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Familienweihnacht anno dazumal in Hohenlinden.

100 Jahre Chronik Hohenlinden

„Bis das Glöckchen tönt“

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Wie haben die Hohenlindener vor 100 Jahren Advent und Weihnachten gefeiert? Ludwig Stoeckl hat es in der Ortschronik  aufgeschrieben.

Hohenlinden – Genau 100 Jahre alt ist die offizielle Chronik Hohenlindens. Jenes Buch von Dorf-Lehrer Ludwig Stoeckl, das im Rathaus gehütet wird wie ein Augapfel (wir berichteten schon mehrfach). Viele Facetten des dörflichen Lebens hat Stoeckl darin beschrieben. Vieles aus dem Alltag wie das Leben in der Schule, wie die Sorgen und Nöte der Landwirtschaft, wie den Ebersberger Park, die Schlacht von 1800, den Ersten Weltkrieg, der zu Beginn seiner Aufzeichnungen noch nicht einmal beendet war.

Ein ausführliches Kapitel widmete Stoeckl den Sitten und Gebräuchen. Im tiefgläubigen Oberbayern ging (und geht?) es dabei natürlich um die Advents- und Weihnachtszeit. Im Stil seiner Zeit formuliert können wir noch heute nachlesen, wie St. Nikolaus auf einer unsichtbaren Leiter „weit drinnen im Gebirge, Rosenheim zu, vom schönen, goldenen Himmel“ zu den braven Kindern von Hohenlinden als würdiger Bischof mit weißem Sack hinabstieg. „Er lässt“, so Stoeckl weiter, „Gebetlein sagen und fragt nach dem Wohlverhalten der Kinder. Der Sack wird geleert, in die bereitgestellten Teller ergießt sich die Flut des Segens: Äpfel, Nüsse, Hutzeln, gedörrte Zwetschgen. Doch auch die Rute liegt daneben“.

Heute, 100 Jahre später, muss man Äpfel und Nüsse wohl oder übel ersetzen durch Play-Station-Spiele, Spielpuppen und anderes modernes Gedöns, von dem Lehrer Stoeckl einst nicht einmal in seinen kühnsten Träumen eine Vorstellung wird entwickelt haben.

Aber bleiben wir noch eine Weile in der Zeit vor 100 Jahren. Und lesen weiter in seinen Aufzeichnungen über Bräuche im Advent in Hohenlinden. Dort erfahren wir, dass die Donnerstage der Adventszeit für die Kinder im Dorf große Tage waren. Man geht vor die Türen der nächsten Verwandten und Bekannten, ärmere Kinder dehnen ihre Fahrt auf die ganze Pfarrei aus, und sagt in singendem Ton einen Spruch auf.

Zum Beispiel:

„Klopf o, klopf o,

der Bauer is a braver Mo.

Bäurin muaß ma Klötzn gebn,

weil i an Bauern globt ho“

Der Lohn für dieses Klopfen: Er besteht wenigstens aus einem Apfel. Auch vorzeitiges Weihnachtsgebäck ist nicht zu verachten.

Aber Achtung, mahnt der Chronist: „Die Kinder gehen vermummt und verstellen ihre Stimme, dass sie auch von ihren besten Bekannten nicht erkannt werden“. Das erhöhe schließlich die Freude.

Irgendwann hat dann auch mal die adventliche Warterei ein Ende. Heiligabend ist da. Wie das dann so abgeht heutzutage, weiß jeder von daheim. Zwischen echter Bescheidenheit und Besinnlichkeit und einer Bescherung, wie sie sich Loriot bei seinen „Hoppenstedts“ in Gestalt eines Verpackungspapier-Müllberges im Hausflur ausgemalt hat, ist heutzutage alles vorstellbar.

Bei Stoeckl blieb ein typischer Heiligabend in Hohenlinden jedenfalls so in Erinnerung: „Mit Herzklopfen bemerken die Kinder die Schachteln, in denen Christbaumschmuck lagert. Nur Vater und Mutter allein dürfen dem weihevollen Geschäft der Zurüstung des Baumes obliegen... qualvolle Viertelstunden, Minuten, Sekunden, bis endlich das Glöckchen tönt, die Tür sich öffnet und die Kinder verwirrt und berauscht in den schimmernden Glanz stürmen...“

Und dann? Wir lesen bei Stoeckl: „Nach der Bescherung sitzt die ganze Familie in der Wohnstube beisammen. Bald aber muss aus Geheiß des Vaters sämtliches ,Kleines’ in die Federn. Dagegen hat das Großvolk freien Entscheid: die einen bleiben auf bis zur Mette, die anderen legen sich schlafen und lassen sich wecken.“

Wecken zur Mette. Der Treffpunkt schlechthin in dieser staden Zeit. Das „Event“ überhaupt, wenn man englische Fachbegriffe mag. Fast alle marschieren zur Kirche. „Bei Laternenschein ein Marsch durch Feld und Wald der Kirche zu. Wer in der Weihnacht Hohenlinden durchschreitet, der könnte glauben, eine zweite Schlacht von Hohenlinden sei im Gange, ein solches Knattern und Krachen aus Gewehren ertönt.“ Doch die biederen Schützen wollen nur das „Christkind anschießen, eine große, friedfertige Ehrensalve abgeben“.

Lassen wir uns bei diesem literarischen Ausflug ins weihnachtliche Hohenlinden von 1917 noch schildern, wie es beim fast mitternächtlichen Gottesdienst zuging in der Dorfkirche, die erhellt wird durch flimmernden Kerzenschein und in der sich „katholisches Volk“ hineingedrückt hat. Die Mette, schildert Stoeckl, gewährte edle geistliche Freuden, „welchen dann auch leibliche folgen daheim in der warmen Stube“. „Die emsige Hausmutter stellt die Schüssel mit den appetitlichen Mettwürsten auf den Tisch...“

Und am Tag danach? „Ein neues Christtagserlebnis, das die Kinderwelt freudig erregt“. Sie, die Kinder Hohenlindens, umjubeln immer und immer wieder des Christkindleins Gaben: Schürzchen, Halstücher, Handschuhe, Strümpfe, hölzerne Pferdchen, Federschachteln, Griffel, schöne Bücher, süßes Backwerk...“ Stoeckls Aufzeichnungen zu den adventlich-weihnachtlichen Bräuchen enden mit einem Hinweis an einen uralten Brauch zum 2. Weihnachtstag; dem Steffelschnaps. Dabei geht es um einen Besuch bei Freunden und Bekannten. Dem Gast wird dabei in jedem Hause der Steffelschnaps angeboten – und übrigens auch gerne entgegengenommen. Ein süßer Likör ist gemeint, es darf aber auch ein kräftiger Kümmel-, Wacholder-, Korn- und Weizenbranntwein sein.

Am 3. Weihnachtstag wird es dann weniger hochprozentig. Johanneswein reicht der Herr Pfarrer nach seinem Meßopfer. Viele lassen sich ihren eigenen Wein in die Kirche zum Segen tragen, manche kaufen sich ein Schöpplein in der Weinwirtschaft bei Mutter Greimel.

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