Handy als soziales Minenfeld

Ebersberg - Eltern „stürmen“ das Ebersberger Landratsamt, wo Experten über das Medienverhalten junger Menschen sprechen.

Auf Facebook war nichts zu finden über den Infoabend im Landratsamt am Donnerstag. Auch nicht auf Google+, Twitter oder Whatsapp. Eingeladen worden war fast steinzeitlich per E-Mail, geworben per Faltblatt. Und dennoch hatten so viele Menschen vom Vortragsabend gehört, dass der Hermann-Beham-Saal eigentlich nicht mehr ausreichte. „So viele Leute wie heute haben wir noch nie hier reingebracht“, sagte Landrat Robert Niedergesäß überwältigt. Es war voll wie an Heiligabend in der Kirche.

Thema des Abends: „Digitale Medien-Faszination mit Nebenwirkungen“, speziell bei Kindern und Jugendlichen. Die Initiative dazu hatte die Aßlingerin Trudi Christof vom Verein „Mobilfunk mit Grenzen“ gegeben. Gekommen waren Lehrer, Eltern und Kinder, um den Referaten dreier Fachleute zu lauschen. Da war der Medienberater Uwe Buermann, dessen kurzweiliger Vortrag in Teilen kabarettistische Züge annahm. Dann nämlich, wenn er davon sprach, wie Jugendliche im Bus nebeneinander sitzen und sich per Whatsapp miteinander „unterhalten“, um die Sitznachbarn nicht zu stören und ihre eigene Privatsphäre zu schützen. Oder wenn er nachahmte, wie zwei Burschen miteinander minutenlang telefonieren, um eine Ein-Satz-Information auszutauschen, flankiert von haufenweise Floskeln à la „läuft bei dir“. Oder wenn er nächtliche Gruppendiskussionen auf Whatsapp unter Jugendlichen zitierte: „Schlaft ihr schon?“ „Ne, du?“

Bei aller Belustigung war seine Botschaft jedoch bitterernst: „Das Handy wird für Jugendliche zum sozialen Minenfeld.“ Dann nämlich, wenn jemand nicht innerhalb von zehn Minuten auf Nachrichten der Freunde reagiert und damit eine ganze Klasse verärgert, bis der Shitstorm losbricht und massiv gemobbt wird. Buermann kritisierte das Smartphone als ständigen Begleiter, ohne den Jugendliche sich amputiert fühlen. Permanente Erreichbarkeit als Geißel der Jugend. Das Schlafverhalten derer, die mit angeschaltetem Gerät auf dem Nachttisch ruhen, habe sich dramatisch verändert und gleiche dem junger Eltern. Immer wieder werden sie durch Piepsen oder Brummen aus dem Schlaf gerissen, die REM-Phasen nehmen zu. Der Tiefschlaf, während dessen Gelerntes ins Langzeitgedächtnis wandert, wird kürzer. Buermann appellierte hier an die Verantwortung der Eltern.

Neben den sozialen Nebenwirkungen von Smartphones, Tablet und Co. wurden die körperlichen thematisiert. Der Physiker Klaus Scheler informierte über die Gefahren durch permanente Mobilfunkstrahlung. Durch Handys in den Ranzen und W-LAN in der Schule sei „der ganze Klassenraum ein Strahlengewitter“. Scheler machte auf die gesundheitsschädigende Wirkung insbesondere für Kinder und Jugendliche aufmerksam, von Störungen des Zentralen Nervensystems und des Hormonhaushalts bis hin zu krebsfördernden Effekten und zellulären Stressreaktionen. Er postulierte: „Nutzen Sie Kabel, wo immer es geht“ und rief zur verantwortlichen Medienerziehung der Jugend auf.

Ein Beispiel, wie diese aussehen kann, gab Rüdiger Modell, Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums in Vaterstetten. Seine Schule ist Referenzschule für Medienbildung und hat einen Lehrplan für Medienkompetenz geschaffen. In jedem Klassenraum gibt es neben althergebrachter Tafel und Overheadprojektor ein Medienpult samt Video-Beamer. Die Lehrer binden digitale Medien in jeden Fachunterricht ein. Dies allerdings nur als Ergänzung zum gewöhnlichen Lehren und nur dort, wo „der Einsatz eine qualitative Verbesserung des Unterrichts“, etwa durch Motivationssteigerung oder Veranschaulichung zur Folge hat, betonte Modell. „Medien sollten nicht um ihrer selbst willen eingesetzt werden.“ Alles in allem seien Internet und Co. nicht zu verteufeln, aber die Jugend müsse bewusst herangeführt werden, meinte Modell. Darum sei Medienbildung an Schulen unverzichtbar. „Ich kann mir heute einen Unterricht ohne digitale Medien nicht mehr vorstellen“, sagte der Schulleiter.

Nach drei Vorträgen über knapp drei Stunden fiel die Diskussion im Anschluss entsprechend maßvoll aus. Die Benimm- und Anstandsregeln, zu denen der Landrat eingangs aufgerufen hatte, wurden leicht gewahrt. „Wir sind wohl alle geplättet“, sagte er. In jedem Fall hat das Interesse gezeigt, dass das Landratsamt mit dem Thema den Nerv getroffen hat.

Uta Künkler

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