+
„Es gibt Dinge, die kann man nicht mit Geld messen. Ich tue es freiwillig und mit Freude, es schenkt mir Glück und Zufriedenheit“: Annette Bayer aus Oberpframmern. 

Annette Bayer (57) aus Oberpframmern widmet ihr Leben anderen Menschen

Die Helferin

Annette Bayer aus Oberpframmern liebt das Leben, die Menschen und den Dienst im Ehrenamt, das ihr Glück und Zufriedenheit schenkt. Ein Besuch.

Oberpfammern – Ein ellenlanger Tisch aus Elsbeere mit zwei Bänken dominieren das große, offene Wohnzimmer. Könnte der Tisch sprechen, würde er wohl sagen: Hier sind Menschen willkommen. „Ja, ich lade gerne ein und koche leidenschaftlich gern für meine Gäste“, verrät die quirlige Frau. Ihr Leben ist bunt, lebendig und voll menschlicher Begegnungen. „Ein erfülltes Leben“, beschreibt Annette Bayer (57) ihr Dasein. In jeglichem Tun findet sie Freude und Spaß, sie mag Menschen und hilft gerne. Ob sie nun beim Kinderbibeltag mitwirkt, eine Firmgruppe leitet, in der Osterfreizeit für Kinder und Jugendliche kocht, für den Pfarrer in Rott am Inn die Messgewänder wäscht, in St. Andreas in Oberpframmern als Mesnerin für die richtigen Abläufe sorgt oder ehrenamtlich als Vorständin für die Pframmerer Nachbarschaftshilfe seit 19 Jahren wirkt: Annette Bayer liebt alles, was sie tut. Das verknüpft sie dann zu einem bunten Teppich mit Bildern von schönen Begegnungen.

Die Kunde von ihrem fröhlichen Dienen drang bis in die Landeshauptstadt. 2015 überreichte ihr Landrat Robert Niedergesäß im Auftrag von Ministerpräsident Horst Seehofer Urkunde und Medaille als Auszeichnung für ihre ehrenamtliche Tätigkeit. Sie blieb bescheiden und meint: „Ich sehe mich in keiner Weise als etwas Besonderes.“ Die Helferin ist überzeugt, dass es für jeden Menschen einen festen Platz im Leben gibt, in ihrem Falle sind es mehrere Aufgabenbereiche: „Der Herrgott hat mich da reingestellt und ich nehme die Aufgaben an.“

Glaube und Kirche geben ihrem Leben schon lange Jahre Struktur und auch Halt, den brauchte sie nach einer anstrengenden Kindheit. Geboren wurde Annette Bayer in Lohr am Main in Unterfranken. Den innigsten Wunsch der Tochter, Kindergärtnerin zu werden, akzeptierten die Eltern nicht. Sie musste Einzelhandelskauffrau lernen, geplant war, sie in den familieneigenen Einzelhandelsbetrieb für Glas und Porzellan zu integrieren. Nach Ausbildungsende – nun volljährig – machte sie der Familie einen Strich durch die Einzelhandelsrechnung und begann mit der Lehre zur Schneiderin ihre zweite Ausbildung. Im Sommer 1984 bewarb sie sich zeitgleich bei Willy Bogner in München und beim Modedesigner Rudolph Mooshammer in der Maximilianstraße. Beide Vorstellungsgespräche waren an einem Tag, vormittags erhielt sie beim Olympiaausstatter sofort eine Zusage, nachmittags zog Mooshammer nach. „Mooshammer, in dessen Schaufenster die sündteuren Klamotten lagen, bot mir aber zu wenig, um Wohnen und Essen zu bezahlen.“

