Haus in Straußdorf. Jetzt ist er dort allein, seit ihm sein bester Freund und Nachbar weggestorben ist. Hans Nömer und sein Millihäusl – das ist mehr als ein Mietverhältnis. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft.

  • Hans Nömer aus Straußdorf ist der letzte Bewohner im dortigen Millihäusl.
  • Das unscheinbare Gebäude hat eine bewegte Geschichte.
  • Der Mieter pflegt und liebt seine Heimat trotz aller Widrigkeiten.

Straußdorf Hans Nömer hockt in dunkler Jogginghose und passendem Fleece-Pulli auf seinem hölzernen Küchenstuhl. Über ihm der Herrgottswinkel mit dem Kruzifix, dazu ein Strauß Plastikblumen, drum herum Schwarz-Weiß-Fotos und weiße Porzellan-Engerl. Nömer, 80 Jahre alt, lächelt wie einer, der gelernt hat, dass man der Welt die Zähne zeigen muss. „Ich mache da herin das Licht aus“, sagt er. „Ich bin der Letzte.“

Wie Robinson Crusoe - allein auf einer Insel

Wie einst Robinson Crusoe auf seiner Insel, das sagt Nömer selbst, kommt er sich in seinem Millihäusl in Straußdorf vor. Es heißt so, weil die Bauern aus der Umgebung ihre Milch dorthin in den Eiskeller brachten. Von dem Zwischenlager aus ging es weiter zur Molkerei. Und wer wollte, konnte sich mit dem Millikandl anstellen und den Bauern ein paar Liter abkaufen. In dem 110 Jahre alten Bau quartierte die damalige Gemeinde Straußdorf nach dem Krieg Flüchtlinge und Bedürftige ein – in den Fünfzigern lebten in sieben Wohnungen 28 Menschen. Jetzt ist es nur noch einer. Und der wohnt schon sein ganzes Leben dort.

Das Straußdorfer „Millihäusl“ von außen.

Nömer hat sich von oben bis unten durch das historische Haus gewohnt

Die Stadt Grafing, die das Gemeindehaus mit der Gebietsreform in den Siebzigern erbte, würde es am liebsten abreißen, vermutet Nömer. Doch er will bleiben, bis er ganz die Augen zumacht. In drei Etappen hat er sich über die Jahrzehnte von oben bis unten durch das Haus gewohnt. Einmal ist er umgezogen, weil die Wohnung unterm Dach frei wurde, das zweite Mal, weil die Stadt gefürchtet habe, jenes Dach könnte in einem schneereichen Wintern zusammensacken. Der Bergblick fehlt ihm. Immer wieder hat er in dem Gebäude neue Böden verlegt, die Fenster gekittet, die Wände gestrichen. „Der Arbeit nach gehört es mir“, sagt er über sein Millihäusl.

Die Deko macht die blank geputzte Wohnung zum Gesamtkunstwerk

An den Wänden um ihn herum ist kaum ein Fleck frei. Zwischen Kruzifixen und Heiligenbildern hängen mehrere Wanduhren. Daneben Familienfotos, dazwischen bunte Wandtattoos und Schriftzüge wie „Lieblingsplatz“, „Wellness“, „Gelassenheit“. Auf spitzendeckchengedeckten Regalen und Anrichten: Plastikblumen, Häschenfiguren, Kuscheltiere, Nippes.

Bunt dekoriert und perfekt aufgeräumt: Hans Nömer in seinem Wohnzimmer.

Mitten in dem bunten Sammelsurium hat sich Nömer zu kompakten knapp über anderthalb Metern Körpergröße aufgerichtet, schaut in die Runde und streicht sich schmunzelnd über die weißbeflaumte Schläfe. „Mit dem Alter wird man nicht nur kleiner, sondern auch kindischer“, sagt er. Über die Jahre hat sich so viel Deko angesammelt, dass der Platz knapp wird. Kitsch, würden manche sagen. Aber die Wohnung mit den manchmal abgenutzten, aber immer blitzblank gewienerten Möbeln, Teppichen, Böden und Fliesen ist ein Gesamtkunstwerk.

