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Das Mittelzentrum Grafing profitierte sehr von der Gebietsreform, was bis heute für Gesprächsstoff sorgt.

Doktorarbeit deckt auf

Die unehrliche Gebietsreform

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Sie sollte die Verwaltung leistungsfähiger machen und für Modernisierung sorgen. So wurde der Bevölkerung in den 1970er Jahren die Gebietsreform schmackhaft gemacht. Jahrzehnte danach lässt sich sagen: Das hat nicht ganz geklappt.

Grafing – Die eingemeindeten Kommunen hinken in ihrer Entwicklung dem Hauptort häufig hinterher, ihre Anliegen werden gerne nachrangig und nicht mit dem einst versprochenen Engagement behandelt. Das zumindest ist die Kernaussage einer Dissertation von Julia Mattern aus Benediktbeuern, deren Ergebnisse in Grafing vorgestellt wurden.

Die Historikerin untersuchte fünf Jahre lang unter anderem die Entwicklung der Kommunen Nettelkofen und Bruck im Landkreis Ebersberg. Während Bruck weitgehend selbständig blieb und dabei Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Glonn wurde, musste die Gemeinde Nettelkofen ihre Eigenständigkeit aufgeben, und das, obwohl sie sogar über einen eigenen Eisenbahnknotenpunkt verfügte, verwaltungstechnisch gut aufgestellt war, ihre infrastrukturellen Aufgaben gut meisterte und aufgrund ihrer enormen Ausdehnung über erhebliche Flächenreserven verfügte. Aber vielleicht war gerade das ihr Verhängnis.

Wer dem Vortrag von Stadtarchivar Bernhard Schäfer aufmerksam folgte, der aus der Arbeit der Historikerin Auszüge gemäß ihrer Vorgaben zitierte, weil sie selbst krankheitsbedingt verhindert war, der konnte sich des Eindrucks nicht entziehen, welches wohl das wahre Motiv hinter der Gebietsreform gewesen sein könnte: In Wahrheit war es wohl eine Art ein Landesentwicklungsprogramm, das der Bevökerung übergestülpt wurde mit dem (Schein-)Argument, anschließend würde die Verwaltung viel leistungsfähiger sein als vorher, viel effizienter und viel sparsamer. In der Rückschau freilich lässt sich für Historikerin Mattern feststellen, dass Grafing Nettelkofen brauchte für ein weiteres Wachstumspotential. Schließlich war die Stadt kurz vorher gemeinsam mit Ebersberg zum Mittelzentrum erklärt worden. Die etwas günstigere geografische Lage mag nach Ansicht der Referentin dabei vielleicht eine größere als nur marginale Rolle gespielt haben. „Nettelkofen hatte schlicht Pech.“

Auch in anderen Orten im Landkreis gab es Widerstände gegen den Verlust der Selbständigkeit. Ein Kreisrat, damals noch ein junger Mann, kann sich noch gut an CSU-Austritte in seiner Gemeinde erinnern. „Es waren 37“, sagt er im Gespräch mit der Ebersberger Zeitungund steuert ein interessantes Detail bei. Er sei, so berichtet er, in einer Diskussion im Kreistag vom damaligen CSU-Landtagsabgeordneten Baron Otto von Feury mit den Worten: „Jetzt geh’ mal mit“, vor den Sitzungssaal gebeten worden, wo ihn der „Bauernbaron“ persönlich ins Gebet genommen habe. Die Unterredung gipfelte in dem Satz: „Das machen wir jetzt so und behalte das für dich!“ Diese Anekdote wirft ein Licht darauf, wie damals mit Andersdenkenden umgegangen wurde und wie leicht es die Autoritäten hatten, ihre Sichtweise der Dinge durchzudrücken. Feury war zusammen mit seinem Duz-Freund Franz Josef Strauß der Motor der Gebietsreform im Landkreis. Es ist unbestritten, dass die beiden die entscheidenden Strippenzieher waren, die dem Kreis Ebersberg schließlich seine Selbständigkeit bewahren konnten.

Obwohl also Nettelkofen durchaus in der Lage und willens war, selbständig zu bleiben, fielen die Würfel anders, was für die Grafinger wiederum höchst erfreulich war, erbten sie sozusagen bei dieser erzwungenen Hochzeit gleich das Gewerbegebiet in Haidling – samt der Gewerbesteuereinnahmen und übrigens auch der Fläche, auf der später die Gewerbeareale Schammach I und Schammach II entstehen sollten. Vor dort spannte sich die Fläche der Kommune über Grafing Bahnhof, Nettelkofen, Hesselfurt über Wiesham bis nach Gsprait.

