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Lenz Widmann: Bräu und das ganze Leben lang auch ein Lausbub

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Von: Jörg Domke

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Lenz Widmann, Markt Schwaben
Lenz Widmann (1911 bis 1986), ein Markt Schwabener Original © privat

Beim Museums-Ratsch will man in Markt Schwaben künftig regelmäßig an Markt Schwabener Originale erinnern. Zum Auftakt ging es um den legendären Bräu Lorenz Widmann.

Markt Schwaben – Im ehrwürdigen Schwabener Heimatmuseum – dort, wo etwa originalgetreu ein Bajuwarengrab aus Pliening rekonstruiert ist samt reichhaltiger Grabbeigaben, eine Schuhmacherwerkstatt Ehrfurcht denen einflößt, die es mit dem Handwerk nicht so haben oder aber erzählt wird, was es mit dem „Widder von Sempt“ auf sich hat – herrscht naturgemäß eine besinnliche Atmosphäre vor. Die wenigsten Themen, denen man sich dort seit drei Jahrzehnten widmet, animieren jedenfalls zu besonderer Heiterkeit. Doch ein paar Mal im Jahr, wenn nicht gerade wieder Lockdownzeit ist, wird in der ehemaligen Schweigervilla auch gerne mal herzhaft gelacht. Etwa wenn Kirtamontag gefeiert wird oder Gstanzl vorgetragen werden, so wie es hierzulande üblich war im vergangenen Jahrhundert.

Es darf herzhaft gelacht werden

Herzlich, laut und ungebremst gelacht werden konnte auch dieser Tage wieder. Der Verein Heimatmuseum hatte erstmals zu einem Museums-Ratsch eingeladen. Eine lockere Runde künftig an jedem dritten Montag im Monat ab 18.30 Uhr. Zum Auftakt im Zentrum: Lorenz Widmann. Jener Bräu, der 1911 in München zur Welt kam. Im gleichen Jahr nach Forstinning zog, wo seine Eltern Pächter des Neuwirt wurden. Und von wo aus der Grundstein gelegt wurde, als Vater und Mutter in den 20ern eine kleine Weißbierbrauerei in Markt Schwaben kauften, ohne Ahnung vom Brauen zu haben.

Für den Sohn Lenz war damit der berufliche Werdegang quasi festgelegt. 1932 legte er in München die Meisterprüfung ab. Bald darauf war Widmann Gesellschafter der Brauerei, die den Krieg weitgehend unbeschadet überstand, sodass er danach so richtig loslegen konnte und sogar bald schon expandierte: neue Füllerei, neues Sudhaus, Mälzerei. Davon jedenfalls erzählte seine Tochter Traudl, die sofort zugesagt hatte, als Museumschef Bernd Romir anfragte, ob sie als Zeitzeugin vom einstigen Bräu berichten sollte, der 1986 starb.

Wem an dieser Stelle auffallen sollte, dass es so etwas doch schon mal gab, der irrt nicht. Ende der 90er Jahre hatte der heutige Altbürgermeister Bernhard Winter die Idee, einen lockeren Erzählkreis zu gründen mit dem Ziel, Schwabener Originale wenigstens für ein paar Stunden wieder ins Rampenlicht zu holen. Auch Lorenz Widmann war dabei, über den Tochter Traudl am 19. September 1998 im Marktcafé so direkt, offen und lebhaft berichtete wie nun wieder.

