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„Wir sind kein Handwerker-Ersatz“

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Von: Jörg Domke

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Kreisbrandrat Andreas H
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Kreisbrandrat Andreas Heiß © S. Rossmann

Am Sonntag, 19. Juni, findet in Hohenlinden der 146. Kreisfeuerwehrtag statt. Dazu ein Interview mit Kreisbrandrat Andreas Heiß.

Hohenlinden - Im Rahmen des Kreisfeuerwehrtags gibt es am Sonntag auch eine Tagung der Kommandanten am frühen Morgen im Wendlandhaus. Auf der Tagesordnung: Bericht der Kreisbrandinspektion, Grußworte des Landrats und Ersten Bürgermeisters sowie Organisatorisches. Zu diesem Zweck treffen sich die Kommandanten der hiesigen Feuerwehren zu einer Tagung gleich am frühen Morgen im Wendlandhaus. Auf der Tagesordnung: Bericht der Kreisbrandinspektion, Grußworte des Landrats und Ersten Bürgermeisters sowie Organisatorisches; vorgetragen vom Hohenlindener Kommandanten Andreas Niederlechner. Später folgen ein Festzug der Kommandanten, ein Kirchenzug sowie ab 10.30 Uhr ein Gottesdienst mit Fahnenabordnungen und Fahrzeugweihe sowie ein gemeinsames Mittagessen im Festzelt. Wir sprachen im Vorfeld dieses Großereignisses mit Kreisbrandrat Andreas Heiß aus Antholing.

- Herr Heiß, erst vor Kurzem hat der Gesetzgeber entschieden, Behinderungen von oder gar tätliche Angriffe gegen Feuerwehrler bei Einsätzen deutlich massiver zu bestrafen als bislang. Hat es solche Vorfälle, von denen hier die Rede ist, auch schon im Landkreis Ebersberg gegeben?

Gott sei Dank haben wir bisher noch keine tätlichen Angriffe erleben müssen. Aber verbale Attacken kommen immer wieder vor. Allerdings erinnere ich mich an eine Silvesternacht, als die Feuerwehr Grafing zu einem Brand alarmiert wurde, mit ihren Einsatzwagen mit Blaulicht und Martinshorn durch den Marktplatz fuhren und mit Flaschen von angetrunkenen Passanten beworfen wurden.

- Die Politik, auch die Kommunalpolitik, beklagte zuletzt immer wieder zumindest einen spürbaren Verlust an Respekt gegenüber Funktionsträgern, also auch Einsatzkräften etwa der Polizei oder der Feuerwehr. Spüren das ihre aktiven Mitwirkenden auch?

Auch das spüren wir sehr deutlich. Gerade bei Verkehrsunfällen, wenn die Straße gesperrt werden muss, gibt es Autofahrer, die hier kein Verständnis zeigen. Jeder hat irgendeinen wichtigen Termin und kann nicht warten. Oder die Umleitung ist ihm zu weit.

- Wie sind die Feuerwehren bei uns im Landkreis zurzeit aufgestellt? Es scheint so, dass es Ortswehren gibt, die personell ganz gut bestückt sind. Aber auch Gruppen, die die eine oder andere Verstärkung dringend benötigten.

Insgesamt sind wir gut aufgestellt mit den 2524 aktiven Frauen und Männer, die rund um die Uhr und bei jedem Wetter in den 47 Freiwilligen Feuerwehren ihren Dienst leisten. Selbstverständlich kann die Einsatzbereitschaft bei den Freiwilligen Feuerwehren unterschiedlich sein. Wir haben keine Schichtpläne oder feste Personalbesetzungen wie bei den Berufsfeuerwehren. Dies ist aber bereits bei den Alarmierungsplänen zu den unterschiedlichen Einsatzszenarien berücksichtigt. Darum kommen für einen Außenstehenden plötzlich mehrere Feuerwehren, und dieser versteht gar nicht, warum das so ist. Das kommt immer auf das geschilderte Lagebild und Alarmstichwort an.

Gut aufgestellt beim Nachwuchs

- Und wie schaut es kreisweit beim Nachwuchs aus?

Da hat uns die Corona-Pandemie nicht geschadet. Hatten wir 2020 noch 301 Jugendliche, waren es in 2021 schon 335 und in 2022 sogar 363 Jugendliche, die sich in den Feuerwehren des Landkreises engagieren.

- In diesen Wochen und Monaten feiern wir im Landkreis vielfach 150-jährige Bestehen von Feuerwehr-Ortsgruppen. Wie beurteilen sie generell den Ruf der Feuerwehren in diesen Zeiten?

Die Feuerwehr genießt, wie übrigens auch die Kameradinnen und Kameraden vom Rettungsdienst und THW, weiterhin ein sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung. Die Leute vertrauen den Menschen, wenn sie größter Hilfe bedürfen, am meisten. Dies zeigt auch die Studie des GFK Meinungsforschungsinstitut in Nürnberg.