Auch das eingemeindete Straußdorf hatte flächenmäßig eine viel größere Ausdehnung als Grafing selbst, wenngleich diese kleine Landkommune bei Weitem nicht die wirtschaftliche Kraft hatte wie Nettelkofen. In der dem Vortrag im Grafinger Heimathaus folgenden Diskussion berichtete Anna Federauer, dass es die Stadt lange nicht geschafft hatte, in den von den Straußdorfer geerbten Liegenschaften „Spülklosetts“ einzubauen. Damit lenkte sie aber gleichzeitig den Blick darauf, dass es die Straußdorfer vorher auch nicht geschafft hatten.

Gleichwohl brachten die eingemeindeten Kommunen Sachgüter und Immobilien ein, und nicht wenige investierten vor der Gebietsreform noch schnell in ihre Infrastruktur, wohl ahnend, dass das auf längere Sicht die letzten großen Investitionen bleiben würden. Damit hatte die Gebietsreform freilich einen weiteren, unerwünschten Effekt. Denn oft wurden für diese Investitionen noch schnell Schulden aufgenommen.

Was weitere negative Aspekte angeht, ließ die Doktorarbeit von Julia Mattern für die Besucher des Heimathauses nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Die Gebietsreform, so stellte sie fest, sei verbunden gewesen mit einer Vernichtung kommunaler Autonomie. In der Folge gingen die kleinen Ortsteile ihrer Vertretung in den Gemeinderäten verlustig. Es entstanden wirtschaftliche Nachteile durch höhere Grundstückspreise für die bauwilligen Bürger in den Außenorten, die Menschen mussten zudem weitere Wege zu den Verwaltungen zurücklegen. Dem ländlichen Raum und den dort lebenden Bürgern wurde die kommunale Identität geraubt, was besonders im Gespräch von Straußdorfern immer wieder und bis zum heutigen Tag beklagt wird. In Summe wurde die Provinz entmachtet und zwar in der Fläche, weil bei der Gebietsreform 5000 Gemeinden in Bayern ihre Selbständigkeit verloren. Damit einher ging auch eine erhebliche Entmachtung des Widerstandes gegen große Vorhaben der Gewinnergemeinden, stellte Mattern fest. Insgesamt lasse sich sagen, dass die Gebietsreform, anders als vorher versprochen wurde, für die eingemeindeten Ortschaften nur wenige positive Effekte hatte, sehe man einmal von der größeren Verteilungsgerechtigkeit ab.

An der kommunalen Leistungsfähigkeit jedenfalls kann der Verlust der Selbständigkeit von Nettelkofen nicht festgemacht werden. Die Gemeinde verfügte Mitte der 60er Jahre bereits über eine eigene Müllabfuhr, hatte ein Gewerbegebiet, war im Wohnungsbau tätig, errichtete 1964 ein Rathaus und Wohnungen in Grafing-Bahnhof.

Einen, wenn auch unfreiwillig positiven Effekt hatte die Gebietsreform freilich auch. Die Bürger mussten, wollten sie etwas erreichen, sich stärker ehrenamtlich engagieren. Diese Entwicklung schlägt sich aktuell etwa im Straußdorfer Dorferneuerungsprogramm nieder. Die Hauptorte, so stellte Mattern fest, unterstützen dieses Engagement gerne und oft auch großzügig. Gleichzeitig sei aber eines unübersehbar: Eigene Anstrengungen werden den Ortsteilen nicht in dem Maße zuteil wie den Kernorten. Das äußere sich unter anderem in der Stagnation beim Kindergartenbau und bei der Errichtung größerer Veranstaltungsorte. Zudem seien größere Sportstätten nur noch in den Hauptorten zu finden. Außerdem müssten sich die Ortsteile mit schlechteren Verkehrsanbindungen zufriedengeben.

Der Erwähnung wert fand die Historikerin auch, wie gut die Gemeinde Bruck ehrenamtliches, bürgerliches Engagement würdigt. Die Gemeinde sei selbständig geblieben und stehe nicht schlechter da als vor der Gebietsreform. Mattern war zudem aufgefallen, dass sich unter den öffentlich Geehrten in Grafing kaum Nettelkofener Bürger befinden, die von der Stadt selbst und nicht etwa vom Innenministerium gewürdigt würden. Ihr Fazit zur Gebietsreform insgesamt fiel schlussendlich sehr deutlich aus: „Die Ziele der Planer wurden nicht erreicht.“

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