In den 90ern gab es schon mal einen „Erzählkreis“

„Ich bin ein wenig aufgeregt“, hatte sie anfangs noch den gut 20 Zuhörenden gebeichtet. Und sich dann den notwendigen Schuss Mut beschafft in Gestalt einer 0,33-l-Flasche eines anderen Schwabener Bierherstellers, der bei Widmanns womöglich nie auf den Tisch gekommen wäre, hätte die Brauerei nicht 2007 den Betrieb einstellen müssen. Jedenfalls konnte Traudl Widmann, auch fast 25 Jahre nach dem Winterschen Erzählkreis, erzählen, erzählen und erzählen. Erzählen von einem Mann, der gerne derbleckte, ohne bösartig zu sein. Der sich nicht so wichtig nahm, wie es durchaus möglich gewesen wäre. Der keine Haare auf den Zähnen trug. Den man eigentlich immer nur im Blaumann herumlaufen sah. Der spitzbübisch blieb bis zu seinem Tod im Alter von 75 Jahren. „Pfarrer, wenn ich mal sterbe, kannst du sagen, ich habe immer nur gelogen“, soll der Widmann Lenz damals gesagt haben. Überliefert ist dieses Zitat laut Tochter Traudl vom besagten Pfarrer selber, der das so auch in seiner Trauerrede verwendete. Und alle hätten gelacht.

So wie nun auch wieder bei der Premiere des Museums-Ratsch. „Wenn was passierte, hat er es immer allen gleich erzählt“, sagt Traudl Widmann. Zum Beispiel, dass er, ob versehentlich oder auch nicht, hungrig in der Küche nach einem Behälter griff, herzhaft zugriff und doch „nur“ Hundefutter erwischte. Eine Anekdote, die unweigerlich Eingang finden musste in den einst recht derben Schwabener Fasching. Der Bräu wurde so „ein ganzer Kerl dank Chappi“.

Kaum zu glauben, dass Widmann sein Ehrenamt als Kassier beim Schützenverein verlor, weil die Kasse nicht sauber genug geführt worden war, und in der gleichen Sitzung zum Vorsitzenden gewählt wurde.

War den Widmann Lenz zweifelsfrei ein Schwabener Original, so traf das auch auf seine Schwester Anna (Bader) zu. Eine Frau, wie ihr Sohn Franz berichtet, die aus dem gleichen Holze geschnitzt war wie sein Onkel und gleichsam das Herz am rechten Fleck trug. Auch von der langjährigen, legendären Widmann-Bräu-Wirtin gab es genügend Erstaunliches zu erzählen. „Tatort Schlafzimmer“ hat Franz Bader eine Story genannt, die so typisch wohl gewesen sein muss für ihre Zeit. Die Ortsgendarmerie war, Anfang der 60er, in Schwaben auf der Suche nach Schwarzbrennern. Und vermutetet bei der Wirtin Bestände. Die hatte in der Tat reichlich Hochprozentiges daheim, glaubte aber, die Flaschen gut im Schlafzimmer versteckt zu haben. Also ließ sie den Ordnungshüter freiwillig das Haus durchsuchen, während sie sich schon wieder um die Gäste im Wirtshaus kümmerte. Irgendwann einmal muss es aufgefallen sein, dass der Herr Gendarm nicht wieder auftauchte. Man fand ihn schließlich ziemlich betrunken im Bett der Baderin. Zu einer Anzeige, weiß Sohn Franz Bader, sei es nie gekommen.

Auch Widmann-Schwester Anna (Bader) steht zum Auftakt im Fokus

Bleibt noch die Geschichte von den 50 Pfarrern, die nach einem Seminar in Benediktbeuern mit dem Bus zurück gen Freising fuhren und anfragten, ob man sich kurzfristig noch einen Zwischenstopp in Markt Schwaben mit Essen und allem Drumherum bekommen könne. Die Wirtin sagte, trotz Bedenken, zu. Damit war der Startschuss gefallen für einen wahrlich hektischen Tag, den viele nicht vergessen haben dürften. 50 Geistliche haben schließlich Hunger, doch woher alles in der gebotenen Kürze beschaffen? Es gelang halbwegs, bis kurz vor der erwarteten Ankunft der Geistlichkeit ein weiteres Telefonat einging. Der Bus könne nicht kommen, es habe einen Unfall auf dem Neufarner Berg gegeben. Kurzum: Stammgäste hatten sich einen Scherz erlaubt. Einer von ihnen: Georg Aug, ebenfalls eine Orts-Legende. Und womöglich jemand, dem man bald einen eigenen Abend widmen wird.

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