Auf dem Parkplatz vor dem Grafinger Waldfriedhof versammelten sich am Wochenende besorgte Mieter, die in der Schloßstraße wohnen. Ihre Häuser sollen verkauft werden.
+
Auf dem Parkplatz vor dem Grafinger Waldfriedhof versammelten sich am Wochenende besorgte Mieter, die in der Schloßstraße wohnen. Ihre Häuser sollen verkauft werden.

„Ich geh hier nicht weg“

Investoren-Wahnsinn: Häuserblöcke wechseln Besitzer - Zahlreiche Mieter bangen um Wohnungen

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
    schließen

Seit bekannt ist, dass die Wohnblöcke in der Grafinger Schloßstraße mal wieder den Eigentümer wechseln, sind die Mieter in Sorge. Sie fürchten um ihre Bleibe.

Grafing - Bezahlbarer Wohnraum. Das macht sich in Wahlversprechen immer gut. In Grafing war das bei der jüngsten Kommunalwahl nicht anders. „Jeder Bürgermeisterkandidat“, so Stadtrat Walter Schmidtke von der Bayernpartei (BP), „hatte bezahlbaren Wohnraum in der Stadt im Programm“. Jetzt nach der Wahl aber seien plötzlich andere Themen in den Vordergrund gerückt. Die Bayernpartei hatte zu einer Demonstration auf dem Parkplatz vor dem Grafinger Waldfriedhof eingeladen. Thema: Bezahlbarer Wohnraum. Es kamen etwa 30 Leute, alle aus demselben Grund.

Demo in Grafing: Wohnblöcke wechseln erneut Besitzer - Mieter besorgt

Was eigentlich eine Dialogveranstaltung werden sollte, musste unter den aktuellen Corona-Bedingungen als Demonstration angemeldet werden. Die Bayernpartei wolle wissen, wie es den über 100 Wohnparteien in der Schloßstraße vor dem anstehenden Verkauf ihrer Wohnungen in der momentanen Situation gehe, sagte Schmidtke.

Das mit der Demonstration sei den Auflagen des Ebersberger Landratsamtes geschuldet. Die Stadt Grafing assistierte ihrerseits mit dem Aufstellen der entsprechenden Schilder auf dem Parkplatz, Die Teilnehmer mussten eine Maske tragen, die sie nur zum Reden abnehmen durften, Flatterbänder sperrten den Bereich ab.

Allen „Demonstranten“ war eines gemeinsam: Es ist die Frage nach ihrer künftigen Wohnsituation. Denn sie wohnen allesamt in der Schloßstraße, und die Blöcke dort sollen nach vielen Malen jetzt ein letztes Mal den Besitzer wechseln. Dieses Mal offensichtlich nicht im Block, sondern als Wohnungs-Einzelverkauf. Erscheint lukrativ, auch in Grafing gibt es nach Recherchen der Ebersberger Zeitung potenzielle Käufer, die Interesse zeigen.

Grafing: Wohnungen in Block sollen einzeln verkauft werden - nicht jeder Mieter kann sich das leisten

Besichtigungen haben bereits stattgefunden, berichteten einige. Die Mieter aber sind zum Teil in heller Aufregung, „weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt“. Wer kaufen will, könne gerne zugreifen, sei ihnen versichert worden. Das bestätigten auch viele der bisherigen Bewohner. Die, dort ihren Lebensabend verbringen, werden sich das nicht leisten können. Sie sind froh darüber, dass sie all die Jahre eine vergleichsweise niedrige Miete bezahlt haben, besonders diejenigen, mit langen Mietverhältnissen.

„Deshalb sind diese Gebäude damals ja gebaut worden“, so BP-Bundestagskandidatin Simone Binder. Ihr Parteifreund Günter Baumgartner kritisierte in diesem Zusammenhang, dass Gebäude etwa am benachbarten Klausenweg damals auch als sozialgünstiger Wohnraum errichtet, inzwischen jedoch verkauft worden seien. „Aber ein Ersatz wurde nie geschaffen.“

Eine Frau lebt in der Schloßstraße bereits 50 Jahre in ihrer bescheidenen Wohnung. „Seit August 1970“, berichtet sie. Sie sei verärgert darüber, dass derzeit ihr Balkon renoviert werde, obwohl sie ihn doch selbst so schön auf eigene Kosten habe herrichten lassen.

Auch die Forderung nach „Mietminderung“ wurde laut. Denn die Blöcke werden derzeit umfangreich saniert, was am Baulärm tagsüber deutlich wird. Schmidtke erläutert den Besuchern der Veranstaltung, dass er den Kauf von Wohnungen in der Schloßstraße durch die Stadt Grafing für eine gute Idee halten würde. Die Stadt müsse aus kommunalen Mitteln „Boden bevorraten und Wohnungen bevorraten“, um anschließend „zu vernünftigen Preisen“ vermieten zu können.

Demo in Grafing: Bewohner der Schloßstraße hoffen auf Hilfe von der Stadt

„Das macht uns persönlich fertig“ erzählte eine ältere Frau freimütig. Die Unsicherheit sei schlimm. Andreas Franz, Wohnungsbeauftragter der Partei, versuchte sie zu beruhigen. Seinem Informationsstand nach seien die Mieter mit langen Mietverhältnissen in der Schloßstraße besser geschützt als diejenigen, die erst vor kurzem in die Blöcke eingezogen seien. „Die länger als zehn Jahre drin wohnen, haben einen Kündigungsschutz von locker zehn Jahren“, sagte er wörtlich.

Die Versammlung machte deutlich, dass die Bewohner der Schloßstraße sich Hilfe von der Stadt Grafing erwarten. „Die sollten uns mal ins Rathaus einladen“, sagte eine Frau, die ebenfalls seit Jahrzehnten in der Schloßstraße wohnt und gerne auch bleiben würde. „Ich geh’ hier nicht weg“, meinte sie in einem Gespräch mit der Ebersberger Zeitung vor wenigen Wochen.

Gläubige schätzen sie als einen Ort zum Beten und Innehalten doch Jugendliche haben sie als Party-Ort entdeckt: Die Mariengrotte in Glonn. Letzteres stößt der Eigentümerin des kleinen Andachtsorts sauer auf. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Ebersberg-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare