Monika Fink und Karl-Heinz Brandl leiten die beiden Kreuzbund-Gruppen für Alkoholiker, andere Suchterkrankte und deren Angehörige in Markt Schwaben. Das Selbsthilfeangebot gibt es in der Marktgemeinde seit ziemlich genau 25 Jahre.

25 Jahre Kreuzbund in Markt Schwaben

Alkoholismus: Outing als Weg zurück in die Gemeinschaft

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Alkoholismus ist keine Schande - aber es ist eine Schande, wenn man nichts dagegen unternimmt: So zitierten wir 1993 Helga Puhwein vom Kreuzbund Erding. Jene Hilfsorganisation, die damals, vor genau 25 Jahre, eine Gruppe gegen Alkohol- und Medikamentenmissbrauch auch in Markt Schwaben ins Leben rief.

Markt Schwaben – Als selbstständiger Verein unter dem Dach der Caritas suchte der Kreuzbund vor 25 Jahren im nördlichen Landkreis Ebersberg gleich mal den Weg in die Öffentlichkeit. Bei einem Infoabend im katholischen Pfarrheim kamen immerhin 60 Interessierte. Damals sagte Kreuzbund-Mitarbeiterin Helga Puhwein unter anderem: „Das Problem Alkoholismus ist allgegenwärtig, es wird vielfach verdrängt und oft falsch eingeschätzt“.

Was 1993 eine ehrliche Bestandsaufnahme war, gilt heuer unverändert und uneingeschränkt. Einer, der das Thema Sucht am eigenen Leib durchgelebt hat, ist Karl-Heinz Brandl. Zur Schwabener Kreuzbundgruppe stieß er erst in der zweiten Jahreshälfte 1993. Da hatte er jedoch sozusagen schon eine stattliche Laufbahn als Alkoholkranker hinter sich gebracht.

Vor 25 Jahren, erinnert er sich heute, habe man in der Breite noch nicht viel über Alkoholismus gewusst - bzw. nichts wissen wollen. Behörden agierten noch vorsichtig im Umgang mit den immer mehr aufkommenden Alkoholikergruppen, sagt Brandl. Es sei anfänglich auch in Markt Schwaben nicht ganz einfach gewesen, zum Beispiel Gruppenräume zu finden.

Schließlich erwies sich die katholische Kirche als Glücksfall. Dort, in einem kleinen Raum im Pfarrheim in der Webergasse, finden noch immer die Gruppenstunden der Schwabener Kreuzbundler statt. Zwei Gruppen mit insgesamt 23 Betroffenen und Angehörigen gibt es derzeit. In den letzten 25 Jahren wird es eine stattliche dreistellige Zahl an Frauen und Männern gewesen sein, die entweder zu diesen Treffs kamen oder aber telefonisch um Hilfe baten.

Monika Fink ist eine der beiden Leiter, Brandl der zweite. Brandl, von Beruf Hausmeister an der Grafen-von-Sempt-Mittelschule, ist dabei sozusagen das Aushängeschild des Kreuzbundes in Markt Schwaben geworden. Weil er früh für sich erkannte, dass der beste Weg zu einer Problembewältigung und Resozialisierung der offene Umgang mit der Erkrankung ist.

Ende der 80er Jahre, Brandl war damals Anfang 30, sei bei ihm das Problem wirklich akut geworden, erzählt er bei einem Gespräch mit der Heimatzeitung. Der Führerschein ging damals verloren, es gab erste nennenswerte Probleme mit dem Arbeitgeber. Vorher gelang es ihm immer noch, sich selber Trinkmuster anzulegen, wie er sagt. Gewohnheiten, die letztlich dazu führten, dass das unmittelbare Umfeld möglichst wenig von seiner längst ausgeprägten Abhängigkeit mitbekam.

„Für mich war ein Alkoholiker ein trinkender Mensch unter der Brücke, und das war ich in meinen Augen nicht“, erzählt Brandl über die Zeit der Verdrängung. Und er fügt an: „Ich habe es nicht kapiert, das eigene Schicksal längst nicht mehr in den eigenen Händen zu halten“. Und das, obwohl ein Wiesn-Besuch erst nach der zehnten Maß für ihn erst richtig anfing.

Heute weiß Brandl, wenn er von seiner Laufbahn als „Alki“ spricht, dass jeder Alkoholiker, der seine Geschichte hört, sich irgendwie darin wiederfindet. „So, als würde man ihnen einen Spiegel vorhalten“.

Monika Fink stimmt zu. Dieser Spiegeleffekt stelle sich auch ein, wenn es in den Gesprächen etwa um Therapieerlebnisse gehe - oder darum, etwaige Rückfälle zu verarbeiten. Über eigene Erfahrungen offen zu erzählen vor einer Zuhörerschaft, die unter Umständen vergleichbaren Abhängigkeiten ausgesetzt sei, sei ein wesentlicher Punkt der Gruppenarbeit, sagt die 64-Jährige.

Auch sie hat, wie Brandl, erfahren, dass es einem selber und auch anderen Betroffenen am besten geht, gleich offen mit dem Thema umzugehen. Nur so könne man lernen, eine Krise zu bewältigen, ohne rückfällig zu werden.

