Das Berufsförderungswerk: Im Vordergrund Reste der umstrittenen Fällaktion.
+
Das Berufsförderungswerk: Im Vordergrund Reste der umstrittenen Fällaktion.

Bierschmuggler am Sanatorium

Kirchseeon berät über Riesenflächen - Gelände mit bewegter Geschichte

  • Robert Langer
    vonRobert Langer
    schließen

Vergrabene Biertragl für Patienten soll es einst auf dem Gelände in Kirchseeon gegeben haben, als damals dort das Lungensanatorium stand. Jetzt beschäftigt sich der Gemeinderat mit einem Bebauungsplan für das Areal - als Reaktion auf einen Streit.

Kirchseeon - Das Lungensanatorium wurde vor einem halben Jahrhundert abgerissen, um Platz für eine neue Einrichtung zu machen, das heutige Berufsförderungswerk (BFW). Diese Gebäude sind inzwischen auch in die Jahre gekommen. Es soll saniert und umgebaut werden. Doch es gibt Streit. Kann der Konflikt jetzt gelöst oder zumindest entschärft werden?

Aufschrei wegen Baumfällaktion

Der Aufschrei war groß, als um den Jahreswechsel viele Bäume auf dem Gelände des Berufsförderungswerks gefällt wurden. Hintergrund sind die geplanten Bauarbeiten der großen Bildungseinrichtung. Der Marktgemeinderat hatte sich schon grundsätzlich für das Projekt ausgesprochen, als vorläufige Pläne vorgestellt wurden. Eigentlich war vorgesehen, dieses Vorhaben mit einem ganz normalen „Bauantrag“ abzuwickeln, der inzwischen auch im Rathaus Kirchseeon eingegangen ist und bearbeitet wurde. Auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Marktgemeinderates am kommenden Montag steht nun das Thema „Bebauungsplan“ für das Areal. Darin können übergeordnete Regelungen festgeschrieben werden, wie etwa zum Parkplatz oder auch zur Zukunftsplanung. Ob dies so kommt, ist aber noch nicht beschlossen. „Der Gemeinderat kann darüber diskutieren“, erklärt auf EZ-Anfrage Bürgermeister Jan Paeplow (CSU), der einräumt, mit diesem Vorschlag auch auf die Diskussionen der vergangenen Monate zu reagieren. Doch es gibt Streit. Kann der Konflikt jetzt gelöst oder zumindest entschärft werden?

Berufliche Rehabilitation

Hintergrund: Die vor rund 50 Jahren errichtete Bildungseinrichtung der beruflichen Rehabilitation soll teilweise modernisiert werden. Es geht vor allem um die Gebäude zwischen dem markanten Hochhaus und der Straße. Die Investitionssumme liegt wohl in einem mittleren zweistelligen Millionenbereich. Die Einrichtung ist ausgelegt auf berufliche Rehabilitation. Das bedeutet unter anderem Hilfe für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in ihrem bisherigen Berufarbeiten können und mit medizinischer sowie und psychologischer Begleitung umgeschult werden.

Alte Postkarte: Das Lungensanatorium in Kirchseeon von der Gartenseite aus gesehen. Ein imposanter Bau, der vor 50 Jahren abgerissen wurde.

Vorgeschichte als Erholungsheim

Das Areal südlich der Bahnlinie hat eine gesundheitliche Vorgeschichte, die weit zurückreicht. Einst gab es dort ein Lungensanatorium, das Gebäude glich einem Schloss. 1899 kaufte die Ortskrankenkasse München VIII das Grundstück an der Moosacher Straße. Erbaut wurde das 1902 eröffnete Gebäude zunächst als Erholungsheim. „Weil sich die Tuberkulose immer mehr ausbreitete, wurde es 1904 zum Lungensanatorium, in dem ausschließlich lungenkranke Männer behandelt wurden“, berichtete die damalige Vorsitzende des Heimatkundevereins Dagmar Kramer 2012 in einem Vortrag. 63 Zimmer habe es gegeben und kein elektrisches Licht. „Die Patienten lagen im Winter 15 Stunden im Dunkeln.“ Ab 1908 wurde elektrische Beleuchtung eingebaut. „Weil die Patienten mehrere Stunden im Freien liegen mussten, wurde eine 93 Meter lange Liegehalle errichtet. Die Patienten brauchten ja frische Luft“, berichtete Kramer. Ob das freilich so vorteilhaft gewesen sei, sei fraglich, denn: „Bei West-Wind wurde der Rauch vom nahen Schwellenwerk rübergeweht.“

Erfinderische Patienten

Im Jahr 1919 übernahmen zwölf Mallersdorfer Schwestern die Pflege der Männer. „Die Patienten durften das Gelände nicht verlassen. Wer im Wirtshaus erwischt wurde, wurde rausgeschmissen“, erzählte Kramer. Aber die Männer waren erfinderisch. Sie schaufelten im Park eine Grube, in der mehrere Tragl Bier Platz hatten. Einige Kirchseeoner sorgten für Nachschub. 1934 wurde die Einrichtung von der Landesversicherungsanstalt (LVA) Oberbayern übernommen.

Historie: Dagmar Kramer und ein Modell des Sanatoriums.

Abriss und neue Nutzung

In den 1960er Jahren war die Tuberkulose auf dem Rückmarsch. 1966 verließen die Nonnen das Sanatorium, ein Jahr später wurde der Betrieb eingestellt. Die LVA dachte über eine neue Nutzung nach. Das sei auch anderen Einrichtungen im Landkreis Ebersberg so ergangen, etwa in Elkofen, wo aus einem Sanatorium später eine Schule wurde, wie die Leitung des BFW 2019 zum 45-jährigen Jubiläum der Eröffnung der Einrichtung erklärte. Zunächst einmal wurden jedoch die alten Gebäude abgerissen.

Im Februar 1971 war bereits ein großer Teil des Haupthauses verschwunden. Der damalige bayerische Arbeitsminister Fritz Pirkl gab offiziell Grünes Licht für den Neubau. Damalige Kostenschätzung: 60 Millionen Mark. Entstehen sollten 210 Arbeitsstellen für kaufmännische Berufe. Dazu kamen 300 Lehrplätze für technische Berufe, zum Beispiel für damals zukunftsweisende Bereiche wie Industrie- und Funkelektroniker, berichtete die Ebersberger Zeitung. Sechs Architektengruppen waren bemüht, auf dem rund 24 Hektar umfassenden Grundstück in Kirchseeon die einzelnen Baukörper so zu gruppieren, dass später eine Erweiterung der Rehabilitationseinrichtung auf 800 Plätze möglich sein sollte.

Grundsteinlegung war im Februar 1972 mit dem damaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel. Das Gelände wurde zur Großbaustelle, das damals größte Projekt im Landkreis Ebersberg. 1974 war Einweihung. Kosten: 89,2 Millionen Mark. Insgesamt waren 600 Ausbildungs- und Internatsplätze vorgesehen. Zu Betreuung für die Umschüler standen 47 Dozenten, vier Ärzte, drei Psychologen, sechs Sozialarbeiter sowie Physiotherapeuten, Bewegungstherapeuten, Krankenschwestern und Pfleger zur Verfügung. Eine Erweiterung war weiter im Blick.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare