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Letzte Chance auf normales Leben

Lange Haft für Tankstellenräuber

Ebersberg – Die Mutter weinte, der Vater schniefte, der Bruder hielt den Kopf gesenkt. Tigran A., ein hochintelligenter junger Mann (23), wurde vom Landgericht München II zu sechs Jahren Haft plus Unterbringung in einer Entziehungsanstalt verurteilt.

Für die Familie des Angeklagten ging die Welt unter – aber für den jungen Armenier aus Ebersberg, der schwer drogenabhängig ist und zudem unter Schizophrenie leidet, ist Strafvollzug und Entziehung vielleicht die letzte Chance, in Zukunft wieder in ein normales Leben einzusteigen. Mit elf Jahren war der damalige Gymnasiast in die Drogenszene geraten, mit 13 Jahren ging der Konsum so richtig los.

Mit Mühe schaffte der junge Mann seinen Realschulabschluss – an der Fachoberschule scheiterte er. Er nahm ständig und völlig unkontrolliert Drogen zu sich, seine Leistungen ließen stark nach.

Die finanzielle Not trieb den jungen Mann schließlich in die Beschaffungs-Kriminalität – zu diesem Zeitpunkt hatte der heute 23-Jährige längst die ersten Züge seiner Schizophrenie erkannt. Sie waren aber überraschenderweise nicht Auslöser für weitere Straftaten.

Im Juni vergangenen Jahres kam es dann zu den Übersprungshandlungen, zwei räumte der Angeklagte ein, dabei handelte es sich um einen Wohnungseinbruch plus Diebstahl und einen Tankstellenüberfall. Vier weitere Überfälle standen auf der Anklageschrift, wurden aber fallengelassen, weil sich die Täterschaft eines vermummten, aufgezeichneten Mannes nicht eindeutig dem Angeklagten zuordnen ließ. Die Vorgehensweise und die Verkleidung sprachen allerdings stark für ihn.

Glück hatte der junge Armenier, dass sich seine Opfer psychisch nicht sonderlich beeindrucken ließen. Im Fall des Angestellten in Oberhaching hatten den Mann an diesem Tag ganz andere Sorgen geplagt. Seine Zwillingen weilten wegen einer Herz-OP in der Klinik. „Jeder macht mal einen Fehler“, zeigte er sich als Zeuge vor Gericht großzügig. Und auch eine 81-jährige Kassiererin zeigte soviel Courage, dass sie ihren Peiniger noch um die Unterschrift auf einer Quittung bat, damit ihr geglaubt werde, überfallen worden zu sein und das Geld nicht alleine aus der Kasse genommen zu haben.

Der Wohnungseinbruch bei einer Bekannten des Angeklagten wurde ihm von selbiger auch nicht besonders krumm genommen. Bei ihrer Zeugenaussage vor Gericht strahlte die junge Frau den 23-Jährigen immer wieder verstohlen an. Sein Geständnis und die Tatsache, dass er noch einen Mittäter genannt hatte, der während des laufenden Prozesses sogar ermittelt werden konnte, führten aus Sicht des Vorsitzenden Richters Oliver Ottmann schließlich zu dieser „äußerst günstigen Strafe“ von sechs Jahren.

Damit die Schizophrenie noch rechtzeitig behandelt werden kann, darf der 23-Jährige vor dem Strafvollzug in die Therapie – vielleicht schon ab Montag, da das Urteil bereits rechtskräftig ist.

Angela Walser

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