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Die Altersarmut im Landkreis steigt an. 

Kette der helfenden Hände

Ab wann beginnt Armut?

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Mit der Spendenaktion „Kette der helfenden Hände“ soll Licht ins Dunkel hilfsbedürftiger Senioren im Landkreis kommen. Altersarmut ist in der Region Ebersberg ein Thema. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Menschen, die im Alter Grundsicherung bekommen, um 86 Prozent gestiegen.

Es fließen auch Tränen. „Ja, bei manchen Gesprächen weinen die Menschen“, sagt Christine Deyle. Sie weinen, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Weil sie nicht wissen, wie sie die Stromrechnung bezahlen sollen. Weil sie nicht wissen, wen sie um Hilfe bitten sollen. Es sind ältere Menschen, die im Büro von Christine Deyle weinen und die einfach vergessen werden. Deyle ist Fachdienstleiterin im Caritas Zentrum Ebersberg–Markt Schwaben. Sie sagt, Altersarmut sei ein großes Thema. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Menschen über 65 Jahren, die im Landkreis Grundsicherung beziehen mussten, um 86 Prozent gestiegen.

Waren es 2007 noch 171 Senioren, die auf staatliche Hilfe angewiesen waren, sind es laut Landratsamt Ebersberg in diesem Jahr 318. In der Regel erhalten ältere Menschen diese Leistung, wenn die Rente nicht ausreicht. Oft bleibt nach Abzug der Miete nicht mehr viel übrig. Die Deutsche Rentenversicherung nennt hier einen Betrag: Wenn jemand weniger als 823 Euro im Monat an Rente bekommt, kann er einen Antrag auf Grundsicherung stellen – sofern er alleine lebt, keine weiteren Einkünfte oder gespartes Geld hat.

Viel mehr Menschen sind arm

Maximal 409 Euro beträgt derzeit der Regelbedarf der Grundsicherung, der sich am Hartz-IV-Regelsatz orientiert. „Das Geld ist für Kleidung, Essen und soziale Teilhabe vorgesehen“, erklärt Evelyn Schwaiger, Sprecherin des Landratsamts. Hinzu kommt noch Wohngeld. Wenn beispielsweise eine alleinstehende Frau eine Rente von 200 Euro bekommt, zahlt der Staat 209 Euro plus Wohngeld.

Doch alleine anhand der Menschen, die Grundsicherung beziehen, kann man nicht pauschal festmachen, wie viele arme Menschen es gibt. Viele Menschen würden durch dieses Raster fallen – und damit in keiner Statistik geführt – weil sie beispielsweise zwar wenig Rente bekommen aber Geld gespart haben. Laut Staat dürfen die Ersparnisse einen bestimmten Betrag nicht überschreiten, andernfalls würde dieser angerechnet und keine Grundsicherung gewährt werden. Der Betroffene müsste somit erst einmal von seinem Ersparten leben.Ein Beispiel, wieso für ältere Menschen das Ersparte so wichtig ist, lesen Sie in unserem Interview.

Wenn der Rundfunkbeitrag zur Existenzangst führt

Andersherum könne auch nicht gesagt werden, dass Senioren arm sind, nur weil sie keine oder nur eine kleine Rente bekommen. „Senioren können auch andere Einkünfte haben. Das können Mieteinkünfte, Zinserträge und viel gespartes Vermögen sein“, sagt Manfred Rainert, Rentenexperte im Landratsamt.

Sie wollen helfen?

Wenn Sie die Aktion unterstützen möchten, überweisen Sie Ihre Spende für die „Kette der helfenden Hände“ bitte auf das Spendenkonto des Lions Hilfswerks bei der Raiffeisen-Volksbank Ebersberg; IBAN: DE46 7016 9450 0002 9800 29 (BIC: GENODEF1ASG). Sie können auch über das Spendenkonto des Rotary-Clubs Ebersberg- Grafing spenden: Raiffeisen- Volksbank Ebersberg; IBAN: DE32 7016 9450 0002 5702 62. (BIC: GENODEF1ASG). Falls Sie eine Spendenquittung wünschen, vermerken Sie das bitte bei der Überweisung.

