Ja nicht anfassen: Wer ein Kitz so vorfindet, sollte es nicht berühren, weil es von der Mutter sonst verstoßen wird. Foto: kn

Falsche Hilfe ist zweimal tödlich

Landkreis Ebersberg - Wer einem Wildtier hilft, der macht das meistens in der festen Überzeugung, etwas Gutes zu tun. Die Natur hilft sich aber oftmals selbst weitaus am besten.

Wenn der Mensch eingreift, erreicht er manchmal das Gegenteil von dem, was er eigentlich wollte. Darauf macht Rudolf Göllert von der Jäger-Kreisgruppe Ebersberg aufmerksam. Es geht ihm um die heuer geborenen Rehkitze.

Mai und Juni ist die Zeit, in der die Rehgeißen ihre Kitze zur Welt bringen. Nachdem das Kitz nach der Geburt von der Mutter gesäubert und trocken geleckt wurde, entfernt sich das Neugeborene selbstständig vom Geburtsplatz. „Es bleibt dann ziemlich standorttreu in den ersten zwei Lebenswochen, ohne viel Witterung als Schutz vor Feinden abzugeben, in Wald nahen Wiesenbereichen oder im Unterwuchs von Waldrändern“ informiert Göllert. Kitze einer Mehrlingsgeburt würden sich an den unterschiedlichsten Stellen ablegen und erst dann näher zusammenrücken, je älter sie werden.

Wird ein Rehkitz von Spaziergängern aufgefunden, das regungslos im Gras liegt, dann ist es für einen Laien meistens äußerst schwierig, die Situation, in der sich das Kitz befindet, richtig einzuschätzen. Es setzt ein menschlicher Hilfereflex ein. Ist das Tier gesund, krank, oder gar verletzt, braucht es Hilfe, warum läuft es nicht weg?

„Das abgelegte Kitz wird in den ersten drei Wochen von der Mutter, die sich versteckt in seiner Nähe aufhält, jeweils nur kurzzeitig besucht, gesäubert, gesäugt und dann wieder allein gelassen“, schildert Göllert das angeborene Verhalten des Muttertieres. Bei Gefahr, „drückt“ sich der Nachwuchs flach auf den Boden und bleibt regungslos liegen.

Erst ab der dritten Lebenswoche setze beim Rehkitz allmählich der Fluchtinstinkt ein und ab der vierten Lebenswoche sei das Kitz auf die Mutter individuell so geprägt, dass es ihr folgen wird. Ein scheinbar verlassener Rehnachwuchs braucht in den allermeisten Fällen keine Hilfe, warnt Göllert.

Wenn der Beschützerinstinkt auch noch so dränge, „dann handelt ein Laie fatal, wenn er das Kitz anfasst, es aufnimmt und, um es besonders gut zu machen, zum Tierarzt, in die eigene Obhut oder in ein Tierheim bringt“, sagt Göllert. Denn dann wird nicht nur das Leben des neugeborenen Rehs negativ beeinflusst, sondern das des Muttertieres auch.

Göllert erklärt, warum das so ist: „Verbleibt ein mit Menschengeruch kontaminiertes Rehkitz im Revier, oder wird wieder zurückgesetzt, wird es meistens von seiner Mutter verstoßen und wird deshalb verhungern. Da der Mutter die Milch nicht mehr abgenommen wird, geht die Rehgeiß meistens am einsetzenden Milchfieber zu Grunde.“

Manchmal ist allerdings tatsächlich Hilfe notwendig. Etwa dann, wenn ein Kitz im Gras liegt und eine unmittelbare Gefahr droht, dass das junge Reh in ein Mähwerk gerät. Göllert rät in einem solchen Ausnahmefall, das Tier in Gras verpackt auf kürzestem Weg in den Wald zu tragen und dort wieder abzulegen“.

In allen anderen Situationen sei es besser, den Fundort mit einem Stock zu markieren und den zuständigen Jäger zu verständigen, oder ihn gegebenenfalls bei anderen Jagdkollegen, oder bei der Polizei zu erfragen, und um Hilfe zu bitten. „Dann haben Sie sehr viel für ein junges Leben und dessen Mutter getan.“ ez

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