- Eines ist unbestritten und ganz klar: Zum Teil teure Neuanschaffungen von Feuerwehrausrüstung werden von den Kommunen natürlich nicht gekauft als „Spielzeug“ für die ehrenamtlich aktiven Feuerwehrleute, sondern dafür, letztlich die Sicherheit der eigenen Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Täuscht der Eindruck, dass die politischen Gemeinden trotz oft arger finanzieller Engpässe nach wie vor alles tun, um das zu beschaffen, was nach heutigen Standards nötig ist?

Mandatsträger tun alles

Den Begriff Spielzeug möchte ich gleich mal streichen. Wir Freiwillige Feuerwehren müssen uns ständig an die veränderten Techniken und Herausforderungen der Wirtschaft anpassen. Ohne, dass wir davor befragt werden. Egal ob es neue Antriebsarten oder neu verbaute Materialien in der Autoindustrie sind. Von uns wird erwartet, dass wir helfen können, wenn es von uns gefordert wird. Und das haben glücklicherweise auch unsere Mandatsträger erkannt und unterstützten uns hier nach ihren Möglichkeiten und finanziellen Mitteln.

- Immer wieder war zuletzt zu hören, dass Arbeitgeber von Einsatzkräften Ärger machten, als es darum ging, sie während der Dienstzeiten zu Einsätzen gehen zu lassen. Gibt es das Problem eigentlich noch immer?

Selbstverständlich ist dies auch ein Problem, welches wir nicht außer Acht lassen sollten. Aber der überwiegende Anteil der Arbeitgeber im Landkreis unterstützt die aktiven Feuerwehrleute bei ihrem Einsatzdienst. Allerdings muss man auch ganz klar sagen, wir Feuerwehren sind nicht der Ersatz für einen Handwerker, weil man sich selber nicht mehr helfen kann.

- Ein anderes Problem hatten zuletzt einige Kommandanten bei Hauptversammlungen angesprochen. Wegen der hohen Wohnkosten hierzulande zogen gut ausgebildete Feuerwehrkräfte weg, weil sie sich die Mieten in ihren Heimatgemeinden nicht mehr leisten konnten. Was kann oder muss man ihrer Meinung nach dagegen tun?

Besonderheiten im Speckgürtel

Wir sind natürlich am Speckgürtel von München, mit allen Vorteilen und Besonderheiten. Bezahlbarer Wohnraum für junge engagierte Familien ist nicht immer leicht zu finden. Hier macht sich im Landkreis Ebersberg ein Nord-Süd-Gefälle erkennbar. Nicht jede/jeder Aktive kann tatsächlich in seiner Heimatgemeinde bleiben, um dort weiterhin in der Feuerwehr zu sein. Natürlich kommt es auch vor, dass durch einen Umzug andere Gemeinden vom Zuzug einzelner Feuerwehrmitglieder profitieren, da bereits alle erforderlichen Lehrgänge besucht wurden.

- Hat Corona in den letzten zweieinhalb Jahren nach ihrer Erfahrung den Alltag in den Ortsfeuerwehren verändert?

Ja. Corona hat auch das Leben in der Feuerwehr verändert. Lehrgänge und Schulungen konnten nicht mehr abgehalten werden. Die Nachbesprechungen nach Einsätzen ist ausgefallen. So hat es noch nie gegeben, dass ein Kreisbrandrat eine Dienstanweisung für den Einsatz- und Übungsdienst erlassen hat. Das war auch für die Mitglieder der Kreisbrandinspektion nicht einfach.

- Als 1871/1872 Ortsfeuerwehren in Bayern wie Pilze aus den Böden schossen, hatte das auch mit dem gerade eben beendeten deutsch-französischen Krieg zu tun. Spielt der gegenwärtige Krieg in der Ukraine für die Feuerwehren hier bei uns in irgendeiner Form eine besondere Rolle?

Die Feuerwehren waren nie politisch geprägt. Früher waren es Selbsthilfevereinigungen, meist aus Sport oder Turnvereinen, die sich zusammen geschlossen haben, um bei Katastrophen Hilfe zu leisten. Und das Gleiche tun wir auch heute. Wir haben bereits mit Hilfsmaßnahmen, die über den Landesfeuerwehrverband Bayern organisiert waren, unterstützt. Ebenso haben Kräfte aus dem Landkreis Ebersberg aufgrund einer Anforderung der Regierung von Oberbayern in München bei der Unterbringung von Kriegsflüchtlingen geholfen.

- Ihr größter Wunsch im Vorfeld des Kreisfeuerwehrtages 2022?

Dass es für die Feuerwehren im Landkreis Ebersberg, aber vor allem auch für die ausrichtende Feuerwehr Hohenlinden ein schönes und vor allem friedvolles Fest wird. Die Leute sollen sich amüsieren und ihre Verbundenheit zu den ehrenamtlichen Kräften zeigen.

Die Fragen stellte Jörg Domke

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