Christine Deyle vom Caritas Zentrum sagt, Armut könne nicht an einem Geldbetrag festgemacht werden. Arm können auch diejenigen sein, die knapp über der Armutsgrenze sind und nur ein paar Euro mehr bekommen. Auch bei denen würde es knapp. Wer zu ihr in die Beratung kommt – es sind häufig ältere Frauen – hat mit kleinen Renten zu kämpfen. Die Renten würden, im Vergleich zu den Mieten und Lebenshaltungskosten, nur gering und damit nicht ausreichend ansteigen. „Die Menschen werden nervös, weil sie wissen, dass demnächst wieder der Rundfunkbeitrag zu bezahlen ist“, sagt Deyle. Es geht nicht um Luxus, sondern um den Alltag.

Was, wenn mein Partner stirbt?

Problematisch wird es auch, wenn der Ehepartner stirbt. Wer dann in der gemeinsamen Wohnung weiter leben möchte, muss die gesamte Miete stemmen, die vorher vielleicht geteilt wurde. Viele müssten, weil sie sich das nicht leisten können, so im Alter in eine kleinere Wohnung umziehen. Die Caritas hilft dann. Denn die Wohnungssuche älterer Menschen ohne Internet sei fast unmöglich. Oft komme, so Deyle, noch dazu, dass viele Ältere nicht mehr mobil sind. „Wie sollen die dann alleine umziehen?“

Viele, die Deyle berät, muss sie trösten. Es braucht ein hohes Maß an Vertrauen. Die Menschen seien sehr „schambesetzt“. So wie eine Frau aus dem Landkreis, Ende 70, von der Deyle berichtet. Ihre Rente liegt nur knapp über der Armutsgrenze. Angehörige hat sie nicht. Nach einem Krankenhausaufenthalt musste sie Geld für Medikamente und für die Fahrt mit dem Taxi vom Krankenhaus zu ihr nach Hause aufbringen. Am Ende des Monats sei kein Geld übrig geblieben, nicht einmal für Essen. Die Caritas wurde auf sie aufmerksam. Der mobile Dienst besuchte die Frau zu Hause in einem mehrstöckigem Haus. In Kooperation mit der Nachbarschaftshilfe hat die Frau finanzielle Unterstützung bekommen. „Zu uns ins Zentrum wäre die Frau nicht gekommen. Sie hat sich derart geschämt, zu sagen, dass sie sich kein Essen leisten kann“, erzählt Deyle.

Alleine im Alter

„Diese Menschen können sich nicht vorstellen, auf Hilfe angewiesen zu sein.“ Es sei ein Kreislauf, denn mit der Armut im Geldbeutel komme auch die Armut im sozialen Bereich. Armut bedeute am Ende immer auch Isolierung, sagt Deyle. Freunde werden weniger, Betroffene ziehen sich immer mehr zurück. In der Öffentlichkeit wird Altersarmut auch deshalb häufig nicht wahrgenommen.

Die Zukunft verspricht nichts Gutes. Jeder fünfte 67-Jährige soll bis 2036 in Deutschland von Altersarmut bedroht sein. Im Dezember 2015 haben mehr als 536 000 Menschen im Rentenalter Grundsicherung bekommen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Das waren fast 24 000 mehr als im Dezember 2014 und damit ein neuer Spitzenwert. Noch nie haben mehr Menschen im Alter staatliche Hilfe benötigt. 5,4 Prozent aller Rentner im Alter von 67 Jahren beziehen aktuell in Deutschland Grundsicherung.

Es braucht Reformen

Im Landkreis steigt die Alterarmut an, auch in Zukunft, wie Christine Deyle schätzt. Laut Landratsamt haben 1,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren zum Ende des Jahres 2015 Leistungen zur Grundsicherung bekommen. Am meisten gefährdet sind laut Rentenexperte Manfred Rainert Menschen ohne Berufsausbildung, Langzeitarbeitslose, Menschen, die einen Unfall oder eine längere Krankheit haben, im Niedriglohnsektor tätig sind und nicht verheiratete Frauen. „Das Problem ist, dass nicht durchgehend in die Rentenkasse eingezahlt wurde“, sagt Rainert. Nach Aussagen von Sozialverbänden ist die Zahl der armen Menschen im Alter noch wesentlich höher. Viele bekommen keine Grundsicherung, weil sie sich schämen oder es nicht wissen.

Der Sozialverband VdK hat die Bundesregierung aufgefordert, gegen die wachsende Altersarmut vorzugehen. Eine „längst überfällige Rentenreform“ müsse nun durchgesetzt werden. Christine Deyle sagt, dass Alterarmut mehr und mehr ins Bewusstsein rückt.

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