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Um die 800 Touren, schätzt der Grafinger Anton Weilhammer, hat er seit 1973 geleitet. Ans Aufhören denkt der 76-Jährige noch lange nicht. Nur so hoch hinaus wie früher geht’s nicht mehr. 

Toni Weilhammer - König der Berge

Einer der ältesten Tourengeher Bayerns kommt aus Grafing

Mit 76 Jahren ist er der König der Alpen: Toni Weilhammer. Noch immer kraxelt der Rentner auf Berge. Seine Geschichte und wieso er 1993 fast verblutet wäre. 

Grafing – Winter 1993. Minus zehn Grad, Schnee, Eis, Wind – mitten in den Tiroler Alpen. Anton Weilhammer (51) und seine Bergkameraden machen sich auf den Weg vom Meißner Haus zurück ins Tal. Doch die Abfahrt mit den Skiern ist gefährlich: Der Schnee ist an einigen Stellen geschmolzen; lose, kantige Steinbrocken ragen heraus. Weilhammer und seine Leute können daran mit ihren Brettern hängen bleiben und sich aufschlitzen.

Weilhammer sagt noch zu seinen Leuten, dass sie aufpassen sollen. Ausgerechnet er, der Tourenführer, bleibt dann jedoch mit einem Skier an einem der Felsen hängen. Er überschlägt sich, stürzt und fällt mit seinem Kopf auf einen der Gesteinsbrocken. Blut tropft aus einer zehn Zentimeter klaffenden Wunde. Sie zieht sich von der Stirn bis zur Schläfe. Er droht zu verbluten.

Ein Risiko ist immer dabei - Aber das ist egal!

Heute ist Anton Weilhammer, von allen nur Toni genannt, 76 Jahre alt. Von der Wunde ist nichts mehr zu sehen, nicht einmal eine Narbe hat der ausgebildete Skihochtourengeher aus Grafing davon getragen. Blaue Augen gucken aus seinem gebräuntem und wettergegerbten Gesicht, an dem sich Weilhammers große Leidenschaft ablesen lässt: das Bergsteigen.

Gesund und munter sitzt er am Holztisch seines Wohnzimmers neben dem Kachelofen. „Das hätte natürlich auch anders ausgehen können“, gibt Weilhammer nachdenklich zu. Seit fast einem halben Jahrhundert leitet der Rentner ehrenamtlich Touren für den Deutschen Alpenverein (DAV). Angst habe er bei seinen Touren nicht. „Ein gewisses Risiko ist natürlich immer dabei“, sagt er.

So wie bei seinem Sturz im Jahr 1993. Weilhammer hat Glück im Unglück: Eine der Kursteilnehmer ist ausgebildete Krankenschwester; sie verarztet ihn notdürftig für die Fahrt bis zur nächsten Hütte. Die Wirtin bringt ihn von dort ins Innsbrucker Krankenhaus. Seine Frau Anna (70), kurze, weiße Haare, Brille, sportliche Figur, begleitet ihn gelegentlich in die Berge. Sie sieht das genauso. „Es kann immer etwas passieren. Aber damit muss man leben“, sagt sie. Ihr Mann ergänzt schmunzelnd: „Wir sind jetzt seit fast 50 Jahren verheiratet, da kennt sie mich recht gut.“

Es gibt wohl keinen Dreitausender, den ich noch nicht bestiegen hat

Um die 800 Touren, schätzt Weilhammer, hat er seit 1973 geleitet. Ob ein Aufstieg zum Stromboli in Italien, eine Tour zum Gipfel des Mont Blanc in Frankreich oder eine Wanderung im Schweizer Wallis. Er selbst sagt: „Es gibt wohl kaum einen Dreitausender in Österreich, den ich noch nicht bestiegen habe.“ Dass das Tourengehen nicht nur heile Bergwelt bedeutet, erlebt er schon als 31-jähriger bei einer seiner ersten Touren: Bei einem Aufstieg zur Jamtalhütte im Tiroler Land muss er mit ansehen, wie vor ihm eine Lawine eine Gruppe französischer Tourengänger verschüttet.

Für den Großteil der Gruppe kommt jede Hilfe zu spät. Die Lawine trägt sie sechs Meter über den felsigen Boden. Sie ersticken unter dem nassen, schweren Schnee. Weilhammer und seine Tourteilnehmer können jedoch ein Mädchen und einen jungen Mann aus dem Schnee befreien. Das Bein des Mädchens ist verdreht; es steht unnatürlich ab. Auf ihrem Rücken klafft eine tiefe Fleischwunde. Das sei kein schöner Anblick gewesen. sagt er. Er habe einfach nur noch funktioniert und so gehandelt wie er’s gelernt habe – fast wie ein Roboter.

Die Knie

Von solchen Erlebnissen lässt Weilhammer sich aber nicht abschrecken. Er macht immer noch Skitouren, auch wenn er in den letzten Jahren kürzer treten musste. Touren bis 1400 Meter wie etwa auf den Großen Arber im Bayerischen Wald kann er noch gehen. Längere Strecken machen seine Knie aber nicht mehr mit.

Auch im Sommer ist Anton Weilhammer in den Bergen unterwegs. Um neue Wanderwege für den Winter auszukundschaften, wie er sagt. Wenn die Gipfel nicht schneebedeckt sind, packt der Grafinger seine Wanderschuhe und Skier ein und holt das Mountainbike aus der Garage. Er brettert über steile Hänge mit scharfen Felsen, genau solche Felsen, an denen er sich vor 25 Jahren aufgeschlitzt hat.

Von Julia Roll

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