Der Mann der Masken

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Kirchseeon - Herbert Schafbauer (58) ist seit fast einem halben Jahrhundert vielbeschäftigter Schnitzer der Kirchseeoner Perchten. Er erzählt von seiner Leidenschaft.

Es riecht nach Holz und es ist gemütlich in der kleinen Werkstatt, die im Winter auch geheizt werden kann. Sie liegt versteckt hinter der historischen „Badstube“, die um 1680 erbaut worden sein dürfte. Weitaus älter sind die Bräuche, die Herbert Schafbauer hier wiederbelebt. Er ist der Maskenschnitzer der Kirchseeoner Perchten. Und das seit fast einem halben Jahrhundert. Präzise treibt der 58-Jährige, die Schürze umgebunden, sein Werkzeug kraftvoll mit einem Schlegel in den Block, der rund fünf Jahre trocken gelagert war. „Wenn das Holz schlecht ist, dann weiß ich es von Anfang an, schon nach ein paar Schlägen“, erzählt er. „Wenn es nichts taugt, ist es eben nur noch Brennholz.“ Aus einem guten Stück Linde kann aber eine der ausdrucksstarken Masken entstehen, die Schafbauer schon als Kind faszinierten. Wenn die Perchten damals in den Rauhnächten ihre Tänze in zotteligen Gewändern aufführten, um die Erdgeister aufzuwecken, dann erwachten die Gesichter mit den großen Augen und den krummen Nasen im Schein der Fackeln zum Leben, erinnert sich der Schnitzer. So etwas wollte er auch machen. Figuren wie etwa Madonnen haben ihn eigentlich nie sehr interessiert.

Schafbauers künstlerisches Talent hatte sich schon in seiner Kindheit gezeigt. „Ich saß zuhause am Fenster und habe raus geschaut“, erzählt er. Dann versuchte er seine Eindrücke mit Pastellfarben aufs Papier zu bringen.

Mit dem Schnitzen begann er als Zehnjähriger bei Hans Reupold. Der hatte nach dem Zweiten Weltkrieg die Perchtentradition in Kirchseeon wiederbelebt. Im Jahr 1890 hatte der Nonnenfalter nahezu die Hälfte des Baumbestandes im Ebersberger Forst zerstört. Zur Aufarbeitung des Holzes kamen Waldarbeiter aus bergigen Regionen in die Marktgemeinde und brachten ihr Brauchtum mit. „Die haben sich verkleidet und sind durch das Dorf gelaufen“, erzählt Schafbauer. Später sei das wieder eingeschlafen, bis Mitte der 50er-Jahre. Reupold hatte in seinem Garten eine Holzhütte. Davor, zwar unter dem Vordach, aber dennoch im Freien, stand die Schnitzbank. Im Dezember 1967 arbeitete Schafbauer dort erstmals an einer Maske. „Damals war es richtig kalt“, erzählt er. Sein erstes Werk war ein Fehlschlag. „Es sollte so etwas wie ein Clown werden, aber es hat nicht geklappt.“ Das Schnitzen aber ließ ihn nicht mehr los. Gerne wäre er auf die Fachschule nach Oberammergau gegangen. Aber dafür reichte sein Schulabschluss nicht aus. „Ich hätte die Mittlere Reife gebraucht. Aber das ging nicht, weil wir vier Kinder zuhause waren.“ Also lernte er Bauzeichner. Später wurde Schafbauer Fahrer, war viel unterwegs. „Das war ein Grund, warum ich nicht geheiratet habe.“ Der andere war das Schnitzen. Viel Zeit verbringt er in der Werkstatt. 80, 100 oder auch 150 Stunden stecken in einer Maske. 85 Gesichter hat er bis heute geschaffen. Vor allem im Winter, wenn die Perchten bei ihren Läufen auftreten und die Masken sehr strapaziert werden, kommen Reparaturarbeiten hinzu. „Es tut schon weh, wenn etwas kaputt geht.“ Das passiere aber immer wieder. Da könne er noch so oft erklären, dass man die Gesichter beispielsweise nicht an den schwächeren Stellen wie den Ohren hochheben soll. „Wenn die Masken einmal nass werden, dann sollte man sie auf keinen Fall ins Wohnzimmer stellen, besser in den Keller, damit sie langsam trocknen.“

