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Theo Wientjes bei seiner Vergoldungsarbeit.

Besonderes Hobby

Alles Gold, was glänzt

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Hohenlinden - Theo Wientjes aus Hohenlinden veredelt Holzrohlinge mit Blattgold zu ganz besonderen Kunstwerken.

Mit einem couragierten Wurf und mit Hilfe eines breiten, statisch aufgeladenen Feh-Haarpinsels klatscht Theo Wientjes eine Ladung Blattgold auf die von ihm bereits vorbereitete Flügelfläche einer hölzernen Engelsfigur. Das acht mal acht Zentimeter große und nur 1/1800 mm dicke Edelmetall fliegt direkt auf die ins Visier genommene Stelle. Der 73-Jährige wirkt zufrieden. Dieser Handgriff sieht so spielend leicht bei ihm aus, dass man als Zuschauer spontan versucht wäre zu fragen, ob man es nicht auch einmal ausprobieren dürfte. Doch schon ein unerwarteter Windhauch, schränkt der Experte ein, könne dazu führen, dass sich die Flugbahn der Blattgoldschicht unerwünscht verändert. Dann fällt das edle Metall auch schon mal an eine verkehrte Stelle – oder auf den Fußboden.

Wir sind zu Besuch bei Theo Wientjes und seiner Frau Sylvia. Der Pensionär hatte vor knapp zehn Jahren per Zufall einem Vergolder bei seiner filigranen Arbeit über die Schulter geschaut. Und für sich beschlossen: Das ist was für mich, was mir den Ausgleich bietet für den Stress im Berufsleben.

Vergolden aber ist nichts, was man mal so im Vorbeigehen erlernt. 2008 besuchte der gebürtige Norddeutsche erstmals einen entsprechenden Lehrgang in Kloster Schlierbach bei Wels in Österreich. Dort fing man, wie üblich, klein an. Mit einer Zaubererfigur aus Zirbelholz, es kann auch Linde gewesen sein. Solche Figuren werden vorwiegend im Grödnertal hergestellt, aber auch andernorts in Südtirol und in Österreich. Es gibt geistliche und profane Motive. Die Herstellung erfolgt inzwischen durch computergesteuerte Fräsen maschinell. Die Rohlinge, sagt Wientjes, seien bereits sehr exakt und feingliedrig gefertigt. Aber in diesem Zustand noch lange nicht geeignet, um verschönert zu werden, also farbig gefasst bzw. vergoldet. Die Wientjes sind immer mal wieder in Südtirol, und kaufen immer wieder dort im Fachhandel unbearbeitete Holzfiguren zur Weiterveredelung daheim.

Um die 20 Schritte sind notwendig bis zum Endprodukt. Das alles hat der Hohenlindener Stück für Stück gelernt. 30 Stunden Grundkurs Vergolden, 30 Stunden für alles andere. So fing es an. Weitere Kurse folgten. Beim Vergolden, sagt Wientjes, habe er viel Lehrgeld gezahlt. Soll heißen: Da ist so manche Blattgoldfolie nicht so vom Pinsel aufs Holz geflogen, wie es hätte sein sollen.

Damit das mit dem Vergolden überhaupt klappen kann, ist zunächst eine zähflüssige Grundierung nötig und danach mehrfach ein Kreidegrund auf eine penibel gereinigte Holzfläche (Ahorn, Zirbel, Linde) aufzutragen. Das Rohmaterial dafür stammt aus Rügen, Bologna oder China, es gibt auch Champagner-Kreide. Diese Untergrundbehandlung ist zwingend, damit später das verwendete Blattgold überhaupt haftet.

In die aufgetragene Kreide arbeitet Wientjes dann die feinen Konturen heraus, die man später gerne auch wieder sehen möchte. Bis zu diesem Punkt hat der Vergolder bereits bis zu 30 Stunden Zeit investiert.

Nach zwei Tagen Trocknung beginnt das Schleifen. Mit der Hand und mit 120er bis 320er Papier. Dabei geht es um die Körnung. Der letzte Schliff wird mit Wasser und Leinenstoff abgerieben. Ziel ist, möglichst ganz glatte Flächen zu schaffen.

Dieses Verfahren bis hierhin kannten schon die alten Ägypter. Mit Bolus, einem Mineral, werden weitere Schichten aufgetragen, um den Haftgrund zu optimieren. Es folgt eine sogenannte Netze, ein Wasser-Alkoholgemisch. Und erst jetzt kann Wientjes mit dem eigentlichen Vergolden beginnen. Dringend erforderlich ist dafür, um möglichst wenig Lehrgeld zu zahlen, eine ruhige Hand, keine Luftbewegungen und, nicht zu knapp, Sinn für das Filigrane.

Nach dem Auftragen geht es, am besten nach drei bis vier Stunden Pause, ans Polieren, denn bis dahin glänzt das aufgetragene Gold noch gar nicht. Das ersehnte Strahlen erzeugt Wientjes durch den Einsatz eines Achat-Halbedelsteins. Was nun folgt, ist das sogenannte Fassen, das Bemalen mit pulverisierte Farbe in Kombination mit Leinöl.

Das Ziel dabei ist klar; und macht auch später die Qualität bzw. die Nichtqualität einer Holzfigur aus: Die Übergänge von Farbe zu Farbe oder von Farbe zu Gold müssen ganz korrekt sein. „Darin“, sagt der ehemalige Experte für Spezialbaustoffe, „liegt der besondere Reiz und das besondere Können“.

Man spürt: Hier ist es die Geduld, auf die es in erster Linie ankommt. Eine größere Arbeit, etwa eine Altardarstellung oder eine typische Mantelteilszene um St. Martin, wie sie in einem seiner Räume im Haus stehen, braucht dann auch schon mal drei Monate.

Das verwendete Gold übrigens hat 23 Karat, die Technik heißt Polimentvergoldung. Im Gegensatz zur Ölvergoldung. Dabei wird das wertvolle Metall direkt auf Holz aufgetragen. Oder, theoretisch, auf Stein oder Blech. „Der Friedensengel ist so ein Beispiel“, heißt es. Benutzt wird dann 24-Karat-Gold, weil es witterungsbeständig ist. Solche Arbeiten erledigt Wientjes nur selten. Der Witterung werden die Arbeiten von Wientjes nicht ausgesetzt. Ungezählte größere Holzfiguren hat er bereits veredelt. Sie zieren nahezu jedes Zimmer seines Anwesens. Die genaue Zahl kennen weder er noch seine Frau Sylvia, die gerne mal mitwirkt, sich aber lieber den kleineren Krippenfiguren widmet. Hier kommt eine ähnliche Technik zum Einsatz. Meist verzichtet sie dabei auf Gold. Und wenn nicht, kommt ihr Gatte Theo mit seiner ruhigen Hand und dem zumeist zielsicheren Wurf zur Hilfe.

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