„Wir müssen die Ursache der Erkrankung finden“: Claus Krüger, Chefarzt Psychosomatik und Psychotherapie in der Kreisklinik Ebersberg. Foto: Föll

"Kontakt hilft, Therapie heilt"

Ebersberg - Interview mit Claus Krüger, Chefarzt Psychosomatik und Psychotherapie an der Kreisklinik Ebersberg, über Online-Sprechstunden.

In Ländern wie Schweden, England oder den Niederlanden sind Online-Therapien inzwischen fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung psychisch kranker Menschen. In Deutschland erlaubt die Berufsordnung der Psychotherapeuten eine Online-Therapie nur begleitend, der persönliche Kontakt zum Patienten muss immer gegeben sein. Doch wie wichtig ist dieser tatsächlich? Und wann kann eine Online-Therapie sinnvoll sein? Wir sprachen mit Dr. Claus Krüger, Chefarzt Psychosomatik und Psychotherapie in der Kreisklinik Ebersberg, über Nutzen und Grenzen einer Therapie über elektronische Medien.

- Herr Krüger, wie kann man sich eine Online-Therapie vorstellen?

Es gibt reine Online-Programme im Internet, für die sich der Patient anmelden kann, ohne je Kontakt zu einem Arzt oder Therapeuten gehabt zu haben. Am Computer, Tablet oder Smartphone kann der Anwender Fragebögen zu seinen Problemen ausfüllen und erhält danach Verhaltenstipps, Anleitungen für bestimmte Atemtechniken und mehr. Außerdem gibt es auch Mischformen, bei denen der Psychotherapeut zusätzlich per E-Mail oder Telefon mit dem Patienten kommuniziert. Meines Erachtens ist aber Online-Therapie im Grunde genommen nichts anderes als Life-Coaching durch Information und Beratung und hat nichts mit Therapie zu tun.

- Wie erklären Sie sich den wachsenden Trend zu Online-Therapien?

Durch den Umgang mit elektronischen Medien sind es die Menschen inzwischen gewohnt, schnelle Antworten und Lösungen zu bekommen. Schon jetzt informieren sich viele im Internet über Erkrankungen, da verwundert es nicht, dass auch schnelle Hilfe für psychische Probleme im Netz gesucht wird.

- Bieten Sie in der Kreisklinik Ebersberg Online-Therapien an?

Nein. Beratung hilft und kann Sorgen lindern, Ängste beruhigen und kurzfristig Lösungen anbieten. Therapie sollte aber helfen, mit Problemen und Krisen besser zurechtzukommen und Erkrankungen zu heilen. Ich finde es zwar wichtig, sich auf die Medien einzustellen, die Patienten nutzen, und ihnen jede Art von Kommunikation zu ermöglichen. Elektronische Medien können auch hilfreich sein für die Vor- und Nachbereitung einer Therapie oder um mit Patienten Kontakt zu halten, sie zum Beispiel in Krisen zu unterstützen. Aber ich bin überzeugt, dass ohne persönliche Beziehung zum Therapeuten keine langfristige Heilung einer psychischen Erkrankung möglich ist. Vereinfacht ausgedrückt: Kontakt hilft, Therapie heilt.

- Wieso ist Ihrer Meinung nach der persönliche Kontakt zum Patienten wichtig?

Wir arbeiten nach psychoanalytisch begründetem Therapieverfahren. Das Ziel der Therapie ist, die Ursache der Erkrankung zu finden und diese zu behandeln, nicht die Symptome. Die Ursache kennt der Patient aber oft nicht, weil zum Beispiel schwer zu bewältigende oder traumatisierende Ereignisse im Unterbewusstsein gespeichert sind, die er vergessen hat. Wo das Problem liegen könnte, erfahre ich als Arzt durch Beobachtung und „Erspüren“ des Menschen. Da reicht es nicht, mit ihm zu telefonieren oder über Skype mit ihm zu reden. Ich muss seine Körpersprache wahrnehmen: Kann er mir in die Augen schauen? Wie ist sein Händedruck? Auch Sprechpausen sind wichtig, in denen ich beobachte, was passiert. Das alles geht online nicht.

- Wo sehen Sie außerdem Grenzen der Online-Therapie?

Die tragenden Säulen der Therapie sind: feste Zeiten für die Behandlungen an einem neutralen und immer gleichen Ort unter immer gleichen Umständen. So können Erinnerungen und Gefühle leichter ins Bewusstsein geholt und bearbeitet werden. Der Patient lernt, seine Gefühle auszuhalten und mit der Zeit mit schwierigen Situationen besser umgehen zu können. Eine Online-Therapie kann zu jeder Zeit und überall durchgeführt werden. Die Gefahr ist, dass der Patient nur schnelle Erleichterung sucht, sich aber schwer tut, seine Gefühle auszuhalten.

- Warum, glauben Sie, könnten Menschen eine Therapie übers Internet einer konventionellen vorziehen?

Zum einen ist es der Trend der Zeit. Zum anderen haben viele Menschen immer weniger Zeit, sich auf regelmäßige Behandlungen einzurichten. Und: Die Wartezeiten für eine Psychotherapie betragen mitunter mehrere Wochen. So lange möchten viele Betroffene nicht warten. Für Ebersberg trifft das übrigens nicht zu. Wir haben Anfang des Jahres eine neue „Kurzbehandlungsgruppe“ zur schnellen Aufnahme und Stabilisierung in Station und Tagesklinik eingerichtet. Hier können Patienten in Absprache mit dem behandelnden Arzt innerhalb einer Woche aufgenommen werden.

- Weitere Gründe?

Es gibt Menschen, die Hemmungen haben, mit ihrer Depression oder ihren Ängsten zum Arzt zu gehen, weil sie sich entweder ihre Krankheit nicht eingestehen wollen oder sich schämen. Online ist die Sache anonym, die Hemmschwelle niedriger.

- Wäre also eine Online-Therapie für diese Menschen eine Chance?

Als Einstieg, um auf diesem Weg eine Beziehung zum Therapeuten aufzubauen: ja.

- Welche Gefahren sehen Sie außerdem bei Online-Therapien?

Der Datenschutz ist ungenügend und die Schweigepflicht nicht gewährleistet. E-Mail-Accounts können gehackt und jederzeit von Fremden gelesen werden. Ein weiterer Punkt ist die Qualitätssicherung. Wer kontrolliert, dass die Therapeuten im Netz qualifiziert sind? Bei diesen Punkten besteht noch großer Handlungsbedarf. Meines Wissens gibt es bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die den positiven Effekt von Online-Therapien nachweisen.

Das Gespräch führte

Sybille Föll

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