Eine Ikone der Münchner Wiesn: Wolfgang Morgenroth mit Darstellungen seiner Urgroßmutter. Foto: sro

"Ich bin der Urenkel der Schützenliesl"

Vaterstetten - Wolfgang Morgenroth aus Baldham sammelt alles, was mit der Schützenliesl zu tun hat. In seiner Wohnung stehen Krüge und Zinnbecher, auf denen sie zu sehen ist. Die Schützenliesl ist seine Urgroßmutter.

„Sie war eine starke, aber auch sehr bescheidene Frau“, erinnert sich ihr Urenkel, geboren 1937. „Ich habe sie sehr bewundert.“ Mehrmals hat er sie getroffen, während des Zweiten Weltkriegs in Feilnbach und dann später, 1950 in Mittersendling. Dort lebte seine Urgroßmutter. „Sie hat viel gearbeitet in ihrem Leben und war immer freundlich.“ Morgenroth hat einige Stücke aus ihren Nachlass. „Meine Frau hat eines ihrer Dirdl“, erzählt der Baldhamer.

Geboren wurde die Schützenliesl in ärmlichen Verhältnissen als lediges Kind Coletta Möritz am 19. September 1860 in Ebenried bei Pöttmes im Landkreis Aichach. Die Mutter zog bald nach München, betrieb dort einen Trödelmarkt am Isartor, holte ihre Tochter nach. Die ging bei den Armen Schulschwestern am Anger in die Schule und wurde schließlich Biermadl. Im „Sternecker Bräu“ entdeckte sie der Maler Friedrich August von Kaulbach. Ihm gefiel die lustige und bildhübsche 18-jährige Coletta so gut, dass er sie in der Wirtschaft skizzierte. Dann entstand das berühmte fünf Meter hohe und 2,8 Meter breite Bild des auf einem Bierfass tanzenden Mädchens, das fröhlich neun Maßkrüge schleppt und auf dem Kopf statt eines Hutes eine Schützenscheibe trägt.

Coletta wurde berühmt, die Schützenliesl wurde quasi zu einer frühen Werbeikone. „Aber nicht als Schützenliesl von Kaulbachs Gnaden, sondern durch ihr eigenes Wesen, ihre Liebenswürdigkeit und ihren besonderen Charme“, schrieb wohl im Jahr 1949 der Geheimrat Georg Proebst und zwar in einem Brief an Coletta, den Morgenroth in seinem Archiv hat. Für ihn ist das Schreiben echt. Proebst war damals 94 Jahre alt, die Schützenliesl 90. Sie kannten sich schon lange. Proebst, für die Münchner Bürgerbräu tätig, hatte die schon bekannte Coletta Möritz für die Gewerbeausstellung in Nürnberg 1881 engagiert, um in einer „Kosthalle“ Bürgerbräubier zu servieren, selbständig die Fässer anzuzapfen, in Quartlgläsern auszuschenken und auch zu kassieren. Voll des Lobes habe sich Proebst später erinnert, welchen „kolosalen Erfolg“ die junge Frau dabei hatte, so Morgenroth. In den wenigen Stunden, die die Ausstellung geöffnet hatte, und auf sehr begrenztem Raum in der „Kosthalle“ habe sie an vielen Tagen einen Ausschank von mehr als 200 Litern Bier erreicht.

Danach wollte Proebst die junge Frau wohl mit einer ähnlichen Aufgabe nach Breslau schicken. Doch Colettas Mutter meinte damals, es wäre vernünftiger, ihre Tochter würde dem Antrag eines Herrn Buchners annehmen und ihn heiraten, da dieser schon ein gutes Geschäft besaß und Witwer war. „Deshalb habe ich Sie von der Verpflichtung nach Breslau zu gehen, entbunden“, schreibt der Geheimrat im Jahr 1949. So steht es in dem Brief aus Morgenroths Archiv.

Coletta Möritz heiratete 1882 den Gastronom Franz Xaver Buchner. „Er wollte eine attraktive, gesunde und fleißige Frau und das war meine Urgroßmutter“, erzählt Morgenroth. Zusammen bewirtschafte das Paar bekannte Gaststätten in München wie das Bürgerliche Brauhaus oder den Bürgerbräukeller. 1897 war Colette eine sehr beliebte Festwirtin auf dem Oktoberfest. Ein Jahr später siedelte das Paar nach Straßburg über, um dort Großwirtschaften zu übernehmen. „1000 Essen wurden dort täglich ausgegeben“, so Morgenroth. Zwölf Kindern schenkte Coletta das Leben. Die älteste Tochter Maria ist Morgensroths Großmutter. „Es gibt das Gerücht, dass einige Kinder direkt im Wirtshaus in der Nähe der Theke geboren wurden.“

Gestorben ist die Schützenliesl am 30. November 1953. Sie wurde im Waldfriedhof beerdigt. Die genaue Lage ihres Grabes ist heute unbekannt.

Neben dem Gemälde von Kaulbach gibt es ein weiteres bekanntes Porträt der Schützenliesl, das der Künstler Toni Aron 1890 geschaffen hat. Es wird davon ausgegangen, dass der Auftrag dazu vom Bürgerbräu kam, unter der Direktion von Georg Proebst. Damit schließt sich für Morgenroth der Kreis. Denn auch das freizügige Gemälde der Frau im Badeanzug stamme von Aron. Der Baldhamer vermutet nun, dass Proebst dieses Bild für sich privat malen ließ. „Ich glaube, er wollte sie auch heiraten.“ Belegt ist aber nichts.

Heute hängt das lebensgroße Werk in der Wohnung einer Familie in München-Solln. „Diese Familie hat 2011 mit mir Kontakt aufgenommen. Sie hatte erfahren dass ich alles zum Thema Schützenliesl sammle.“ Gemeinsam mit seinem Sohn hat sich Wolfgang Morgenroth das Bild angesehen. Der Kopf sei möglicherweise der der Schützenliesl, den Körper dazu habe der Maler erfunden „Ich hätte es gerne gekauft, aber die Familie wollte nicht verkaufen.“ Ein Foto des Gemäldes hat er jedoch. Und das steckt nun in einer Hülle in einem der Ordner seiner Sammlung.

Jetzt, da wieder das Oktoberfest naht, wünscht sich Wolfgang Morgenroth, dass die Schützenliesl wieder mehr ins Interesse der Landeshauptstadt rückt. „Wenn ihr Porträt einen offiziellen Oktoberfestkrug zieren würde, das wäre doch schön.“ Der käme dann sicher auch in die Sammlung des Baldhamers.

Robert Langer

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