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Heinz Gerstmeier aus Augsburg ist seit 25 Jahren zu Gast beim Volksfest Hohenlinden. In guten wie in schlechten Zeiten sozusagen. 

Volksfest Hohenlinden

In einer nicht immer glitzernden Welt

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Glitzern ist die Welt der Schausteller. Vom nicht immer einfachen Alltag berichten zwei, die zurzeit beim Hohenlindener Volksfest mitwirken. 

Hohenlinden – Heinz Gerstmeier schaut zufrieden. Die Sonne strahlt kraftvoll auf den Festplatz in Hohenlinden. T-Shirt-Wetter. Es ist noch gut zwei Stunden Zeit, bis die ersten Gäste kommen werden. Der Augsburger aber hat schon jetzt alles vorbereitet. Der Schießbudenstand steht und funktioniert, am benachbarten Süßwarenstand werden die Fächer schon mal aufgefüllt mit allerlei Leckereien, die Verlosungsbude ist noch verschlossen, scheint aber für den erwarteten und erhofften Ansturm ebenfalls gerüstet zu sein.

Sein Sohn Patrick bereitet sich derweil auf seine Kunden vor, die auf „Slush-Ice“ stehen. Eine fast gefrorene Spezialität, genau das Richtige für heiße Tage.

Das mit den sommerlichen Temperaturen war bei Hohenlindener Volksfesten nicht immer so. Gerstmeier kommt in das Dorf am nördlichen Rand des Ebersberger Forstes schon seit fast 25 Jahren. Er und seine Familie haben hier bereits Volksfesttage erlebt, die ihnen nur deshalb in Erinnerung geblieben sind, weil es wahre Unwetter waren, die die Besucher extrem abhielten von einem Besuch – und obendrein noch für erhebliche Schäden an der Ausrüstung der wandernden Händler sorgten. „Einmal stand der Platz so unter Wasser, dass man die Türen zum Festzelt nicht mehr öffnen konnte“, erinnert er sich. Als Lampen vom Hagel zerschlagen wurden und Dachluken der Wohnwagen dem Druck nicht mehr standhielten und zersplitterten.

Gerstmeier hat aber als Schausteller auch mehr als einmal ein Hohenlinden erlebt, das ihm besonders positiv in Erinnerung blieb. Als ihm nämlich Landwirte mit schwerem Gerät aushalfen, weil Maschinen aus dem aufgeweichten Untergrund gezogen werden mussten. „Es fällt auf, dass die Menschen hier einander grüßen, uns einen guten Tag wünschen. Das ist längst nicht überall so“, sagt er. Mit ein Grund, warum Gerstmeier und seine Familie immer wieder gerne kommen, wenn im kleinen Hohenlinden Volksfestzeit ist – so wie jetzt wieder. Ob es ihm hier gefällt? Gerstmeier scheint die Frage zu verwundern. „Glauben Sie, ich komme über 25 Jahre regelmäßig hier her, wenn es anders wäre?“, antwortet er mit einer Gegenfrage.

Noch keine Hohenlinden-Erfahrung hat Familie Böhm aus Neu-Ulm. Mit einem fast historischen Kinderkarussell ist sie erstmals als Schausteller-Truppe zu Gast bei der ausrichtenden örtlichen Feuerwehr. Über 90 Jahre ist es alt, natürlich aus Holz. Es kann von zwei erfahrenen Handwerkern in zwei Stunden locker aufgebaut werden. Die zehn Kinder-Fahrzeuge, berichtet Tatjana Böhm, wurden nach und nach immer mal wieder ausgetauscht. Zurzeit sind es das Feuerwehrauto und der Lantz-Bulldog, die beim kleinen Jahrmarktpublikum die unangefochtenen Favoriten sind.

Die 36-Jährige ist genau so, wie man sich eine Schausteller-Chefin vorstellt. Rauchige Stimme, eloquent, resolut. Immer einen Spruch auf Lager. Das muss sie auch können; locker reden. Sie hat die Rhetorik einer Autoscooter-Betreiberin jedenfalls drauf. Schließlich gehören zum Familienbetrieb Böhm nicht nur das Kinderkarussell und die benachbarten Crêpes-Bude, die ihr Neffe Manuel (22) in diesen Tagen betreibt, sondern auch noch ein Autoscooter, ein Kettenkarussell und ein Süßwarenstand. In Hohenlinden steht also nur ein Teil des Böhm-Fahrzeugparks, die andere Hälfte befindet sich gerade in Aben-dorf bei Nürnberg. Sohn Jeffry ist ebenfalls dort. Auch in Franken ist gerade Volksfestsaison.

Die Familie Böhm ist daher derzeit mal wieder getrennt. Für Tatjana Böhm keine Besonderheit. Wenn die Saison zu Ende ist, irgendwann Anfang November, kommen in jedem Fall alle wieder zusammen; und das für mehrere Wochen. In Neu-Ulm haben die Böhms ein festes Winterquartier schon seit vielen, vielen Jahren.

Wie bei den Gerstmeiers herrscht jetzt, wenige Stunden vor dem offiziellen Start der sechs Hohenlindener Festtage, auch bei Böhms Gelassenheit. Es wird Wäsche gewaschen und in der Sonne zum Trocknen aufgehängt. Die Kinder Lorena (13) und Julien (7) toben auf dem Gelände herum. Sie haben gerade Ferien wie alle anderen Kinder in Bayern auch. Am letzten Standort, in Schweitenkirchen, war das noch anders. Dort mussten die Böhm-Kinder noch zur Schule.

Inzwischen, sagt die dreifache Mutter, sei das in Deutschland relativ gut geregelt für Schaustellerkinder. Dass ihre beiden schulisch einmal Probleme bekommen könnten, sieht sie nicht. Jeffry, der Älteste, hat gerade seinen Hauptschulabschluss gemacht. Ab September soll er eine Lehre machen. Die Eltern legen großen Wert darauf. Was, das weiß der junge Mann (17) noch nicht. Ganz sicher wird es etwas werden, was mit der Schaustellerei zu tun haben wird, darf man vermuten. Da gibt es schließlich immer was zu schrauben.

Tatjanas Mann Ronny (39) hat noch richtig war zu tun an diesem Dienstagnachmittag. Ein Lkw scheint einen Schaden zu haben. Gut eine halbe Stunde repariert er an der Zugmaschine; mit Erfolg.

Das Paar hat sich, sagt Tatjana Böhm, zufällig kennengelernt. Beide stammen aus Schaustellerfamilien. Die von Tatjana Böhm war sogar mal in der Hochseilakrobatik tätig. Die Böhms leben seither in einem wirklich großen Wohnwagen. „Ich habe alles, was es in einem Haus auch gibt“, sagt Tatjana Böhm: Einbauküche mit Ceranfeldern, Toiletten, Badewanne. Tochter Lorena bewohnt einen eigenen Wagen. „Ihr Paradies“, sagt die Mutter.

In Hohenlinden bleiben die Böhms, wie alle anderen auch, bis Sonntag. Und dann wird es richtig stressig. In Ismaning geht es am kommenden Mittwoch gleich weiter. „12 bis 15 Volksfeste pro Jahr sind normal“, sagt Heinz Gerstmeier, sozusagen der Dreh- und Angelpunkt der Buden- und Standbetreiber in Hohenlinden. Für die Böhms ist dann Ende Oktober/Anfang November Winterpause. Heinz Gerstmeier macht dann aber noch weiter; als Betreiber von Glühweinständen auf dem Augsburger Weihnachtsmarkt.

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