Grippekollaps

Jetzt sprechen Ärzte: So schlimm ist es wirklich im Landkreis 

Die Zahlen im Landkreis Ebersberg lassen nichts Gutes hoffen: Die Grippe ist so heftig wie seit 28 Jahren nicht, sagt der Mediziner Bernhard Lutz. 

Bernhard Lutz (65) ist erschöpft – und so hört er sich auch an. Fast so erschöpft wie es die Patienten in seiner Arztpraxis in Poing sind. „So etwas habe ich in den letzten 28 Jahren noch nicht erlebt“, sagt der Mediziner. Die Grippewelle ist so schlimm wie nie. Das Wartezimmer von Lutz ist seit Wochen brechend voll. „Wir haben einen massiven Anstieg der Grippefälle.“

Die Nase läuft, in der Kehle kratzt es, der Kopf glüht. Die Grippe wütet zurzeit im Landkreis so wie in ganz Deutschland. Vor allem ältere Menschen (über 60 Jahre) sind gefährdet. Im schlimmsten Fall kann die Krankheit tödlich enden. Mehr als ein Dutzend Menschen sind in diesem Jahr in Bayern bereits daran gestorben.

Das ist die Dunkelziffer 

Bernhard Lutz, Allgemeinarzt in Poing. 

Wie das Landratsamt berichtet, sind die registrierten Fälle im Landkreis im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 200 Prozent angestiegen. Und dabei handelt es sich nur um die bestätigten Fälle, wie Lutz betont. Die Dunkelziffer, also die Anzahl der nicht registrierten Grippefälle, sei fünfmal höher. Neben der tatsächlichen Grippe, also einer Infektion mit dem Influenzavirus, sind es vor allem die typischen grippalen Infekte, mit denen die Patienten kämpfen müssen. Das macht sich auch bei Firmen und Verwaltungen bemerkbar.

Angelika Obermayr, Bürgermeisterin von Grafing, lag selber den halben Februar über flach. „Mich hat es auch erwischt, wie viele bei uns in der Verwaltung“, sagt sie. Von den 120 Angestellten seien aktuell zwölf krank zu Hause. Einen derart hohen Krankenstand habe es noch nie gegeben, muss Obermayr eingestehen. In solchen Fällen müssten die Gesunden alles auffangen. Noch sei die magische Grenze – also dass das Rathaus nicht mehr arbeiten kann – nicht erreicht, sagt Obermayr.

Und wer ist schuld?

In der Verwaltung in Ebersberg geht es dagegen wieder bergauf. Von der jetzigen Grippewelle sei man noch „einigermaßen verschont geblieben“, wie Geschäftsleiter Erik Ipsen sagt. Im Januar aber habe das ganz anders ausgesehen. 15 Prozent des Personals musste zu Hause bleiben, die meisten mit grippalem Infekt. Das Wartezimmer ist auch in Martin Neefs Praxis in Vaterstetten überfüllt. „Wir haben doppelt so viele Patienten wie üblich.“ Das musste sein Team bereits spüren: Hohe Arbeitsbelastung und Ausfälle beim Personal, weil auch hier die Grippe ausbrach. Der lange und kalte Winter habe die Menschen ausgelaugt und für Grippe angreifbar gemacht, sagt der 47-jährige Mediziner. 

In der Ebersberger Kreisklinik sind die Kapazitäten fast ausgeschöpft. Wie Thomas Bernatik, Chefarzt für Innere Medizin, berichtet, sei die Klinik voll. Problematisch auch: Viele Mitarbeiter sind selber krank geworden. Zudem belaste eine hohe Zahl an Patienten mit Lungenentzündungen die Klinik.

Von Julia Roll und Christoph Hollender

Rubriklistenbild: © dpa / Karl-Josef Hildenbrand

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