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Temporäre Mondlandschaft: Rund um Hohenlinden soll künftig auf weiteren Flächen Kies abgebaut werden.

Kiesabbau in Hohenlinden

Stau, Schmutz, Krater

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Seit Jahrzehnten Thema in Hohenlinden: der Kiesabbau. Die Bürger leiden unter Stau und Schmutz. Ein Ende ist aber noch lange nicht in Sicht. 

Hohenlinden – Die Kiesvorkommen in und rund um Hohenlinden: Sie sind längst Segen und Fluch zugleich. Ein Segen für die, die den Bodenschatz ausbeuten und zu Geld machen können. Ein Fluch für die, die mitunter massive Staubeinwirkungen, verschmutzte Straßen und regelmäßigen Lkw-Lärm ertragen müssen. Manche in Hohenlinden schon seit vielen Jahren.

Fünf aktuelle Abbaugruben gibt es: eine an der Grenze zu Forstern, zwei im Bereich der St 2086 (die Straße durch den Forst von und nach Ebersberg), zwei an der Hochstraße im Ortsteil Neustockach. Eine davon ist die offizielle Gemeindekiesgrube, die die Kommune schon über zwei Jahrzehnte betreibt, die anderen haben private Eigentümer.

Doch es gibt weiterhin Begehrlichkeiten. Ein Problem für die politische Gemeinde und ihre Entscheidungsträger. „Wir möchten den Abbau regeln, indem wir Konzentrationsflächen ausweisen“, gibt Bürgermeister Ludwig Maurer die Richtung vor. Heißt: Per Ratsbeschluss soll Kiesabbau auf Hohenlindener Flur durch eine Flächennutzungsplan-Änderung nur noch an bestimmten Stellen möglich gemacht werden. Das Verfahren dazu hat der Rat schon vor Jahren angestoßen. Doch in der Praxis erweist sich eine solche Reglementierung als gar nicht leicht zu verwirklichen.

Kiesabbau ist rechtlich privilegiert. Eine Gemeinde wie Hohenlinden muss in solchen Fällen ihre Zustimmung geben, wenn keine öffentlichen Belange dagegen stehen. Eine Regelung, die Maurer (60) am liebsten abgeschafft wünscht. „Die Privilegierung ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt er. Stattdessen sollte man den Kiesabbau so regeln wie ein ganz gewöhnliches Genehmigungsverfahren etwa wie beim Hausbau, so sein bislang ungehörter Wunsch. Ein Kiesabbau funktioniere auch so, ist sich Maurer sicher.

Dagegen steht aber eine offenbar sehr starke Kiesabbau-Lobby. Und das geltende Recht. Ludwig Maurer weiß zumindest von einem Vorstoß der SPD in Berlin. Doch bis zu einer Gesetzesänderung scheint es noch ein langer Weg. So lange haben er und seine Hohenlindener Gemeinderäte keine andere Wahl, als auf Konzentrationsflächen-Ausweisungen zu setzen.

Man fühlt sich den Bürgern gegenüber in einer besonderen Pflicht. Denn der Kiesabbau in und um Hohenlinden ist nicht unumstritten unter den Bürgern. Die meisten sehen ihn wohl eher sehr kritisch. Weil es in der Gemeinde zahlreiche Streusiedlungen gibt, existieren kaum Kiesabbauflächen, die sich zugleich in einer gewissen Entfernung zur nächsten Bebauung befinden. Anliegerproteste sind daher im Rathaus Hohenlinden nicht unbekannt. Eingestaubte Gärten und regelmäßig verschmutzte Straßen inbegriffen.

Während sich also die so sehr gewünschte Ausweisung der Konzentrationsflächen noch im Verfahren befindet, lagen der Verwaltung zuletzt auch noch zwei neue Anträge auf Ausbeutung vor. Eine Firma aus Forstinning will direkt im Anschluss an eine bestehende Kiesgrube an der St 2086 Kies abbauen.

Was diese Planungen angeht, so liegt der Verwaltung laut Maurer inzwischen der klare Hinweis des Straßenbauamtes Rosenheim vor, dass hier eine Abbiegespur für zwingend nötig erachtet wird. Ohne die keine Neuausweisung, heißt die Formel. Bei einer Straße, die täglich von 4000 Fahrzeugen befahren wird.

Eine in Hohenlinden bekannte Firma aus dem Landkreis Landshut hat ebenfalls großes Interesse signalisiert an einem gar nicht so weit entfernten Gebiet, das allerdings nur über die vielbefahrene B 12 nahe des Westkreisels erschlossen werden könnte. Anders sieht es bei diesem Vorhaben aus: einer Fläche, die nicht einmal Bestandteil der aktuellen Konzentrationsflächen-Überlegungen der Gemeinde ist.

Maurer und die Gemeindeverwaltung wissen inzwischen von Bestrebungen, die Erschließung dieser gewünschten Grube in der Tat über die B 12 stattfinden zu lassen – und zwar ohne Extraspur. Und das alles an eine Straße, die täglich von 24 000 Fahrzeugen benutzt wird. Die Kiesgrube soll demnach an einer Stelle erschlossen werden, an der es regelmäßig Staus gibt. Der Westkreisel ist nicht weit entfernt.

Rathauschef Maurer und auch viele Kollegen im Rat sehen hier schlichtweg einen Gleichheitsgrundsatz verletzt. Dazu kommen nicht von der Hand zu weisende Bedenken, was die Verkehrssicherheit anbelangt.

Beide Anträge hat der Gemeinderat schon öffentlich behandelt, in beiden Fällen gab es bislang kein Einvernehmen. Zurzeit liegen die Vorgänge im Landratsamt Ebersberg, die Verfahren ruhen für maximal ein Jahr. Zeit für die Gemeinde, Lösungen für die Erschließung auszuarbeiten (das ist nämlich, wenn man Konzentrationsflächen ausweist, Sache der Gemeinde) und die nötigen Zustimmungen der Grundstückseigentümer einzuholen.

Der Bürgermeister erklärt das so: „Die Allgemeinheit zahlt die Erschließung der Gruben, das ist sozusagen der Preis dafür, dass wir dann selber bestimmen können, wo auf Gemeindegebiet Kies abgebaut werden darf und wo nicht“.

Dass bei dem Ganzen die Planungshoheit der Gemeinde, ein bekanntlich sehr hohes Gut und daher ein besonders sensibles Thema, stark beeinträchtigt ist, hat das Ebersberger Landratsamt den Hohenlindenern quasi schon bestätigt.

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