„Das Hirn lernt ständig“ (v.l.): Friedrich Fichtner, Manfred Spitzer, Ute Schneider-Maxon und Rüdiger Modell. Foto: jwg

Hirnforscher: "Online-Leben" behindert Konzentration

Vaterstetten - Es musste schon der größte in Vaterstetten verfügbare Raum herhalten, um dem Interesse an der Veranstaltung der lokalen Agenda 21-Initiative „Netzwerk Schule“ gerecht werden zu können.

Den Initiatoren Ute Schneider-Maxon und Friedrich Fichtner war es gelungen, in Professor Manfred Spitzer den profilierten Hirnforscher und ärztlichen Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm für den Vortrag „Lernen - Gehirnforschung für die Schule“ zu gewinnen. Rüdiger Modell, Leiter des Humboldt-Gymnasiums verwandelte seine Sporthalle in einen Vortragssaal für 400 Zuhörer.

Die beruhigende Nachricht stellte Spitzer voran: „Das Hirn lernt ständig“. Ein Satz, den wohl jeder Lehrer tagtäglich gerne glauben möchte aber nicht immer kann. Lernen finde immer statt, wenn im Gehirn Prozesse des Erlebens, Fühlens, Denken, Entscheidens und Handelns ablaufen. Die Kapazität eines herkömmlichen menschlichen Hirns sei mit einer Zahl von einer Million Milliarden im System von Nervenzellen und seinen Verbindungen (Synapsen) kaum zu fassen und einer permanenten Veränderung unterworfen. Je öfter eine Synapse aufgrund von physikalischen und chemischen Reaktionen angesprochen werde, verändere sie sich entsprechend, so der Referent. Diese neurobiologische Veränderung von Synapsenstärken sei erfahrungsabhängig bedingt. Der Lerneffekt (Erfahrung) oder die Synapsenstärke lasse sich dank modernster Technik sichtbar machen.

Aus diesen Erfahrungen und Beispielen konstruiere das Hirn Regeln, die der Mensch anwendet, ohne sich ihrer immer bewusst zu sein. Spitzer: „Man weiß nicht, dass man es weiß, aber das Gehirn weiß es“. Wie das funktioniert? Spitzer ließ die Zuhörer Verben beugen, die es gar nicht gibt aber in der Systematik stimmig wurden. „Quangen“ und „partieren“ wurden als „gequangt“ und „partiert“ zur Lachnummer.

Lernen, aber wie? Spitzer stellte heraus, dass zur Anregung und Aktivierung der Denkarbeit ein guter Unterricht gehört, der nicht vom Computer abgenommen werden kann, denn weniger Leistung führt nicht zu mehr Erkenntnis, weil jede Erfahrung im Gehirn Spuren hinterlässt. Spitzer stellte in einigen Beispielen heraus, warum und unter welchen Bedingungen schneller, effektiver und nachhaltiger auch unter dem Einfluss kultureller Rahmenbedingungen gelernt werden kann. Verblüffend einfach und verständlich erschien dann auch die Einbeziehung der Motorik in entsprechende Lernmuster sowie die These „Lernen in Kategorien ist Lernen par excellence“.

Auch spielen Alter und Lebensumgebung eine Rolle. Der „Return of Investment“ in Bildung ist für Spitzer im Kindergarten-Alter am höchsten. Ganz wesentlich seien aber die Wirkzusammenhänge von Angst und Lernen wie auch zwischen Freude und Lernen. Lernen mit Herz und Hand, Begreifen im Wortsinn und Verstehen eines Ganzen im Zusammenhang lösten Impulse zur Freude am Lernen aus. Lernen funktionier auf dem Weg vom Einfachen zum Komplexen, über wenige große aber auch viele kleine Schritte.

Für die Praxis heiße Lernen mit positiven Emotionen nicht unbedingt Spaßpädagogik, aber es eröffne die Chance für Glückserlebnisse und Lernmotivation.

Spitzer, das stellte er im Verlauf seines über zweistündigen Vortrags wiederholt heraus, ist nicht unbedingt ein Freund der Informationstechnologie im großen Stil für die Schule. „Die Kinder dürfen die Welt nicht per Mausklick erobern“. Zwischen fünf bis sechs Stunden verbringen Jugendliche heute im Durchschnitt mit digitalen Medien. Die Gehirnforschung zeigt, wie ein Leben „online“ nicht nur das Lernen und die Konzentration, sondern auch das soziale Verhalten behindert. „Zur Dummheit gesellt sich merkwürdige Dumpfheit“, so Spitzer. Weiter: „Unsere Jugendlichen haben vor Vollendung des 18. Lebensjahres medial bereits über 200 000 gröbste Gewalttaten am Bildschirm gesehen und erspielt.“ Spitzer wünscht sich, dass Politiker lieber vor neuen Schreibtafeln als vor Smartboards fotografiert werden wollen.

Von Wilfried Gillmeister

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