Den Weg an die Öffentlichkeit hat der Markt Schwabener Kreuzbund quasi gleich mit seiner Gründung regelmäßig beschritten. Brandl erinnert sich noch gut an eine Podiumsdiskussion in der Disco „Pentagon“, später das „Out of Munich“. Oder an eine Projekt der Stadt Ebersberg. „Alkohol wurde langsam aber stetig immer weniger ein Tabuthema“, sagt Monika Fink heute.

Einen nicht unwesentlichen Anteil an einer Enttabuisierung hätten nach Meinung der beiden Gruppenleiter auch diverse Arbeitgeber, die ab den 90er Jahren verstärkt erkannt hatten, dass sie ihren Mitarbeitern Hilfen zukommen lassen und nicht noch weiteren Druck aufbauten. Sie selber, damals beschäftigt in einem großen Lebensmittelkonzern, hatte sich damals früh geoutet und Chefs und den Betriebsrat in Kenntnis gesetzt. Es sie ihr nie ein Nachteil daraus erwachsen, sagt Monika Fink rückblickend.

Auch Brandl hat Dergleichen erlebt. Er machte sogar - auf ehrenamtlicher Basis - eine Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer. Die Kosten für diese Schulung hatte die Gemeinde Markt Schwaben, sein Arbeitgeber, übernommen. Monika Fink wurde ebenfalls von ihrem damaligen Arbeitgeber die Ausbildung zur beruflichen Suchtkrankenhelferin ermöglicht und finanziert.

Brandl, ob seines Jobs und als hoher Funktionär beim örtlichen BRK in der Marktgemeinde bekannt „wie ein bunter Hund“, hat ebenfalls nie erfahren müssen, dass ein Outing als Alkoholiker negative Folgen gehabt hätte. Im Gegenteil: Die meisten Spezln hätten die Situation schnell begriffen und Verständnis gezeigt. Und so dem alkoholkranken Karl-Heinz signalisiert, dass er ohne Einschränkungen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen könne; nur halt eben mit einem Spezi vor der Nase und nicht mit dem obligatorischen Weißbier.

Nicht überall funktionierte das mit dem Outen so reibungslos. Manche Geburtshelfer des Schwabener Kreuzbundes in Erding hatten beispielsweise anfangs enorme Probleme damit, Infostände in ihrer Stadt personell zu bestücken. Immer schwebte die Angst mit, von Bekannten oder Freunden erkannt und stigmatisiert zu werden. Eine Zeit lang waren es die Markt Schwabener, die dann die Infostände in Erding durchführten. Heute, sagt Brandl, sei das nicht mehr so. Alles habe sich normalisiert.

Dass der 61-Jährige Mitte der 90er Jahre entschied, den Weg an die Öffentlichkeit zu gehen, habe nicht nur ihm geholfen, sondern womöglich auch manchem anderen, der ansonsten nie Kontakt zu einer der Selbsthilfegruppen gefunden hätte, sagt Monika Fink. Scham sei nämlich nach wie vor eine hohe Hemmschwelle. Doch Leute wie Brandl hätten dazu beigetragen, dass sich für manchen diese Hürde absenkte.

Das hat der Schulhausmeister auch an seinem Arbeitsplatz gespürt. Natürlich, sagt er, wüssten die allermeisten Schüler von seiner Alkoholikerlaufbahn. Bei Besinnungstagen stellte sich Brandl auch schon mehrfach zur Verfügung. Mit dem Effekt, dass der eine oder andere Schüler dann in der Tat „auspackte“, wie Brandl sagt, und ihm Alkoholprobleme in der Familie anvertraute. Wo der Hausmeister konnte, half er. Bis heute gilt für ihn der Grundsatz: „Jeder Schüler kann zu mir kommen, ich bin für ihn da, wenn er meint, dass ich derjenige bin, der ihm helfen kann“. Selbst ehemalige Schüler haben sich übrigens schon bei Brandl gemeldet. Und berichteten etwa von der saufenden Mutter daheim, in der Hoffnung, dass er als Fachmann Tipps geben kann, wie man sich als Angehöriger zu verhalten hat. In diesem einen Fall konnte der Suchtkrankenhelfer leider nicht helfen. Die Frau, sagt Brandl, sei ziemlich bald dann auch verstorben.

Karl-Heinz Brandl und Monika Fink sind sich dessen bewusst, dass ihre Hilfestellung nicht immer auf „fruchtbaren Boden“ fällt, doch die positiven Aspekte der Sucht-selbsthilfe überwiegen bei weitem und so macht die Arbeit den beiden Gruppenleitern nach wie vor viel Freude.

Die Schwabener Gruppen treffen sich immer dienstags ab 19.30 und mittwochs ab 19.15 im Pfarrheim, eine Infogruppe ist dort an jedem Mittwoch ab 18.30 Uhr beisammen.

Das Jubiläum feiern die Ortsgruppen am Samstag, 15. September, ab 14.30 Uhr im Pfarrheim in der Webergasse. Es gibt ein paar Ansprachen und einen Rückblick, ansonsten sind ein paar vergnügliche Stunden bei Kaffee und Kuchen vorgesehen. Anmeldungen sind nicht erforderlich, aber wünschenswert. Kontakt: Monika Fink, (0 81 21) 30 17, Mail mh_fink@yahoo.de, oder Karl-Heinz Brandl, (0 81 21) 43 77 97, heinz.brandl@web.de. Jeder Interessent ist herzlich eingeladen.

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