Bürgermeister sauer

Wegen zweiter Stammstrecke: S4 könnte seltener fahren

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Bürgermeister entlang der S4/S6-Linie nach Ebersberg fürchten um den Zehn-Minuten-Takt während des Berufsverkehrs, wenn die zweite Stammstrecke kommt. Jetzt formiert sich Protest.

Haar – Fast acht Jahre bevor die ersten S-Bahn-Züge über die zweite Stammstrecke rollen sollen, wird die Kritik aus Gemeinden im Münchner Osten lauter. Haars Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) hat einem Beschwerdebrief an das Bayerische Verkehrsministerium geschrieben.

Müller befürchtet eine schlechtere Anbindung ihrer Gemeinde an den öffentlichen Personennahverkehr, wenn nach Eröffnung der zweiten Röhre das neue Betriebskonzept für die S4 gilt. Haar werde leider nicht zu den Gewinnern beim Ausbau der zweiten Stammstrecke zählen, schreibt Müller und bittet das Verkehrsministerium, die Pläne zu überdenken.

Noch mehr Gedränge auf den Bahnsteigen der Linie S4

Laut aktuellem Planungsstand soll ab 2026 auf der Linie nach Ebersberg ganztägig ein 15-Minuten-Grundtakt gelten. Das bedeutet einerseits eine Verbesserung – derzeit besteht tagsüber ein 20-Minuten-Takt. Anderseits aber auch, dass die S-Bahn unter anderem Haar, Gronsdorf, Vaterstetten und Zorneding während des Berufsverkehrs seltener anfährt. Derzeit halten die Züge der S4 und S6 dort morgens und abends alle zehn Minuten. Die Taktänderung sorgt für Unmut in den Gemeinden im Münchner Osten, in denen die Bahnsteige zur Rushhour überfüllt sind. Laut Müller sind die Voll- und Langzüge schon jetzt während der Stoßzeiten voll ausgelastet. Der Ostast der S4/S6 gehöre zu den am stärksten frequentierten Strecken. Im künftigen Fahrplan sieht sie „eine schlechtere Anbindung“ ihrer Gemeinde an das öffentliche Netz. Das laufe konträr zur Siedlungsentwicklung im Münchner Speckgürtel. Angesichts des erwarteten Bevölkerungswachstums in der Boomregion München und der schon jetzt großen Belastung durch den Individualverkehr auf den Straßen müsse man mehr Leute dazu bewegen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Müller befürchtet auch negative Folgen für die Wirtschaft in ihrer Gemeinde. 8800 Arbeitsplätze befinden sich in Haar in S-Bahn-Nähe. In Zukunft könnten es mehr werden. Viele Pendler kommen mit der S-Bahn. „Unternehmen, die sich in Haar ansiedeln wollen, schätzen die derzeit gute Anbindung“, schreibt die Haarer Bürgermeisterin an das Innenministerium.

Müllers S-Bahn-Initiative stößt auf Unterstützung

Die Initiative aus dem Landkreis München stößt in einigen Gemeinden entlang der S4 und S6 auf Unterstützung. Kirchseeons Bürgermeister Udo Ockel (CSU) sagt: „Es ist gut, wenn man frühzeitig sagt, was das Problem ist.“

Auch in Vaterstetten ärgert man sich über die mögliche Taktverschlechterung. Einige Einwohner haben sich an Bürgermeister Georg Reitsberger (FW) gewandt. Er soll sich dafür einsetzen, den aktuellen Fahrplan beizubehalten. Man erhoffe sich eine Verbesserung durch die zweite Stammstrecke, sagt Reitsberger. „Die Erwartungshaltung ist groß.“ Doch wenn der Zehn-Minuten-Takt wegfalle, sei das eine Verschlechterung. Hinzu kommt: Neben der S4 soll nach Eröffnung der zweiten Stammstrecke auf der Linie auch ein Express-Zug verkehren. Dieser hält aber nicht an allen Stationen. An Vaterstetten und Baldham zum Beispiel rauscht er vorbei. Reitsberger wundert sich darüber. Schließlich wohnen gerade dort viele Menschen. Vor dem Hintergrund des künftigen Fahrplans spricht er von einem Wermutstropfen.

Bürgermeister entlang der S4 wollen sich zusammentun

Er habe sich bereits an Landrat Robert Niedergesäß (CSU) gewandt, Sprecher der acht MVV-Verbundslandkreise. Bei ihm stößt die Kritik auf offene Ohren. „Es kann nicht sein, dass die Bürger nach Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke Nachteile im S-Bahn-Angebot hinnehmen müssen. Das kann man auch niemandem nachvollziehbar erklären: Die Kapazitäten verdoppeln sich mit dem zweiten Tunnel, aber das Angebot wird auf heute schon hochfrequentierten Bahnhöfen ausgedünnt, das ist nicht akzeptabel“, schreibt Niedergesäß als Reaktion auf die Kritik der Bürgermeister.

Reitsbergers Kollege aus Zorneding Piet Mayr (CSU) möchte sich nun mit den Bürgermeistern der Gemeinden entlang der S4 zusammentun und gemeinsam ausloten, was zu dieser Verschlechterung führe. „Wir sollten mit einer Stimme sprechen.“ 

Die Stammstrecke aus dem Führerstand

Schon jetzt unzufrieden über S-Bahn-Angebot

Die Gemeinden beschäftigt auch das aktuelle S-Bahn-Angebot. Laut Müller beklagen sich viele Bürger darüber, dass die S-Bahn ab 23.30 Uhr nur alle 40 Minuten fährt. Besucher kultureller oder sportlicher Veranstaltungen seien zu dieser Zeit noch unterwegs. „Gerade im stadtnahen Bereich stößt es auf großes Unverständnis, im Extremfall 40 Minuten auf die nächste S-Bahn warten zu müssen.“ Müller fordert in ihrem Brief an das Verkehrsministerium den 20-Minuten-Takt auf 0.30 Uhr auszuweiten.

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

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