Der Kirchseeoner ist immer mit voller Konzentration dabei. „Ich schalte in der Werkstatt nicht einmal das Radio ein.“ Meist ist er alleine. „Es macht schon etwas einsam, jeden Tag in der Werkstatt“, räumt er ein. „Aber, dass die Masken wie meine Kinder wären, würde ich nicht sagen.“

Die Begeisterung ist über all die Jahre geblieben. Zu Schnitzen beginnt er auf der Rückseite, also der Fläche, die später am Gesicht des Trägers aufliegt. Immer wieder legt Schafbauer längere Pausen ein. Denn das Holz braucht die Zeit, „arbeitet“, bewegt sich, verformt sich, lebt. Darauf müsse man achten, das müsse man abwarten. Und dann gibt es natürlich ganz spezielle Tricks, beispielsweise beim Ansetzen des Firnis, der auf das Holz kommt. Die Kirchseeoner Masken sind vielfältig, von der Habergoaß bis zum Wassermo, vom Bohrzahn bis zur Sonne. Sie orientieren sich zwar teilweise an historischen Vorbildern, können aber auch ganz andere Charaktere darstellen. „Jeder Schnitzer hat da seinen eigenen Stil, auch im Verein. Reupold hat das anders gemacht als ich es heute mache.“ Der Plan für eine Maske entstehe im Kopf, erzählt er. „Ich zeichne wenig. Ich weiß, was ich will und setze es gleich am Holz um. Beim Schnitzen an einem Projekt fällt mir bereits ein, was ich als nächstes machen könnte. Das entwickelt sich dann langsam.“

„Auftragsarbeiten“ führt er auch aus. Einer der Mitglieder des Perschtenbunds hatte sich eine Adler-Maske gewünscht. Ein Bild des Raubvogels hängt in der Werkstatt an der Wand. „Es ist schwierig, den Ausdruck hinzubekommen“, meint der Schnitzer. Allein schon wegen der Augen, die ja beim Adler seitlich am Gesicht seien, ganz im Gegensatz zu den Menschen.

Schafbauer verkauft seine Masken übrigens nicht. „Ich könnte sie in Internet wahrscheinlich für 1500 bis 2000 Euro pro Stück anbieten. Aber das will ich nicht. Ich schnitze nur für den Verein.“

Um die Zukunft macht er sich allerdings Sorgen. Es gebe zum einen immer weniger Lindenholz. „Es werden kaum mehr Alleen gepflanzt“, so die Erklärung des Schnitzers. Zum anderen habe auch der Klimawandel Auswirkungen. Schließlich gehöre Schnee einfach zu den Perchtenläufen dazu. Wie sollten denn sonst die Erdgeister aufgeweckt werden. Und: Schafbauer ist derzeit der einzige regelmäßig aktive Schnitzer des Vereins. Mehrere Jugendliche hatten bei ihm schon angefangen zu lernen. Ein Nachfolger habe sich dabei nicht herauskristallisiert. Aufhören will er aber so schnell sowieso noch nicht. Schließlich gibt es eine Reihe von Plänen, die er noch nicht umgesetzt hat. In seinem Kopf entsteht derzeit die Idee einer „Putzmaske“. „Seit einiger Zeit malen unsere Läufer die Zuschauer mit Ruß von den Fackeln an. Da könnte doch danach auch eine Gestalt kommen und Tücher zum abwischen bringen“, meint der Schnitzer und grinst. „Man darf nicht stehen bleiben. Die Welt entwickelt sich weiter, genauso wie das Brauchtum.“

Termine

Der letzte Termin der Perchten in dieser Saison ist Mittwoch, 6. Januar, Drei-Kini-Abschlusslauf, Beginn 15 Uhr am Brückenwirt, Ende am Perchtenbrunnen.

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