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„Der Landkreis ist entsetzt über die Entscheidung der Bahn“

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Die Bahnvertreter Matthias Neumeier und Dieter Müller präsentierten die gewählte Trasse „Limone“ © hr

Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Bahn der Grobtrasse „Limone“ die meisten Bewertungspunkte gab. Im Landkreis gibt es viele kritische Stimmen – das Dialogverfahren wird als Placebo-Veranstaltung betitelt

Landkreis – Ziemlich langatmig präsentierte DB-Gesamtprojektleiter Matthias Neumaier die Entwicklung und ihren Schlusspunkt für die geplante Strecke für den Brenner-Nordzulauf zwischen Grafing und Ostermünchen: Trassenvariante „Limone“ sei aus Sicht der Bahn die beste Lösung.

„Gemäß dem Kriterienkatalog liege die Trassenvariante „Limone“ klar vorne“. Neumeier vermied den direkten Vergleich und verschwieg, dass die „bestandsnahe Trasse Türkis“ als zweitbeste Variante mit 46 Nutzungspunkte nur drei weniger erzielte; im Verkehrs-&Techniksektor sogar nur einen Punkt. Die restlichen von der Bahn ins Spiel gebrachten Varianten waren alle schlechter bewertet. Neumaier und Projektabschnittsleiter Dieter Müller zeigten sich stolz „ein großes Ziel mit der Region erreicht zu haben“.

Mit der Region? Neumaier und Müller hatten den Pressevertretern die von der Bahn als positiv definierten Ergebnisse dargestellt. IFOK-Berater Ralf Eggert, der am Vormittag die Trassenwahl vor Politikern und Organisationsvertreter moderiert hatte, durfte über deren Unmut den Pressevertretern berichten. Nannte Kommentare wie „schlechte Wahl“ und ein allgemeines Unverständnis der Teilnehmer.

Landrat Robert Niedergesäß wirft der Bahn arrogantes Verhalten vor

Die Wirklichkeit aber ist: „Der Landkreis ist entsetzt über Entscheidung der Bahn“. „Wir werden die Auswahl der Vorzugstrasse so nicht hinnehmen“, reagierten Landrat Robert Niedergesäß, Landtagsabgeordneter Thomas Huber und Bundestagsabgeordneter Andreas Lenz in einer eigenen Pressemeldung sehr deutlich kurz nach Bekanntgabe der Trassen-Veröffentlichung. Sie kritisieren das Vorgehen und die Entscheidung der Bahn scharf, insbesondere auch „dieses arrogante Verhalten der Bahn“.

Es sei nicht hinnehmbar, dass „die Bahn stets betone, Entscheidungen würden gemeinsam mit der Region getroffen werden und dann passiert genau das Gegenteil.“ Auch Grafings Bürgermeister Christian Bauer ist entsetzt, dass nun Dörfer zwischen zwei Gleistrassen eingeschlossen werden. Bliebe auch das Wasserschutzgebiet unangetastet, so könnte der Golfplatz durch die Teilung entfallen und somit auch ein Naherholungsgebiet zerstört werden, was die Menschen einschränken werde. Auch Landtagsabgeordnete Doris Rauscher sprach sich gegen diese Bahn-Entscheidung aus.

Die Bahn nennt die Dialogforen als „Voraussetzung für den Erfolg des Verfahrens“. Ein Teilnehmer aus den Dialogforen bestätigte, dass die Bahnvertreter die Protokolle während des Treffens anfertigen und sofort bestätigen lassen. Der Prostest und das Fernbleiben der Teilnehmer am Dialogforum vor einigen Monaten war wohl ein Signal für diesen Umstand. Es wird offensichtlich nicht dokumentiert, was die ehrenamtlichen Dialogforen-Teilnehmer einbringen.

In der Tat setzt die Bahn sehr eigenwillige Maßstäbe. So sehen die Bahnvertreter sich durch die Bürgerbeteiligung von 202 Bürgervorschläge zu einer möglichen Gleistrasse voll und ganz bestätigt. Denn die meisten der Bürgervorschläge liegen im Bereich der „Limone“-Variante. Ob diese 202 Vorschläge von einer wirklich repräsentativen Auswahl der über 140.000 Einwohner des Landkreises erfolgten, ist noch nachzuweisen.

Gerade zu ins Auge stach, dass bei der Präsentation nur die Vorzüge von „Limone“, bei der man auch nicht spare, gezeigt wurden. Die auf ein Minimum reduzierte Entscheidungsmatrix über fünf Trassenvarianten wirft Fragen auf. Wer mehr wissen will, dem empfiehlt Projektabschnittsleiter Dieter Müller sich in das Gesamtwerk einzuarbeiten. Denn Umfang schätzt Müller auf „um die 500 Seiten“. Eine aussagekräftige Zusammenfassung des Gesamtwerkes, wie bei solchen Projekten sonst üblich, wurde bisher nicht veröffentlicht.

In Sachen Lärmschutz machte Müller klar: „Nur neue Trassen erhalten Lärmschutz nach dem sogenannten Neubau-Standard“. Für alles andere, sprich für die Bestandsstrecke, auch wenn mehr Züge fahren werden, „gilt die 16. Bundesimmissionsschutzverordnung“.

Im Bundestag soll 2025 über die Trasse „Limone“ entschieden werden. Undeutlich wurde seitens der Bahn bezüglich des Raumordnungsverfahren reagiert. Dies sei bereits geführt. Doch man sei auch jetzt im Gespräch mit der Behörde auf Landesebene. Ebenso werden weitere Optimierungen an der Streckenführung vorgenommen werden.

Ein Video zur neuen Streckenführung präsentiert die Bahn im Internet. Die Simulation entspricht altem Standard. Für Grafings Bürger, die gemäß einem ortansässigen Unternehmer eine bessere Qualität kennen, bleibt dadurch vieles nur schematisch erkennbar.

Für einen Fußgänger sei die Bahn auf der neuen Trasse kaum zu sehen, betonte man seitens der Bahn. „Die meisten Kilometer der neuen Trasse liegen unter Bodenniveau“. Auch verlaufe die Strecke sehr oft im Wald. Der Sichtweise der Bahn ist zu folgen, das Bäume bekanntlich höher wachsen als Gleise und Züge, weshalb Fußgänger sie dann nicht sehen können.

Informationsveranstaltungen

Die Bahn bietet in der kommenden Woche Informationsveranstaltungen zum Thema an: Diese finden in Grafing am Dienstag, 19. Juli im Kath. Pfarrheim, in Aßling am Mittwoch, 20 Juli am Kirchplatz 1 und in Tuntenhausen am Donnerstag, 21. Juli im Landgasthof Wallner statt. Die Zeit ist jeweils zwischen 16 und 20 Uhr.

ar

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