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Doris Rauschers Heimat, der Egglburger See bei Ebersberg. Sie sagt, beim Joggen könne sie nachdenken, sich Zeit nehmen. Darüber, dass es viele soziale Baustellen im Landkreis gebe. Und, dass sie gerne wieder in den Landtag wolle. 

Landtagswahl 2018

Doris Rauscher (SPD) und ihr Sterntaler

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Am Sonntag, 14. Oktober, wird in Bayern ein neuer Landtag gewählt. Im Stimmkreis Ebersberg bewerben sich etliche Kandidaten für das Direktmandat, das derzeit Thomas Huber von der CSU inne hat. In einer losen Folge stellen wir einige Kandidaten vor. Heute: Doris Rauscher (SPD).

Ebersberg – Der goldene Stern von Doris Rauscher baumelt hin und her. Fast genauso unauffällig wie die goldene Kette, an der er hängt und die sie um ihren Hals trägt. Sie joggt über einen Feldweg im Norden von Ebersberg. Schwarze Joggingschuhe, pinkes Sporttop. In der Ferne schreien Wasservögel. Es ist einer der letzten Sommertage.

Vor fünf Jahren hat sie den Stern von einem Goldschmied anfertigen lassen. Als Glücksbringer. Schlicht, zart sollte er sein. Überraschend wurde sie als SPD-Abgeordnete in den Landtag gewählt, sie fiel aus allen Wolken, so wie die Sterne in Gebrüder Grimms Sterntaler. Und genau ein solcher Mensch ist Rauscher, ein Sterntaler-Mensch, der gerne viel mehr für sozial-schwache Bayern, Kinder und Familien geben, am liebsten die gesamte Sozialpolitik im Freistaat umkrempeln würde.

Deswegen will die 51-Jährige wieder in den Landtag. Ihr Thema ist klar: Sozialpolitik. Nicht unwichtig in einer Gesellschaft, die sozial hinkt und sich spaltet.

Es mag wie aus einem Märchen klingen, wenn sie sagt, dass Kinderkrippen, Kindergärten und Kinderhorte kostenlos werden sollen. Oder, wenn die Kinder nicht nur von Erziehern, sondern auch von Logopäden betreut werden sollten. Ob es realisierbar ist, darüber lässt sich streiten.

„Mehr Zeit nehmen für direkte Gespräche“

Doris Rauscher, blonde, schulterlange Haare, Perlenohrstecker, Kreisvorsitzende des Sozialverbandes VdK in Ebersberg. Ausbildung zur Erzieherin, Beruf, Familie, Kinder, Beruf, bis 2013 hat sie für einen Wohlfahrtsverband Kindertageseinrichtungen in München und im Landkreis München geleitet, 350 Mitarbeiter, in 28 Häusern geführt. Wenn sie erzählt, dass es in Bayern noch viel zu tun gebe, dass 145 000 Kinder an der Armutsgrenze leben, sie Kinder kenne, die im Winter ohne Socken in die Kindertagesstätte kommen, wisse sie, wovon sie rede. Und, dass die Politik etwas machen müsse. Dann hört sie auch zu lachen.

Sie trifft Menschen in Arbeitskreisen, Familien und Kinder aus dem Landkreis in Cafés, fragt nach ihren Problemen, lädt auf ein Eis ein. Zuhören kommt an. Rauscher sagt: „Mehr Zeit nehmen für direkte Gespräche.“ Das ist auch der Grund, warum sie nicht so viel in den sozialen Medien agiert, nicht alles sofort bei Twitter veröffentlicht, so wie Kollegen von ihr. Sie sagt, sie finde es manchmal unverschämt, wie Politiker mit ihren Smartphones in Gesprächen dasitzen, nur in die Geräte gaffen. Ungewohnte Worte.

„Manchmal brauche ich Zeit, bis eine Entscheidung fertiggedacht ist. Dann stehe ich mit Herzblut dahinter“, sagte sie. Parteifreunde verwenden Wörter wie „herzlich“ und „einfühlsam“, um Rauscher zu beschreiben. Im Konkurrenzkampf der Politik, auch im Landkreis, kann das auch nach hinten losgehen – denn gute Themen schnappt sich schon mal die Konkurrenz weg.

„Wir schauen der CSU auf die Finger“

Rauscher ist in Ebersberg geboren, hat im Klostersee ihr Seepferdchenabzeichen gemacht, wie sie stolz betont. Sie zog durch den gesamten Landkreis, ging, als sie in den 1990er Jahren Poing wohnte, zu einer SPD-Veranstaltung, um für einen Kindertagesstätten-Platz für ihre damals dreijährige Tochter zu kämpfen. Sie diskutierte, engagierte sich. Am Ende des Abends wurde sie von der Poinger SPD gefragt, ob sie weiter machen wolle, weiter für den Bau der Kindertagesstätte in Poing kämpfen wolle. In die SPD einzutreten, sei damals noch in weiter Ferne gewesen.

Erst nach 2002, als sie im Stadtrat in Ebersberg für die SPD saß, bekam sie ihr Parteibuch. Sie trat ein, in die Partei, eigentlich, weil sie sich von der CSU geärgert gefühlt habe. Die zeigte Interesse an ihr, wollten sie zur CSU holen. Die CSUler sagten, dass sie die einzige Vernünftige in der SPD sei, weil sie nicht in der SPD sei.

Rauscher wollte etwas machen, kandidierte 2012 gegen den CSU-Bürgermeister Brilmayer, verlor und gewann dafür 2013 mit dem Landtagsmandat.

Als Oppositionspartei im Plenum sei es „immer schwierig“. Vieles werde von der CSU abgelehnt. Dennoch: „Wir schauen der CSU auf die Finger“, sagt Rauscher. Das sei jüngst beim umstrittenen Polizeiaufgabengesetz so gewesen, gegen das sich heftiger Widerstand in anderen Parteien und bei den Bayern breit machte. Oder beim Psychiatriegesetz, das die Staatsregierung nur durch derart heftigen oppositionellen Druck entschärft.

Vielleicht zu zurückhaltend, vielleicht auch nicht

Rauscher sitzt jetzt auf einer Holzbank am Egglburger See, schnauft, sagt: „Kleine Pause.“ Beim Joggen bekomme sie den Kopf frei. Frei von der Politik. Frei von privatem Stress, „man habe schließlich immer etwas, oder?“ Wenn sie über sich selbst spricht, dann leise, nicht aufbrausend, vielleicht zu zurückhaltend für eine Politikerin, vielleicht auch nicht.

Dass sie ein oder zweimal im Jahr in den Urlaub nach Italien fahre, weil sie das schon immer, schon mit ihren Kindern in den 90er Jahren gemacht habe, scheint sie das fast abtun zu wollen, als sei es nicht spektakulär genug. Vielleicht, weil sie nicht wirken wolle, wie andere Politiker, die aus Rauschers Sicht manchmal protzig auftreten. Stück für Stück wird sie an diesem Vormittag mutiger, angriffslustiger.

Das sagt sie zu Söder

Sie joggt wieder. Söder wird Thema. Der habe kein Gespür für Menschen, nur körperlich sei er groß. „Ich hätte auch gerne mehr Macht“, sagt Rauscher, die sozial- und familienpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion ist und als Direktkandidatin im Kreis dennoch nervös ist. „Mehr Macht, die ich intelligenter einsetzen würde als Söder“, sagt sie.

Rauschers Stern baumelt wieder, wenn sie läuft, klein und unscheinbar. Ganz anders als ihre Worte.

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