Hanseatisch und mit viel Humor

Markt Schwaben - Quer durch viele Bereiche der Politik ging es bei den Schwabener Sonntagsbegegnungen. Hans-Jochen Vogel und Peer Steinbrück gastierten in Markt Schwaben.

Wie kommt das Neue in die Welt? Eine rhetorische Frage, die Organisator Bernhard Winter Vogel und Steinbrück auf den Weg durch ihren politischen Dialog mitgab. Das war sozusagen ein Freibrief für alles, was irgendwie mit Politik zu tun hat. Diesen Spielraum nutzten die beiden Hauptakteure glänzend. Vogel in seiner unnachahmlichen redegewandten Art und Weise. Und auch Steinbrück unterstrich, dass er alles andere als der aktenverliebte Zahlenjongleur, der Pfennigfuchser und der dröge Hanseate mit westdeutschem Wohnsitz ist. So entwickelte sich am Nachmittag vor gut 240 Besuchern im Unterbräu ein munteres Gespräch zweier Sozialdemokraten, bei dem es, wie konnte es bei einem Finanzminister auch schon anders sein, in erster Linie um die Weltwirtschaft ging.

In den letzten 20 Jahren, so Vogel, sei eine Menge auf die Welt gekommen, das negativ behaftet ist: die Globalisierung, die Umweltgefährdung durch Klimawandel, das Auseinanderklaffen von Einkünften und Vermögen, Gewalt durch selbstmörderischen Terror. Oder das Vordringen ökonomischer Prinzipien in Bereiche, in die sie nicht hingehörten. Das Positive vergesse man oft. 60 Jahre Frieden in Westeuropa etwa seien kein Zufall.

Mit dem Stichwort Globalisierung war für Steinbrück gewissermaßen eine Steilvorlage geschaffen, die das Nordlicht gerne aufgriff. Das Ausmaß der Globalisierung sei ein völlig neues Phänomen, so der Minister. Bei allen negativen Begleiterscheinungen (Stichwort Nokia) müsse man jedoch festhalten, dass Deutschland dabei der Hauptgewinner sei. 40 Prozent des Sozialproduktes komme durch Außenwirtschaftsbeziehungen zustande, so viel habe keiner aufzuweisen, rechnete er vor. Räumte aber ein, dass Globalisierung heute insbesondere eine weltweite Neuverteilung des Wohlstands bedeute. "Wenn wir in der Champions League bleiben wollen, werden wir noch viel verändern und uns anstrengen müssen'', so Steinbrück.

Zweites Hauptthema war der demografische Wandel: ein lange Zeit von vielen vernachlässigtes gesamtgesellschaftliches Problem, wie beide Redner einräumten. Steinbrück wünschte sich offen weniger Platzhalter in der Politik für Interessen der Gegenwart, sondern eine stärke Fraktion derer, die an die Zukunft denken. Ihn stimme nachdenklich, wenn derzeit schon über 70 Prozent der über Steuern eingenommenen Mittel für Soziales aufgewendet würden und zugleich allerorts trotzdem von sozialer Kälte geredet werde. Gleichwohl gebe es eine immer weiter aufgehende Schere zwischen armen und reichen Mitbürgern. Diese Entwicklung gefährde auf Dauer den inneren Frieden. Eine Umverteilung ohne Gegenleistung dürfe es dennoch nicht geben. Die, die Solidarität erführen, müssten auch die sein, die alles dafür täten, um die Solidargemeinschaft mit eigenem Zutun zu entlasten, sagte der Finanzminister unter Beifall. Für den Sommer kündigte Steinbrück schon jetzt rege Diskussionen an, was eine Erhöhung der Kinderfreibeträge und des Kindergeldes angeht. "Wir müssen überlegen, ob wir individuelle Leistungen erhöhen wollen oder das Geld besser einsetzen, um die Infrastrukturen bei der Kinderbetreuung zu verbessern.''

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