Pro Tag bleiben 8,21 Euro zum Leben

Ein Leben voller Arbeit zahlt sich nicht aus

Steinhöring - Ein Leben lang gearbeitet, selbst im Alter noch Zeitungen ausgetragen, fünf Kinder groß gezogen und optimistisch geblieben. Aber reicht deswegen schon die Rente? Dass sie trotz eines langen Arbeitslebens nicht reichen kann, zeigt das Beispiel von Anna Blüml aus Steinhöring.

Eine einfache Ein-Zimmer-Wohnung, 41 Quadratmeter, Kaltmiete 300 Euro. „Vorher hatte ich 65 Quadratmeter, aber das Haus wurde vom Katholischen Siedlungswerk abgerissen“, bedauert Anna Blüml. Ihre alte Wohnung hat sie geliebt. In der neuen, in die sie vor einem Jahr eingezogen ist, ist ihr schon die Decke auf den Kopf gefallen - im wahrsten Sinne des Wortes. Der Putz hat sich abgelöst. Dabei wurde die Einrichtung beschädigt und ein Landschaftsbild, der einzige Schmuck an der Wand. „Das habe ich mal zum Geburtstag geschenkt bekommen“, sagt die Rentnerin. Jetzt hat das Gemälde ein Loch - wie ihre Rentenzahlung. „Das kann man nicht mehr reparieren“, sagt die Frau und betrachtet nachdenklich das gerahmte Bild.

Ihr Rentenverlauf hat auch eine Lücke, für die die 81-Jährige nichts kann. Als junges Mädchen hatte sie in einem Altenstift in München gearbeitet, „bei den barmherzigen Schwestern“. Vier Jahre war sie dort und hat im Monat 60 Mark verdient. Die Schwestern aber zeigten sich wenig erkenntlich und hatten sie nicht als Arbeitskraft angemeldet. „Die vier Jahre sind futsch“, ärgert sich die Steinhöringerin. Deswegen gibt es für diese Jahre jetzt auch keine Rente, die bei Anna Blüml aktuell eine laufende Zahlung von 676,13 Euro im Monat ausmacht.

Ab 1. Juli 2011 wurde auf 683,14 Euro erhöht. 7,01 Euro mehr im Monat, um die die Politiker in Deutschland einen Aufruhr veranstaltet haben, als hätten sie damit das Abendland vor dem Untergang gerettet. Auf diese Politiker ist Frau Blüml nicht gut zu sprechen: „Die schieben das Geld ein und wir haben dafür gearbeitet“, ärgert sie sich, ohne mit ihrem Schicksal zu hadern. Immerhin ist sie leidlich gesund. „Ich habe noch meine eigenen Zähne“, sagt sie. „Gottseidank fehlt mir da nichts, ich könnte mir keine neuen leisten.“

Von ihrer Rente muss sie Miete, Stromrechnung, Telefon, Warmwasser und Heizung bezahlen. Am Jahresende kam eine Nachforderung von 902,23 Euro. „Wennst’ da nicht das ganze Jahr über sparst!“, sagt sie. Wenn einer ausrechnet, wie viel der 81-jährigen zum Leben bleibt, dann kommt man auf einen Betrag von 8,21 Euro pro Tag - etwa 250 Euro im Monat. Ein Arztbesuch darf da nicht passieren mit anschließendem Medikamentekauf in der Apotheke: „Zehn Euro beim Arzt und in der Apotheke dann 15 Euro, schon sind 25 Euro weg“, rechnet die Frau, die sich früher mit Zeitungsaustragen fit hielt. „Aber dann habe ich eine Lungenentzündung bekommen und musste aufhören“, erzählt sie. Da war Anna Blüml bereits in Rente und durfte noch dazuverdienen. Zum Vergleich: Die Grundsicherung beträgt nach Angaben der Gewerkschaft verdi zurzeit in Deutschland durchschnittlich 710 Euro im Monat.

