Schwerer Unfall auf A8 mit Lkw - Riesenstau um München bis auf A99

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Aussterbende Art: Richard Dickinson Weinberger aus Hohenlinden ist Autosattler.

Der Hohenlindener Tuning-Meister

Hohenlinden - Lesern, die in einem Auto lediglich einen ganz normalen Gebrauchsgegenstand sehen, wird die nachfolgende Geschichte unverständlich vorkommen. Allen anderen, insbesondere den Verrückteren unter den Autofans, geht vielleicht das Herz auf.

Der Porsche Boxter vor...

Richard Dickinson Weinberger sitzt locker auf der Werkbank. Im Hintergrund läuft das Radio. Nachrichten. Er hat die Beine übereinandergeschlagen. Es riecht nach Leder und Kleber. In der einen Hand einen kräftigen Faden und entsprechendes Nähzeug. Fein säuberlich setzt er Stich für Stich. Was er in der anderen Hand hält, ist Teil einer späteren Kopfstütze. Nicht Fließbandware, sondern ein Unikat. Dickinson Weinberger ist Autosattler. „Ein aussterbender Beruf“, wie der gebürtige Engländer mit Wehmut sagt. Aber in keinem anderen Beruf kann sich der Hohenlindener heute vorstellen.

Das war mal ganz anders. 1982 kam er mit seinem Vater, einem halben Deutschen, zurück nach Deutschland. Und landete als 16-Jähriger ziemlich zielsicher bei der Firma Weinberger in Hohenlinden. Es folgte zunächst ein recht normaler Werdegang für einen jungen Mann: Lehre zum Landschaftsgärtner, Anstellung.

Nach einem schweren Autounfall 1993 mit zahlreichen Brüchen und monatelanger Behandlung aber stand zwangsweise eine Umorientierung an. Die harte Gartenarbeit; das ging körperlich nicht mehr.

„Irgendwas mit Autos wäre ganz hübsch“, dachte sich Dickinson Weinberger damals schon, doch die Handwerkskammer attestierte ihm, dass das körperlich bei seinen Verletzungen nicht machbar sei.

... und nach der Behandlung von Sattler Richard Dickinson Weinberger.

Der heute 46-Jährige blieb trotzig, und übernahm sogar die Kosten seiner Umschulung selbst. Dabei kam ihm ein besonderer Zufall zur Hilfe. Bei einer Kiesausfuhr blieb er auf der A 94 bei Zamdorf im Stau stehen. Dort, wo man einen idealen Blick auf eine einst dort angesiedelte Sattlerei hatte. Auf dem Hof der Firma Kostlmaier standen zudem zahlreiche Oldtimer, die den Jobsuchenden nur noch neugieriger machten.

Richard Dickinson Weinberger sprach auf der Rückfahrt den Chef gleich an. Man vereinbarte eine 14-tägige Zusammenarbeit mit Probezeit. Und stellte fest, dass man voneinander begeistert war. „Ich bin dem Ruf des Herzens gefolgt“, sagt Dickinson Weinberger heute. Dass er dafür seine damals laufende Umschulung zum Bauzeichner trotz bester Noten schmiss, spielte da gar keine Rolle mehr.

Die Autosattlerei gewährleistete immerhin die Nähe zu den geliebten Autos; insbesondere auch denen seiner Heimat England. Einen Triumph TR 3, Baujahr 1959, hatte er sich inzwischen gekauft. Tiefergelegt. In der Absicht, daraus sein Hochzeitsauto zu machen. Der Wagen wurde komplett zerlegt. Vollständig zusammengesetzt ist er bis heute nicht. „Eine Aufgabe fürs Rentenalter“, wie der Hohenlindener schmunzelnd sagt. Zweifel, dass er die vielen Einzelteile nicht wieder korrekt zusammen-bringt, hat er nicht.

Mittlerweile gehören ihm weitere alte Schlitten, teils erstanden für den Gegenwert einer Pizza und einer halben Bier. Ein fast fertiger MGB zum Beispiel, ein zerlegter Morris Minor. Sein aktuelles und angemeldetes Privatauto ist ein Porsche Boxter, den er einst als komplett geschrotteten Unfallwagen erwarb und in langer Arbeit herrichtete zu einem Unikat. Mit braunem Spezialteppich aus den USA, eigens umkonstruiertem Armaturenbrett, Speziallenkrad, getunt.

Beim Stichwort Tuning ist Dickinson Weinberger praktisch nicht mehr zu stoppen. Er spricht von einer Szene, in die er ab 1996 reingerutscht sei. So als sei das verwerflich. Kommerzieller Einstieg ins Tuninggeschäft war der Umbau eines Dodge Viper. „Manche“, so referiert er, „verstehen unter Tuning den Satz Alufelgen oder das Tieferlegen.“ Andere denken gleich an den Motor. Auch das kein Gebiet, auf dem sich der Hohenlindener nicht auskennt.

Ein Polo mit Porschemotor hat sein Werkgelände in der Ebersberger Straße schon verlassen. Oder der Opel Ascona, dessen Eigentümer zunächst nur ein paar neue Sitze haben wollte, dann immer mehr bestellte und am Ende einen Wagen vorfand, mit dem er in Tuning-Fankreisen für den schönsten Innenausbau (made in Hohenlinden) gleich 18 Pokale einsammelte.

Dickinson Weinberger erzählt von zumeist jungen Leuten, die sich lieber einen durchschnittlich teuren Gebrauchtwagen leisten und dann ein Vielfaches des Kaufpreises einsetzen, um daraus ein Einzelstück zu machen. Er berichte von einem gebrauchten Golf II, der mit schlappen 25 000 Euro zu einem Blickfang geworden ist. Längst hat sich herumgesprochen, dass man es in Hohenlinden mit Perfektionisten zu tun hat.

Die einschlägigen Fachzeitungen haben die handwerkliche Qualität des Engländers schon vielfach gewürdigt. Bei einer Fernsehshow des Senders DMAX gewann Dickinson Weinberger den ersten Preis. Keiner peppte einen Serienwagen innen besser auf als er.

Ein bisschen verrückt sind sie wohl alle, die Auto-Tuner. Dickinson Weinberger sagt das mit aller Zurückhaltung, schließlich spricht er von seinen Kunden.

Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist ihm aber einer, der sich für seinen Sohn ein gebrauchtes Bobbycar kaufte, dazu ein klavierlackfarbenes Gehäuse anfertigte und die Sitzpolsterung mit imitiertem Schlangenledermuster beim Hochenlindener Spezialisten vervollständigen ließ. Und das alles auf Opel-Basis.

Jörg Domke

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