Bis vor drei Jahren gab es nur ein Plumpsklo - Vor die Wohnungstür muss er immer noch, wenn er mal muss

104 Euro Miete verlangen die Grafinger von ihm für die dreieinhalb Zimmer im ersten Stock. Wenn Nömer aufs Klo muss, stapft er bei der Wohnungstür hinaus, die Stiege hinab ins Erdgeschoss. Dort hat die Stadt vor drei Jahren ein Wasserklosett eingebaut, das erste, einzige und letzte in dem Haus. Zuvor gab es nur das Plumpsklo im Garten, das alle Bewohner nutzten. „Im Winter war es ein bisserl frisch“, sagt Nömer, und kneift beim Schmunzeln die Augen zusammen. „Da hast du geschaut, dass du zügig abzwickst.“

Die Ölkanne schleppt er in den ersten Stock, um einzuheizen

Der Regen prasselt auf den Straußdorfer Asphalt. Die Doppelfenster halten den Straßenlärm draußen und die Wärme drinnen. Weil es für einen Sommertag sauber zu kalt ist, hat Nömer im Gartenschuppen Heizöl in eine Kanne gefüllt. Die schleppt er die Stufen hinauf, damit er seinen Ölofen befeuern kann. Inzwischen macht er die Ölkanne nur noch halb voll, damit er sich mit seinen 80 Jahren ein bisschen leichter tut.

Hans Nömer ist schlecht zu Fuß. Er hat Herzoperationen hinter sich und Diabetes. Dazu ein bisschen Grauen und ein bisschen Grünen Star. Und dass er sich 42 Jahre lang auf Münchner Baustellen als Eisenflechter durchs Leben gebuckelt hat, haben ihm seine Bandscheiben nicht verziehen. Aber so ist das, wenn man alt wird. „Ich bin zufrieden“, sagt er.

Jeden Tag fährt er zum Einkaufen - dafür teilt er sich die Rente ein

Jeden Tag setzt er sich auf seinen Piaggio-Roller und fährt nach Grafing zum Einkaufen. Denn mehr als den gelben Postkasten vor Nömers Haustür hat Straußdorf in Sachen Infrastruktur nicht zu bieten. Meistens fährt er zum Discounter. Mit knapp 800 Euro Rente, von denen neben der Miete auch noch rund 200 für die Krankenkasse draufgehen, macht er keine großen Sprünge. Und Urlaub schon gar nicht. „Ich teile mir das ein“, sagt er. „Ich bin zufrieden.“

Nömer schätzt den gelegentlichen Ratsch mit den Nachbarn am Gartenzaun oder mit Verwandten im Ort, so vereinsamt er nicht. Einkaufen, kochen, putzen, Wäsche waschen – sein Tag ist ausgefüllt. Das Haus ist groß, und Nömer putzt für sich allein. Für ihn ist immer Kehrwoche. Und wenn er abends um viertel nach acht den Fernseher einschaltet, dann meistens nur für eine halbe Stunde, bevor ihm die Augen wehtun und er ins Bett geht.

Ein Stillleben in der Fensternische.

Als er sich den Arm bricht, beginnt ein „Hungerleider-Geschäft“

Schlimm wird es nur, wenn er nicht so recht tun und lassen kann, was er will. So richtig gestrandet wie Robinson Crusoe auf seiner Insel ist er sich heuer im Frühjahr vorgekommen. Da ist ihm beim Einparken der Roller umgekippt, als er noch draufsaß. Nömer brach sich den Arm – und musste mitten in der Pandemie mit dem Bus nach Grafing fahren, der auch nur alle paar Stunden geht. „Das war ein Hungerleidergeschäft“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Und dann stirbt auch noch sein bester Freund

