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Die Fahnenträger müssen bei manchen Veranstaltungen, wie hier beim Gedenken zum Volkstrauertag in Grafing, viel Kondition beweisen.

Krieger und Soldatenvereinen gehen im Landkreis Ebersberg langsam stabile Fahnenträger aus

Eine schwere Bürde

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
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Die Fahne hochzuhalten für den eigenen Verein, das war früher eine Ehre. Die Fahnenträger werden bei den meisten Soldaten-, Krieger- und Veteranenvereinen deswegen auch gewählt. Inzwischen müssen sie aber bei einer Beerdigung unter der Woche schon mal schnell „ausgeschaut“ werden, damit sich überhaupt jemand findet.

Landkreis – Den Vereinigungen im Landkreis Ebersberg gehen belastbare Träger aus.

„Unter der Woche findest du fast keinen mehr“, beklagte Anfang vergangener Woche Peter Fleischer, der Vorsitzende der Soldaten- und Kriegerkameradschaft Ebersberg anlässlich der Beerdigung eines Mitgliedes. Das bestätigt auch Robert Bösl (76), der Vorsitzende des Kreisverbandes der Krieger- und Soldatenvereine im Landkreis. Der Verband zählt laut seiner Auskunft immerhin noch 4000 Mitglieder im Landkreis. Aber die meisten sind schon etwas betagter.

„Viele wollen schon gar nicht mehr mitgehen“ – auch ohne Fahne, bedauert etwa Johann Staffa, der Vorsitzende des Krieger- und Soldatenvereins Neufarn das nachlassende Interesse an gemeinsamen öffentlichen Auftritten. Er selbst ist 74 Jahre alt und muss sich im Bedarfsfall notgedrungen nach alternativen Fahnenträgern umsehen, „zum Beispiel bei den Maibaumfreunden“ am Ort. „Die könnten auch tragen“, meint er hoffnungsvoll.

Traditionell ist die Fahne ein wichtiges Symbol für die Vereine. „Von der Fahne zu gehen“ ist für die Traditionalisten nach wie vor eine Schande. Allerdings ist der Mangel an geeigneten Trägern nicht nur ein Ebersberger Problem. Davon zeugen Angebote auf der Verkaufsplattform Ebay. Dort finden Exemplare von aufgelösten Vereinen immer noch ihre Liebhaber, wovon die Preise von weit über mehrere Tausend Euro zeugen, die erzielt werden.

Die Fahne wiegt schwer. Damit die Bürde auch für ein breites Kreuz nicht zur übermäßigen Belastung wird, gibt es Kreuztragegurte. Immerhin muss der Fahnenträger bei einer Beerdigung und einem Fahnenzug die Last teilweise eine Stunde und mehr schultern, schon zehn Kilogramm werden da zum spürbaren Gepäck. Dabei ist das eher die Untergrenze. „Die Grafinger Fahne haben wir vor ein paar Jahren deshalb entlaubt. Die ist einfach zu schwer geworden“, sagt Bösl.

Dass bei einer Prozession Schwerarbeit zu leisten ist, weiß Alexander Neuser, der Vorsitzende des Krieger- und Soldatenvereins Aßling aus eigener Erfahrung. „Mir wäre vor ein paar Jahren der Fahnenträger fast zusammengekracht“, berichtet er. Bei einem Zug zum Festzelt des Trachtenvereins hat deshalb ein fliegender Wechsel stattgefunden. Neuser musste selbst übernehmen. „Und dann hast du auch noch deinen Kittel an, da wird dir schnell warm“, berichtet er. Außerdem käme im Freien die Belastung durch den Wind dazu. Die meisten Rentner seien dafür nicht mehr stabil genug, und viele der Mitglieder würden sich eben schon im Rentenalter befinden. Staffa berichtet zwar, dass immer wieder auch junge Mitglieder zum Verein stoßen würden, „Aber die haben oft nicht Zeit, weil sie arbeiten“.

Die Fahnenträger einfach wegzulassen geht nicht. Denn in vielen Vereinsstatuten ist genau festgeschrieben, auf welchen Ritus die Mitglieder im Falle ihres Ablebens einen Anspruch haben. Für Kriegsteilnehmer muss am Grab auch der „Gute Kamerad“ intoniert werden. „Da legen sie großen Wert darauf“, weiß Neuser. „Oft haben wir gar nicht viel Zeit, das zu organisieren, manchmal nur zwei Tage“, sagt er. Neuser studiert eigener Auskunft nach deshalb jeden Tag die Todesanzeigen in der Heimatzeitung. Um am Grab ein paar passende Worte sprechen zu können, hat er eine Kartei angelegt über die Auszeichnungen und Einsatzgebiete der Mitglieder.

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