Nach ihrem Berufseinstieg beim Altenstift der Barmherzigen Schwestern hat Anna Blüml zehn Jahre im Bayerischen Hof gearbeitet - „in der Küche, später in der Personalküche“, sagt sie stolz. Eine richtige Ausbildung konnte sie nicht machen. „Eigentlich wollte ich Näherin werden“, erinnert sich die Frau. Aber der Krieg und die Notzeiten haben das verhindert. Fleißig war sie trotzdem. Denn nachdem ihre fünf Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, hat sie beim Lampenhersteller BLV in Steinhöring eine Stelle angenommen. Dort war sie 18 Jahre tätig und 18 Jahre lang hat sie auch die Heimatzeitung ausgetragen. „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt sie. Weil sie schon unterwegs war, wenn im Ort die letzten Spätheimkehrer aus dem Wirtshaus den Weg nachhause nicht mehr fanden. Ihr Mann Ortwin ist inzwischen verstorben. Er war Maurer und hat seiner Frau nur eine schmale Witwenrente hinterlassen.

Im Altenstift der Barmherzigen Schwestern wurde ihr gezeigt, wie man alten Frauen die Haare kämmt. „So Annerl, jetzt gehst amal her, damit du das auch lernst“, hat es geheißen. „Eine der Gekämmten hat dabei geschrieen, „dass es weht tut, die Schwestern sollten sie nicht so rupfen. Da hat eine Schwester gemeint: Im Grab brauchst du keine Haare mehr“. Ihre eigene Mutter hat Anna Blüml deshalb nie ins Altenheim gegeben, sondern sie gepflegt, bis das Annerl im Alter von 89 Jahren gestorben ist.

Selbst braucht Anna Blüml noch keine Hilfe. Sie geht zum Einkaufen und meint: „Der Supermarkt am Ort ist teuer. Da wird es Zeit, dass ein zweiter kommt.“ Ein Auto kann sich Frau Blüml nicht leisten, sie ist auf Einkaufsmöglichkeiten am Ort angewiesen. Mobilität im Alter? Sichere Renten? Goldener Lebensherbst? Leere Worthülse von Politikern, deren ganzer Kontakt mit der Arbeitswelt häufig darin bestand, den Beamtenstatus zu erwerben. So könnte sich auch erklären, warum sie der Ansicht sind, von einer Pension könne man gut leben. Was sich Frau Blüml kocht? „Wenn ich meinen Geldbeutel anschaue, koche ich manchmal nichts Gutes“, sagt sie. Die Politiker? „Für die Arbeiter tun die gar nichts“, meint die Frau überzeugt. „Im Gegenteil, die werden auch noch gedrückt.“

Irmi Kraus, Geschäftsführerin des Sozialverbands VdK im Landkreis Ebersberg kennt viele solche Fälle aus ihrer Beratung. Menschen, die von den Krankenkassen „terrorisiert werden mit Anrufen“, Arbeitgeber, die die Wiedereingliederung älterer Arbeitnehmer ausnützen, um Lohnkosten auf die Solidargemeinschaft abzuwälzen und die Leute einen Tag vor Ablauf der Frist zur Festanstellung wieder auf die Straße setzen. „Da läuft soviel schief, man weiß gar nicht an welcher Stelle des Sozialgesetzbuches man zuerst anfangen müsste“, schimpft sie.

Anna Blüml wohnt seit einem Jahr in ihrer neuen Wohnung, in der ihr die Decke auf den Kopf gefallen ist. „Zwei Nächte hab ich auf einer Luftmatratze geschlafen“, erzählt sie. Dann wurde sie für die Zeit der Renovierung in den Wirt nach Oberndorf ausquartiert. Ihre neue Couch hat auch einen Schaden abbekommen. „Auf die war ich so stolz“, sagt die Rentnerin.

Wenn sie auf der Couch liegt, schaut sie in ihrer kleinen Wohnung Fernsehen. Ihr Fernseher ist inzwischen 17 Jahre alt. „Hoffentlich geht der nicht so schnell kaputt“, sagt die Frau. Und weil gerade ein Reporter in ihrer Wohnung ist, muss der eine neue Lampe in den Deckenstrahler schrauben. Praktisch veranlagt ist Frau Blüml.

Und optimistisch ist sie auch geblieben. Sie jammert nicht.

Von Michael Seeholzer

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