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Ingrid Stürzer (re.) und ihre Nachbarin Carolin Pohl auf dem Balkon im Grafinger Stadtteil Engerloh. Sie klagen über hohe Lärmbelastung seit des die neue Ostumfahrung gibt. 

Verlierer der Grafinger Ostumfahrung

Anlieger in Schockstarre

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So viel steht nach ein paar Wochen fest: Es gibt Gewinner und Verlierer der neuen Ostumfahrung von Grafing.

Grafing –  Das Zentrum der Stadt ist augenscheinlich entlastet worden, dafür sind andere Bürger jetzt entsetzt, welchem Lärm sie plötzlich ausgeliefert sind. Die Verlierer sitzen wohl in den Ortsteilen am Schönblick, in Engerloh und Gasteig. Ein Teil davon machte in der jüngsten Stadtratssitzung auf ihre neue Situation aufmerksam.

Die Bürgerfragestunde nutzte das Ehepaar Manfred und Ingrid Stürzer, um seine aktuelle Situation zu schildern. „Das ist kaum erträglich“, berichteten beide. Vor der Sitzung hatten sich auch andere Bürger dieser Siedlungsteile per E-Mail an die Stadtverwaltung gewandt. Tenor: Es sei nicht nachvollziehbar, „dass die Bürger nicht vor diesem neuen Lärm geschützt werden“. Was die Betroffenen frustriert: Das Straßenbauamt Rosenheim habe sich auf die Bitte nach Abhilfe hin taub gestellt.

Ingrid Stürzer betreibt eine Vier-Sterne-Ferienwohnung in Engerloh. Ein Blick auf ihr Gästebuch belegt, wie sehr sich hier Gäste bisher wohlfühlten. „Urlauber aus ganz Europa“ seien bei ihr wie Zuhause. „Das ist meine Rentenversorgung und mein Einkommen“, berichtete sie und schilderte ihre Sorge, dass das Interesse vielleicht nachlassen könnte aufgrund ihrer derzeitigen Situation. „Jetzt gibt es bei uns Urlaub an der Autobahn“, bat sie dringend um weitere Lärmschutzmaßnahmen. „Es ist sehr frustrierend.“ Ihr Mann Manfred Stürzer brachte den Vorschlag ins Spiel, auf der Umgehungsstraße das Tempo auf 70 Stundenkilometer zu begrenzen mit dem Zusatzhinweisschild „Lärmschutz“.

„Die neue Straße entlastet Bereiche und belastet neue Bereiche“, räumte Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) in einer ersten Stellungnahme ein. Sie hat den Vorschlag der Familie Stürzer eigener Auskunft nach in einer Anfrage an das Straßenbauamt Rosenheim bereits aufgegriffen, sei damit aber abgeblitzt mit dem Hinweis, die Straße müsse „für den überörtlichen Verkehr attraktiv“ bleiben. Die Tatsache, dass sich Engerloh und Gasteig deutlich über dem Niveau der Umfahrungstrasse befinden, wirke sich laut Manfred Stürzer so aus: Man höre die Lastwagen über die gesamte Strecke von der Ampelabzweigung an der Bundesstraße 304 bis zum Kreisel in der Rotter Straße – samt der dazugehörigen Schaltvorgänge. Stürzer hat sich ein Messgerät gekauft und dabei folgende Feststellung gemacht: Der in Engerloh auftreffende Lärm überschreite die zulässigen Höchstwerte vor allem auch nachts. Von einem weiteren Bürger kam der Hinweis, dass die tatsächlichen Werte vom Straßenbauamt Rosenheim nicht gemessen, sondern „ja wohl nur berechnet worden sein können“. Die Anlieger beklagten, dass sie sich jetzt plötzlich „in der Beweispflicht“ befänden, noch dazu, weil Obermayr eine weitere Information beisteuerte: „Das Straßenbauamt hat definitiv keine Bereitschaft gezeigt, neue Lärmmessungen durchzuführen“.

Die Stürzers brachten eine weitere Lösungsmöglichkeit ins Spiel: Sie baten darum, die Ortsschilder zu versetzen, um so die Geschwindigkeit des Durchgangsverkehrs zu reduzieren. Aber auch das ist keine praktikable Möglichkeit, wie Markus Weißmüller von der Verwaltung informierte: „Die Ortsschilder zu verlegen ist utopisch.“

Stadtrat Josef Carpus (CSU) sah in dieser verfahrenen Situation trotzdem einen Hoffnungsschimmer für die Bürger. Wenn die geplante Straßenabfahrt zum neuen Parkplatz am Stadion komme, werde sie wohl auch mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung in dem betreffenden Abschnitt einhergehen. Damit wäre zumindest eine Forderung der Anlieger erfüllt. „Wir befinden uns alle noch in der Schockstarre“, meinte Ingrid Stürzer und berichtete, dass Anlieger am Schönblick „entsetzt“ seien über die neue Situation nach Eröffnung der Ostumfahrung. „Wir hoffen auf Verbesserungen noch vor Weihnachten“, baten die Anlieger. Auf eigene Kosten will die Stadt Grafing aber keine zusätzlichen Lärmschutzmaßnahmen ergreifen. Sie fürchtet einen Präzedenzfall.

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