Der Biergarten ist das Revier der leidenschaftlichen Wirtshaus-Bedienung Martina Hoppe-Köpsel. Dass die Gastronomie vorerst noch im Lockdown gefangen ist, macht der Grafingerin nicht nur finanziell zu schaffen.
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Der Biergarten ist das Revier der leidenschaftlichen Wirtshaus-Bedienung Martina Hoppe-Köpsel. Dass die Gastronomie vorerst noch im Lockdown gefangen ist, macht der Grafingerin nicht nur finanziell zu schaffen.

Hausbesuch bei Grafingerin, die derzeit an der Supermarktkasse sitzt

Vollblut-Bedienung zehrt von der Sonnenschein-Reserve

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Martina Hoppe-Köpsel ist Bedienung aus Leidenschaft. „Ich liebe meinen Job brutal“, sagt sie. Corona hat auch ihr Leben umgekrempelt. Ein Hausbesuch bei der 51-jährigen Grafingerin

Grafing – Wer Martina Hoppe-Köpsels Handynummer wählt, bekommt kein monotones Durchwahl-Tuten zu hören. Stattdessen singen Karel Gott und DJ Ötzi eine Neuauflage eines Lieds von 1985: „Fang das Licht von einem Tag voll Sonnenschein. Halt es fest, schließ’ es in deinem Herzen ein. Heb’ es auf und wenn du einmal traurig bist, dann vergiss nicht, dass irgendwo noch Sonne ist.“

Zurzeit zehrt die Grafingerin von ihren Sonnenschein-Reserven. „Es ist nicht mein Jahr“, sagt sie trocken und verschränkt die Finger mit den bordeauxrot lackierten Nägeln und den silbernen Ringen vor sich auf dem Tisch. Die 51-Jährige ist eine Vollblut-Bedienung, in diesem Moment spricht sie einer ganzen Branche aus der Seele. Wer sie nicht aus dem Grafinger Heckerkeller, dem Kastenwirt oder später dem Ayinger Bräustüberl kennt, hat möglicherweise schon einmal eine Volksfest-Mass von ihr auf den Biertisch bekommen – in Grafing oder auf dem Oktoberfest.

Ein paarmal die Woche arbeitet Martina Hoppe-Köpsel an der Supermarktkasse

Stattdessen sitzt Hoppe-Köpsel nun ein paarmal die Woche an der Supermarktkasse. Sie verdient sich auf 450-Euro-Basis was dazu. Die Gastronomie ist im Lockdown – und nicht nur der Sonnenschein, auch das Geld rinnt ihr durch die Finger. Als hauptberufliche Kellnerin macht das Trinkgeld normalerweise die Hälfte ihres Einkommens aus, rechnet sie vor. Das Kurzarbeitergeld decke zurzeit nicht einmal die Fixkosten. „Jeder Zweite bemitleidet mich“, sagt sie über den Kassiererinnen-Job, auf den sie als bekanntes Gesicht in der Stadt häufig angesprochen werde. Dabei sei sie dankbar, nicht nur für das Geld, sondern dass sie so auch weiter unter die Leute komme. „Mich muss niemand bemitleiden“, sagt sie.

Trotzdem: Die Grafingerin hockt viel daheim am Tisch, rechnet, grübelt, kalkuliert die kommenden Monate durch. Miete, Strom, die Autofinanzierung. Und nächstes Jahr wird sie rückwirkend das Kurzarbeitergeld versteuern müssen. „Woher soll ich das alles nehmen?“, sagt sie. Und: „Ich müsste den Knopf bei mir finden, wo ich zwischendurch das Nachdenken ausschalten kann.“

Bedienung sagt: Bis auf den Lockdown darf ich mich nicht beschweren

Für den Fototermin mit der EZ hat sich Hoppe-Köpsel nach Wochen Gastro-Abstinenz wieder einmal ein Dirndl angezogen – Blau in Blau wie ein bayerischer Kaiserwetter-Himmel. Und darüber, auf ihrem Gesicht, scheint doch öfter die Sonne in Form eines Lächelns, als man meinen möchte. Sie steckt nicht auf. „Ich bin gesund und habe drei tolle Söhne“, sagt die alleinerziehende Mutter. „Bis auf den Lockdown darf ich mich nicht beschweren.“

Familie und Freunde sorgen dafür, dass Martina Hoppe-Köpsel der Sonnenschein nicht ausgeht. Mit ihrer besten Freundin war sie im Frühjahrs-Lockdown schon auf Radltour nach Rosenheim oder an den See, ausgerüstet mit Brotzeit und Weinschorle. Inzwischen hat sie ihr Sportprogramm nach drinnen verlegt, in den HulaHoop-Reifen zum Beispiel. Und damit das Dirndl nicht zu weit wird, hat sie mit der Freundin Spitzbuben, Marillenringe und Vanillekipferl gebacken.

Manchmal quälen sie schlaflose Nächte

Und: „Ich habe mehr Zeit, meine Kinder und meine Eltern zu sehen“, sagt sie. Wobei sie ihren Jüngsten derzeit nur sporadisch zu sehen bekommt, wenn er die Treppe in der Maisonette-Wohnung herunterspechtet, er ist für zwei Wochen in Quarantäne. Die beiden Söhne, die noch bei ihr wohnen, haben genau wie ihr Ältester die die Pubertät längst überstanden, machen ihren Weg. Trotz der finanziellen Nöte hat die Mutter fest vor, ohne Unterstützung der Familie klarzukommen. Auch wenn ihr das manchmal schlaflose Nächte bereitet, will sie nicht darauf angewiesen sein, des reinen Gewissens wegen. Vielmehr plagt sie die Sorge, was sie den Söhnen heuer zu Weihnachten schenken soll, erzählt sie. Lieber spart sie bei sich als bei anderen.

18 Kilometer pro Tag auf den Beinen

Das sind die Momente, in denen Hoppe-Köpsel, geselliger Mensch und leidenschaftliche Mama, sich auch mal alleine einigelt und Netflix schaut, mit der Welt hadert und sich ihre reguläre Arbeit zurückwünscht. Und manchmal, das gesteht sie ganz offen, fließen dabei ein paar Tränen. „Ich liebe meinen Job brutal“, sagt sie. Die 18 Kilometer, die sie dabei am Tag auf den Beinen ist, nachgemessen mit dem Schrittzähler. Die Gäste, die Begegnungen, die nicht nur oberflächlich ausfallen. Wie mit dem Ehepaar aus der Schweiz, das sie am Tag vor dem Lockdown zu sich eingeladen hat – irgendwann mal, in besseren Zeiten. Das war wieder so ein Sonnenschein-Moment, von dem sie zehren kann. „Fang das Licht!“, singen Karel Gott und DJ Ötzi auf Martinas Handy-Durchwahlton. „Halt es fest!“ Ihre Hoffnung ist, dass im kommenden Jahr auch in der Gastronomie die Normalität langsam wieder Einzug hält.

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