Bayer entschied sich für Bogner, durchlief dort alle Bereiche, blieb zunächst im Nähsaal in der Hosenfertigung hängen. Danach betreute sie in der Reklamationsabteilung „Normalsterbliche“ und Prominenz aus München und der ganzen Welt. Nach vier Jahren reizte es sie, noch mehr Wissen zu sammeln, sie besuchte ein Jahr lang die Meisterschule und legte vor der Innung die Prüfung als Schneidermeisterin ab. Anschließend arbeitete sie beim Modelabel Escada, nach einem größeren USA-Urlaub mit ihrem Mann wurde sie schwanger. Nach der Geburt von Tochter Anne-Kathrin beendete Annette Bayer ihre Berufstätigkeit in Festanstellung. „Ich bin noch vom alten Schlag und vertrete die Meinung, eine Mutter soll sich die ersten drei Jahre Zeit fürs Kind nehmen“, betont sie und rät das auch den jungen Müttern von heute. Sechs Kinder hätte sie gerne gehabt, doch das erfüllte sich nicht für Annette Bayer. Nach mehreren Fehlgeburten und schmerzvollen Verarbeitungsphasen war sie umso mehr dankbar für ihre gesunde Tochter.

Die Aufnahme von Pflegekindern brachte Anne-Kathrin Spielgefährten ins Haus. Nach dem Umzug 1995 nach Oberpframmern fand die Unterfränkin schnell Anschluss in der Gemeinde. Sie engagierte sich als Tagesmutter für die Nachbarschaftshilfe, vier Jahre später wurde sie in den Vorstand gewählt, nächstes Jahr feiert sie 20 Jähriges Jubiläum. Seit 2006 ist sie Mesnerin in Sankt Andreas, bei Kinder-und Jugendfreizeiten kocht sie noch immer, klebt nach wie vor Pflaster auf aufgeschlagene Knie und tröstet bei Heimwehtränen. Nebenbei ist sie eine begeisterte Leseratte, macht mit dem Falt-Fahrrad die Landeshauptstadt unsicher und schwimmt leidenschaftlich gerne.

Sehnsüchtig warte sie jetzt schon darauf, dass die Wassertemperatur im nah gelegenen Steinsee steigt. „Bei 6 Grad bin ich wieder drinnen“, sagt sie und betont, dass dies die Wahrheit ist. Bei solch niedrigen Temperaturen schwimmt sie zwar mit Neoprenschuhen, Handschuhen und Stirnband, doch niemals im Neopren-, nur im Badeanzug.

Warum engagiert sich Annette Bayer seit so vielen Jahren ehrenamtlich und hilft anderen, unentgeltlich? Jetzt wird die Quirlige still, hält lange inne, dann antwortet sie: „Es ist falsch, wenn jeder alles, einschließlich Hilfeleistung für den Mitmenschen nur dann macht, wenn er dafür bezahlt wird. Es gibt Dinge, die kann man nicht mit Geld messen. Ich tue es freiwillig und mit Freude, es schenkt mir Glück und Zufriedenheit.“

Susann Niedermaier

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Geselligkeit unter Platanen
Reden, lachen, genießen: Das „Dinner in Weiß“ hat wieder zahlreiche Freunde des gepflegten Zeitvertreibs in den Markt Schwabener Schlosspark gelockt. 
Geselligkeit unter Platanen
Audi kracht gegen Wasserhäuschen: 110.000 Euro Sachschaden
Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit haben am Dienstag gegen 20.15 Uhr in Esterndorf zu einem Verkehrsunfall mit erheblichen Sachschaden und einer mittelschwer …
Audi kracht gegen Wasserhäuschen: 110.000 Euro Sachschaden
„Das Auge des Landkreises“ ist gestorben
Er war immer am Drücker. Fast 40 Jahre lang arbeitete Helmut Wohner für die EZ als Fotograf.  Jetzt ist das „Auge des Landkreises“ im Alter von 80 Jahren gestorben. Die …
„Das Auge des Landkreises“ ist gestorben
Junger Autofahrer kracht in Gegenverkehr: Zwei Schwerverletzte
Bei einem Frontalzusammenstoß zweier Autos sind auf der Flughafentangente zum Münchner Airport bei Markt Schwaben zwei Menschen schwer verletzt worden.
Junger Autofahrer kracht in Gegenverkehr: Zwei Schwerverletzte

Kommentare