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„Es ist eine Art Ohnmachtsgefühl“

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Kreisklinik Ebersberg im Querformat
Die Kreisklinik in Ebersberg © Schäfer

Dr. Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Ebersberg blickt auf zwei Jahre Pandemie aus Sicht der Ärzte

Landkreis – Operationen verschieben, Stationen umstrukturieren: Ständig Entscheidungen treffen zu müssen, von denen das Wohlergehen und oft auch das Leben von Patienten abhängt, hat während der Corona-Pandemie eine völlig andere Dimension erhalten. Die mentale Belastung der Ärzte ist immens. Dr. Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor sowie Chefarzt der Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie, gibt einen Einblick in die zermürbende Arbeit des Mediziner-Teams in Ebersberg.

Dr. Kreissl, was hat Sie und Ihre Kollegen während der letzten zwei Jahre am meisten belastet?

Puh, einen Punkt aus dem ganzen Paket an Herausforderungen herauszupicken ist gar nicht so einfach. Ich denke, am schlimmsten war die Angst vor einer Triage, also bei einer völligen Überlastung der Klinik entscheiden zu müssen, welcher Corona-Patient behandelt wird und welchen wir sterben lassen. Das war für mich und sicherlich auch für das ganze Team eine Horrorvorstellung, die uns an unsere moralischen und ethischen Grenzen brachte.

Dr. Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor sowie Chefarzt der Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie der Kreisklinik Ebersberg.
Dr. Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor sowie Chefarzt der Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie der Kreisklinik Ebersberg. © Alexander Zettl www.zettl-medien

Kam es denn zu einer Triage in Ebersberg?

Gott sei Dank nicht. Auf dem Höhepunkt der letzten Welle kurz vor Weihnachten 2021 hatten wir einen beängstigenden Engpass an Intensiv-Betten und es war auch schwierig, ein freies Bett für Covid-Patienten in anderen Kliniken zu finden, weil es denen genauso erging. Aber schließlich gelang es dem Krankenhaus-Koordinator für Ebersberg und Erding, zwei Verlegungen nach Hamburg zu organisieren. Eine Triage vor Ort hatten wir also nicht, aber es gab die verdeckte Triage: Tumor-Patienten, die nicht so behandelt werden konnten, wie es ihnen gutgetan hätte, oder Patienten, die sich aus Angst vor einer Ansteckung mit Corona auch mit akuten Erkrankungen nicht in die Klinik getraut haben. Seit es die Impfung gibt, hat die Angst bei den Menschen vor Ansteckung glücklicherweise nachgelassen.

Es mussten ja auch Operationen verschoben werden. Welche Auswirkungen hatte das auf Patienten und sie selbst?

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass Notfälle und Tumore während der gesamten Zeit immer operiert wurden. Nur elektive Eingriffe wurden auf Anordnung der Bayerischen Staatsregierung verlegt, das heißt, geplante oder Wahloperationen, etwa an Knie, Hüfte oder Gallenblase oder auch Leistenbrüche. Das haben wir jedoch von der Schmerzsituation abhängig gemacht. Ein Team aus Ärzten der jeweiligen Abteilungen hat vorher jeden betroffenen Patienten angerufen und ihn gefragt, wie es ihm geht, ob er große Schmerzen oder gravierende Einschränkungen hat. Die Entscheidung über eine Terminverlegung der OP wurde dann auf Chefarzt-Ebene getroffen. Die meisten Patienten waren sehr verständnisvoll, was uns eine große Hilfe war. Konnte die OP nicht verschoben werden, mussten wir eine Lösung suchen und weitere räumliche und personelle Kapazitäten schaffen.

Eine der größten Herausforderungen während der Pandemie, oder?

Allerdings! Wir mussten und müssen uns ständig auf Veränderungen der Situation einstellen, Patienten von Normalstationen verlegen, um Corona-Isolierstationen einzurichten, in jeder Krise unsere Routinearbeiten zurückfahren, um aus allen Abteilungen Personal zu generieren, und in Entspannungsphasen wieder alles umstrukturieren. Gleich zu Beginn der Pandemie hieß es: Komplett umdenken. Fachärzte aus anderen Bereichen, zum Beispiel der Plastischen Chirurgie oder der Urologie, mussten helfen, Covid-Patienten zu betreuen und plötzlich Aufgaben übernehmen, die sie vorher noch nie gleistet hatten. Dazu gehörten in der zweiten und dritten Welle, in der in der Klinik bis zu 40 Prozent Covid-Patienten waren, zum Beispiel, auf den Normalstationen bei diesen Patienten Visiten durchzuführen. Zuvor mussten die Kollegen von den Internisten eingewiesen werden in die Medikamentierung und in andere Therapie-Maßnahmen. Die Kardiologen, die auf Intensivstation die Covid-Patienten betreuen, erhielten in kritischen Phasen Unterstützung von Anästhesisten. Besonders belastend war die Frage: Wie viele Kapazitäten müssen wir freihalten, um hausinterne Notfälle intensivmedizinisch behandeln zu können, etwa Patienten, die spontan Herz- oder Lungenprobleme bekommen, aber auch für andere, externe Notfälle. Es ist eine Art Ohnmachtsgefühl, nicht zu wissen, was als nächstes passieren wird, und mit der Sorge zu leben, seinen ärztlichen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Bevor es die Impfung gab, kam auch noch die Angst hinzu, sich selbst zu infizieren.

Wie ist die Situation aktuell?

Durch Omikron ändert sich gerade wieder alles. Wir haben sowohl weniger Covid-Patienten auf der Intensivstation als auch auf den Normalstationen. Derzeit gibt es bei uns eine Isolierstation für Verdachtsfälle und eine Covid-Station, wir können aber innerhalb von ein bis zwei Tagen eine zweite einrichten, je nachdem, wie sich die Pandemie entwickelt. Bisher waren die Prognosen der Virologen immer zutreffend, das bedeutet, dass wir in den nächsten Wochen wieder mit mehr Infizierten, aber vor allem auch mit fehlendem Klinikpersonal und dadurch bedingten Versorgungseinschränkungen rechnen müssen. Das bedeutet: immer „auf Sicht fahren“ und mit viel Gespür handeln. Das ist anstrengend.

sf

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