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Winterblues: Darüber kann dieser junge Mann nur lachen

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Von: Helena Grillenberger

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Skitour mit „blauem Licht“: Die Sonne scheint nur wenige Stunden im spitzbergener Winter. Die Kälte und Eiszapfen, die von seiner Sturmhaube hängen, halten Dominik Kalke nicht von einer Wanderung ab.
Skitour mit „blauem Licht“: Die Sonne scheint nur wenige Stunden im spitzbergener Winter. Die Kälte und Eiszapfen, die von seiner Sturmhaube hängen, halten Dominik Kalke nicht von einer Wanderung ab. © Dominik Kalke

Seit 21. Dezember werden die Tage wieder länger. Vielen Menschen schlägt das triste Wetter, ohne Schnee, nur Grau in Grau, aber aufs Gemüt. Dominik Kalke macht das Wetter nichts mehr aus. Er kennt die Polarnacht.

Ingelsberg - In Deutschland werden die Tage seit einer Woche zwar wieder länger, gefühlt hat sich die Sonne aber seit Monaten nicht mehr im Landkreis Ebersberg blicken lassen. Meist herrscht Grau in Grau. Vielen Menschen schlägt das triste Wetter aufs Gemüt, Schnee ist nicht in Sicht, Winterfreuden damit auch nicht. Dominik Kalke aus Ingelsberg (Zorneding) kann über die Jahresend-Wetter-Depression nur müde lächeln.

Der 24-Jährige kennt die Polarnacht.

Dominik Kalke aus Ingelsberg bei einer Wanderung auf Spitzbergen.
Dominik Kalke aus Ingelsberg bei einer Wanderung auf Spitzbergen. © Dominik Kalke

„Auf Spitzbergen ist man um eine Stunde Licht froh.“

Dominik Kalke sitzt an seinem Schreibtisch. Vor ihm: Sein aufgeklappter Laptop, auf dem er die Fotos von seinem Auslandssemester durchforstet. Sechs Monate, von Mitte Januar bis Mitte Juni dieses Jahres, hat der Ingelsberger auf Spitzbergen verbracht, auf der Inselgruppe, die zu Norwegen gehört. Mit der Polarnacht, die Kalke miterlebt hat, lässt sich das trübe, dunkle Wetter bei uns nicht mal ansatzweise vergleichen.

Der 24-Jährige deutet Richtung Fenster: Hier sieht er an diesem Mittwoch sogar kurzzeitig blauen Himmel und es wird um 8 Uhr hell. „Wir sind grade lichttechnisch in der schlimmsten Zeit im Jahr und trotzdem ist es acht Stunden am Tag hell“, sagt er. „Da oben auf Spitzbergen ist man schon um eine Stunde froh.“

Polarlichter während der Polarnacht.
Dominik Kalke (li.) und Thibault Desjonquères (re.). Aufgenommen am frühen Nachmittag. © Thibault Desjonquères

Auf Spitzbergen spricht man vom „blauen Licht“

Direkt an seinem ersten Tag auf der Insel sei er eine Skitour gegangen: „Wir sind um zwölf Uhr mittags auf dem Gipfel eines Berges gestanden und haben nichts gesehen. Es war einfach stockdunkel“, erinnert er sich und erklärt: Die „krasse Dunkelheit“ gehe von Anfang Dezember bis Ende Januar, „danach fängt’s dann an, dass man mal ’ne Stunde Dämmerungsfeeling hat.“ Aus einer Stunde würden über Wochen hinweg drei, „irgendwann in der Mitte der drei Stunden hat man das Gefühl, es ist Sonnenuntergang.“

Es falle ihm schwer, das alles genau in Worte zu fassen, sagt der 24-Jährige. Auf Spitzbergen spreche man vom „blauen Licht“, das die Stimmung, wenn „das Licht langsam wiederkommt“, sehr gut beschreibe, so Kalke.

Blaues Licht über Spitzbergen nach der Polarnacht. 15 Sekunden Belichtungszeit.
„Blaues Licht“ über Spitzbergen. © Dominik Kalke

Das Licht lässt keinen Zeitunterschied erkennen

Sein Vorteil sei gewesen, dass er in Longyearbyen in die Uni musste, erklärt der Ingelsberger. „Ich hatte Routine, alles war durchgeplant“, sagt er. „Aber ohne festen Rhythmus ist es echt schwierig aufzustehen, wenn es draußen so dunkel ist.“ Er habe auch deutlich mehr geschlafen in der Zeit, in der es dunkel war. „Und ich hab mich auch einfach müder gefühlt, obwohl ich so viel geschlafen hab“, sagt er. Wie jeder andere, mit dem er dort Kontakt hatte auch, habe er Vitamin D nehmen müssen, um den Mangel an Sonnenlicht auszugleichen.

Und das Zeitgefühl verliere man sowieso: „Du schaust da die ganze Zeit auf die Uhr, weil du dich an nichts anderem orientieren kannst“, sagt Kalke. Grade, wenn man nichts zu tun habe, oder feiere, habe man irgendwann „ein ganz komisches Zeitempfinden“. Da könne es passieren, dass „man denkt, es ist drei Uhr nachts, dabei ist es neun Uhr abends“, vom Licht draußen lasse sich kein Unterschied erkennen.

Sonnenfest für drei Minuten Sonne

Anfang Februar kommt das Licht dann langsam wieder. Dabei ist die Sonne aber noch genau unter dem Horizont, es dämmere also eher eine Stunde, bevor es wieder dunkel wird.

Und dann, dieses Jahr war es am 8. März, war die Sonne das erste Mal in Longyearbyen zu sehen. „Da haben Kinder gesungen und alle waren happy“, erzählt Kalke und fügt hinzu: „Alle haben gefeiert und drei Minuten später war die Sonne wieder weg.“ Hinter dem nächsten Berg verschwunden. Dann sei es zwar nicht dunkel gewesen, aber „schattig, so wie bei uns in den Bergen halt auch, wenn die Sonne weg ist“.

Studenten auf einem Berg vor Spitzbergen während der Polarnacht.
Januar-Nachmittag in Spitzbergen. © Dominik Kalke

Die lange Dunkelheit habe ihm durchaus aufs Gemüt geschlagen, sagt der 24-Jährige. Er habe versucht, dem entgegenzuwirken, indem er morgens Sport gemacht hat. „Und Kaffee.“ Er lacht. „Du wirst dann schon irgendwann wach.“

Im tristen Wintergrau im Ebersberger Landkreis, das so manchen melancholisch stimmt, erinnert sich Kalke gern an die völlige Dunkelheit auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen zurück: „Für mich war das Schöne einfach, dass ich’s mal erleben durfte.“

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