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Wolfgang Welsch fesselte die Kirchseeoner Gymnasiasten mit seiner Lebensgeschichte.

Zeitzeugengespräch am Gymnasium Kirchseeon mit dem DDR-Dissidenten Wolfgang Welsch

Scheinhinrichtung durchlitten: „Es geht nicht um meine Geschichte“

Ein interessantes Zeitzeugengespräch wurde Schülern des Gymnasiums Kirchseeon mit dem DDR-Dissidenten Wolfgang Welsch angeboten. Er fesselte seine Zuhörer.

Kirchseeon – „Der Wert der Freiheit ist unglaublich.“ Der Publizist und Politologe, ehemaliger DDR-Dissident und Widerstandskämpfer Wolfgang Welsch ließ diesen Satz in seinem Vortrag „30 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick“ den Schülern am Gymnasium Kirchseeon lebendig vor Augen treten.

Aus bürgerlich-christlichem Elternhaus

„Demokratie ist eine fragile Geschichte“, so beginnt der Vortrag von Welsch. 1944 in Ostberlin geboren, und wie er selbst sagt, in einem „bürgerlich-christlichen Elternhaus“ aufgewachsen, besuchte Wolfgang Welsch nach dem Abitur die Schauspielschule. Der Widerstand gegen das totalitäre Regime begann schon während seiner Schulzeit. So stach er Lenin eine Nadel in den Kopf. Natürlich nur auf einem Plakat. Zum Glück habe es keiner gesehen und so konnte der „Täter“ nicht ausfindig gemacht werden. Aber dieser Vorfall führte zur ersten intensiven Berührung mit der Staatssicherheit, weitere sollten folgen.

Dilettantischer Fluchtversuch

„In diesem Staat kann ich nicht leben“, dies wurde dem jungen Welsch sehr schnell klar und sein – wie er selbst sagt – dilettantischer Fluchtversuch 1964 wurde vereitelt. Spätestens an diesem Punkt des Vortrages des Widerständlers Welsch horchte jeder der anwesenden Schüler der 10. Jahrgangsstufe auf.

Der junge Welsch wurde vom Staatsministerium für Sicherheit, der berüchtigten „Stasi“, verhaftet, zu zehn Jahren Haft – in den schlimmsten Gefängnissen der ehemaligen DDR, darunter auch Bautzen – verurteilt, verhört, durch Isolationshaft gefoltert, physisch und psychisch schwer misshandelt und zum Schein hingerichtet, berichtete er selbst. An dieser Stelle war es in der sonst so belebten Aula des Gymnasiums mucksmäuschenstill.

Scheinhinrichtung erlitten

Die dramatische Situation der Scheinhinrichtung konnten die Zehntklässler mithilfe eines Filmausschnittes, der angelehnt an die Autobiographie des Vortragenden gemacht wurde, hautnah miterleben und aufs Erschüttertste nachfühlen.

Die Schüler fragten sich: Wie kann ein Mensch, der dies alles erleben musste, aufrichtig, klar und stark vor einem stehen und dann auch noch über diese schrecklichen Erlebnisse berichten? „Ich beuge mich nicht. Ich habe genügend Kraft. Ich leiste Widerstand“, dies sei die Antwort darauf. Eine bemerkenswerte Haltung, die der jungen Generation schonungslos den Unrechtsstaat der DDR vor Augen führte. „Es gab kein Recht in der DDR.“

Die Schüler erfuhren auch, was „Leo“ ist. Leo ist das Toilettentelefon der Gefangenen. Mithilfe des Rohrsystems konnten sie sich trotz Isolationshaft verständigen. Die Zuhörer erfuhren auch, wie man mit Knöpfen schreiben, Cremedosen als Versteck nutzen und einen Kassiber so verstecken kann, dass er nicht gefunden wird. „Das Unwahrscheinlichste ist das Sicherste.“ Man versteckt ihn in der Hand, in den leicht gebeugten Fingern.

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In der Haft die Sprache verloren

Und wer meint, dass diese Geschichte für Welsch mit einem „Happy End“ durch seinen Freikauf 1971 in die BRD endet, irrt sich. „Ich konnte nicht mehr sprechen und damit meinen gelernten und geliebten Beruf als Schauspieler nicht mehr ausüben.“ Ein Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD) aufgrund der Haftfolgen diagnostizierten die Ärzte. Eine bittere Erkenntnis.

Was bleibt: Man mache das, wo man sich am besten auskennt. So promovierte der noch junge Bürger der BRD über den Staatsicherheitsdienst der DDR und begann nebenbei mit den ersten Fluchthilfe-Aktionen. Es sollten in zehn Jahren mehr als 220 Menschen werden, denen über Drittländer des Ostblocks durch ein ausgeklügeltes System die Flucht in die Freiheit gelang: Gefälschte Stempel, Codewörter, hinterlegte Nachrichten in Kirchen, mündliche Nachrichten, Damenmiederhosen zum Schmuggeln von Pässen, umgebaute Rückbänke im Opel Admiral. Das alles klingt wie in einem Spionagefilm. Doch die Person, die das alles mit eingefädelt hat, steht ganz präsent vor den Schülerinnen und Schülern. Das macht das Gehörte authentisch. Es ist Geschichte, die der heutigen Generation, obwohl so nah, nicht präsent genug ist. Wie diese Geschichte fesselt, merkte man daran, dass immer wieder auf den Emporen der Schule weitere Zuhörer eintrafen und gespannt lauschten.

Mehrere Attentate überlebt

Dass der „Staatsfeind Nr. 1“, so der Titel seines gleichnamigen Buches, drei Attentate des Ministeriums für Staatssicherheit überlebte, ist kaum zu glauben. Einmal war die Sprengkraft einer Bombe nicht korrekt berechnet und ein anderes Mal war es die Pfeife, die Welsch gerade zwischen Bremspedal und Kopplung suchte. Mit einem Augenzwinkern sagt er den Jugendlichen: „Rauchen kann Leben retten.“

Am Ende resümiert Welsch, dass die politische und juristische Aufarbeitung der SED-Herrschaft gescheitert sei. Die Verfolgten des SED-Staates seien frei, aber die Verklärung der Diktatur schreite voran. Und genau dieser Vortrag am Gymnasium Kirchseeon sollte dieser Verklärung entgegentreten und den Schülerinnen und Schülern den Wert der „fragilen“ Demokratie und des Lebens in Freiheit verdeutlichen.

ez

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