Aber wenigstens hat da der Peter noch gelebt. Der Müller Peter war der beste Freund vom Nömer Hans. Und 32 Jahre lang sein direkter Nachbar, Tür an Tür. Die beiden haben sich öfter auf ein Bier oder einen Ratsch zusammengesetzt, haben sich mit Werkzeug ausgeholfen, der Peter hat dem Hans die Haare geschnitten. Und sonntags hat der Hans für zwei gekocht. „Da schmeckt es besser als allein.“ So gut haben sich die beiden verstanden, dass im Ort schon gemunkelt wurde, die beiden Einzelgänger – der ewige Junggeselle Nömer und der geschiedene Vater von zwei Kindern Müller – hätten was miteinander gehabt. Nömer schüttelt den Kopf. „Wir sind einfach immer gut ausgekommen.“ Sie hatten am gleichen Tag Geburtstag, Peter Müller Jahrgang 1950, Hans Nömer 1940.

Sie hätten gemeinsam runden Geburtstag gefeiert

Heuer hätten sie am 30. Mai gemeinsam einen Runden gefeiert. Doch seinen 70. Geburtstag hat Peter Müller nicht mehr erlebt. Lungenkrebs. „Ich habe ihn immer geschimpft mit seiner Raucherei“, sagt Nömer. Seine Miene hat sich verfinstert. Als Müller ein paar Wochen vor seinem Geburtstag immer schlechter Luft bekommt, packt Nömer seinem Nachbarn die Sachen zusammen und funkt die Palliativstation in Ebersberg an.

Schon länger hat er seinem todkranken Freund quasi den Haushalt geschmissen, nach mehr als drei Jahrzehnten Nachbarschaft ist das für Nömer eine Selbstverständlichkeit. „Ich habe für ihn getan, was ich konnte“, sagt er. Seine Stimme zittert. Nur der finale Abschied war ihm nicht vergönnt. An dem Aprilmorgen, an dem Peter Müller ins Krankenhaus soll, verlässt Hans Nömer für ein paar Minuten dessen Wohnung, um in der Arztpraxis anzurufen. Als er wiederkommt, hat sein Spezl und Nachbar aufgehört zu atmen. „Das hat er ausgenutzt.“

Technik von früher: Ein Blick ins Treppenhaus.

Das Koi-Becken im Garten und die Vogel-Voliere erinnern an den verstorbenen Nachbarn

Weil es für einen Moment zu regnen aufgehört hat, hat sich Nömer rausgetraut. Knarzende Stufen hinunter, vergilbte Wände entlang, durch rissige Türen hindurch. Nun steht er im Garten hinter dem Haus. Dort erinnern ihn die verwaiste Voliere und das leere Koi-Becken im Schuppen an seinen verstorbenen Freund. Fische und Vögel – „Tiere hat er gern gehabt“, sagt Nömer. Früher sind sie manchmal gemeinsam mit ihren Motorrollern losgefahren, auf ein Bier oder zwei. „Heute muss ich nur über die Straße gehen, damit ich die Leute treffe, mit denen ich früher beim Wirt war“, sagt Nömer. Mit dem Finger deutet er hinüber in Richtung Friedhof.

Das Millihäusl ist ein Schicksalsort

Nömer und sein Millihäusl wirken in diesem Moment wie aus der Zeit gefallen. Wie Relikte von früher. Doch wenn es nach dem 80-Jährigen geht, dann macht er noch zehn Jahre sein Ding. Gerne auch länger – „aber besser nicht übertreiben“. „Ich bin zufrieden“, sagt er zum dritten Mal. Solange es irgendwie geht, will er sein Leben ohne fremde Hilfe im Griff behalten, das Altenheim wäre die absolute Notlösung. Lieber im Millihäusl den Robinson machen. Oder den letzten Mohikaner. Es ist sein Reich, seine Heimat, sein Schicksalsort. Er schaut auf das Haus. Es wird ihn wohl nicht lange überleben, wenn es doch einmal soweit ist. Hans Nömer sagt: „Für mich tut’s es.“

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