Georg Hohmann im Ratssaal Markt Schwaben
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Georg Hohmann, als er noch Bürgermeister in Markt Schwaben war.

HAUSBESUCH in Markt Schwaben

Das neue Leben des Exbürgermeisters

  • vonJörg Domke
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2018 erlebte Georg Hohmann einen persönlichen Warnschuss. Burn-Out. Erschöpfungssyndrom. Inzwischen ist er pensioniert. Ein persönlicher Blick zurück.

Markt Schwaben – Er scheint der neue Lieblingsplatz von Georg Hohmann geworden zu sein. In seinem altdeutschen Lesesessel in einer Ecke seines Wohnzimmers hat der Schwabener Exbürgermeister (2011 bis 2020) die Beine locker übereinandergeschlagen. Lässig sein Outfit: Schwarzes T-Shirt, Jeans. Im Hintergrund läuft die Waschmaschine. Hohmann ist auch Hausmann. Gleich hinter ihm steht seine Bücherwand, rechts daneben eine Stereoanlage mit Plattenspieler. Und eine Plattensammlung gibt es auch.

Ein Buch über eine Deutschlandreise von Roger Willemsen liegt obenauf. „Sehr zu empfehlen“, sagt Hohmann. Mehr noch haben es ihm aber in diesen Wochen Bücher von Robert Seethaler und Lena Christ angetan.

Wenn die Sonne durch die große Scheibe seines Wohn- und Lesezimmers in der kleinen Wohnung in der Rotkreuzstraße scheint und er sich mal wieder in eines der vielen Bücher vertieft hat, erzählt Hohmann, fühle er sich ein wenig in die Welt eines Caspar David Friedrich versetzt, dessen bekanntestes Werk den Kreidefelsen auf Rügen zeigt.

Lieblingslektüre von Lena Christ und Robert Seethaler

Doch Lena Christ, bekanntlich aus Glonn, steht für eine ganz andere Geografie. „Madame Bäuerin“, sagt Hohmann, sei ein Roman, der aus seiner Sicht fast schon eine Sozialstudie sei und den Konflikt zwischen dem verarmten Stadt-Adel und den Bauern ihrer Zeit aufzeige. Mitunter in deftigem Bayerisch. So deftig, dass sich der 69-Jährige eigens zwei bayerische Wörterbücher zugelegt hat, um der Schriftstellerin aus dem Landkreissüden sprachlich wenigstens halbwegs folgen zu können.

„Meistens“, schmunzelt Hohmann, „ist mir das bis jetzt gelungen“. Aber der gebürtige Hesse hatte es auch schon mit Fachwörtern zu tun, die ihm selbst gestandene Markt Schwabener nicht hätten übersetzen können.

An Literatur mangelt es im Hause Hohmann keineswegs. Und derzeit auch nicht an Zeit. Corona, sagt der gelernte Mathematiker, habe für ihn sogar etwas Gutes. An dieser Stelle ringt Hohmann um die richtige Formulierung, denn als ehemaliger Bürgermeister weiß er genau, wie schnell etwas gesagt ist, was auch falsch verstanden werden kann. Das Gute an der Pandemie aus seiner Perspektive: Auf ihn, den Pensionär, wirke der Lockdown zusätzlich entschleunigend. Zusätzlich, weil sich seit seinem letzten Arbeitstag am 10. April nun endlich die Zeit und die Muße im täglichen Leben ergeben habe, die der Sozialdemokrat so viele Jahre vermisste.

Gelernt aus einem Warnschuss

Einen Warnschuss hatte es 2018 gegeben. Man könne es einen Burn-out nennen oder auch einen Erschöpfungssyndrom. Welchen Namen man dem geben wolle, das ist Hohmann inzwischen ziemlich egal. Die monatelange Therapie habe ihm jedenfalls, so sagt der Ex-Siemensianer rückblickend, die Augen geöffnet. Und Wege gezeigt, zurückzufinden in das normale Leben. „Davon“, sagt Hohmann, „hatte ich mich immer weiter entfernt“.

Das Bürgermeisteramt sei eine doch stringente Angelegenheit. Durchgetaktet. Stets begleitet von einem Terminkalender, der 24 Stunden am Tag Regie zu führen scheine. „Und genau so habe ich dann auch meine Freizeit gestaltet. Erst jetzt, in der Zeit als Pensionär, ist wieder der Platz da, auch andere Erfahrungen aufzunehmen“.

Das Lesen mit Muße zum Beispiel. Das Pflegen weniger, aber intensiver Freundschaften. Der Kontakt zu seinem Vater in Mittelhessen, immerhin schon 92. Und, nicht zu vergessen: Das Reisen. Erst unlängst erfüllte sich der alte Bürgermeister einen lange gehegten Traum: einen Besuch in einem Weinberg irgendwo zwischen Schweinfurt und Würzburg. Mit einem guten Buch unter dem Arm und stundenlang auf einer Bank sitzend mit Blick über endlos weit erscheinende Weinreben-Kulturen.

Mehr noch aber hat ihn die neu gewonnene Freizeit wieder zurück geholt aufs Radl. Seit Ende April, hat sich Hohmann in ein kleines, gelbes Notizheftchen eingetragen, wurden 2800 Kilometer abgestrampelt. Den Bodensee-Königsee-Radweg zum Beispiel mit einer Endetappe nach Markt Schwaben und insgesamt 740 km im Sattel. Oder eine Fahrt mit einem Freund von Titisee über Donaueschingen und Mindelheim bis München. Oder Touren in der Steiermark, in Kärnten oder Südtirol.

Oft genug, berichtet Hohmann, sei er morgens aufgebrochen ohne festes Ziel, lediglich mit einer Brotzeit im Gepäck. Und gelandet im Erdinger Land. In Orten, die er zwar vom Namen kannte, aber auch nicht mehr.

Gewandert wurde ebenfalls. Eine Tour mit einem erblindeten Freund zum Beispiel auf den Wank war dabei. Hohmann berichtet von Erlebnissen, die er nach eigenen Worten so intensiv hat erleben dürfen wie nie zuvor. Trotz Lockdowns. Oder vielleicht sogar wegen des Lockdowns. Mit ihm waren nämlich zuletzt nie viele andere unterwegs.

An Plänen für die Zukunft, besonders für die Zeit nach der Pandemie, mangelt es nicht. Die transsibirische Eisenbahn nennt Hohmann zuerst, dann Tasmanien. Auch wenn er nicht der klassische Kreuzfahrer sei, lockten aber auch dort noch zwei Destinationen: Die Ostsee-Route mit Danzig, Riga, Tallinn und St. Petersburg und eine Tour nach Grönland.

Den Lebensabschnitt am Ende seiner Berufslaufbahn hat er abgehakt: „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt Hohmann, befragt nach seiner Zeit als Rathauschef. „Die Zeit war schön, gut und anstrengend.“ Trotz des gesundheitlichen Rückschlags vor zwei Jahren. „Wenn man etwa für den Ort machen möchte, muss man auch die Ausstattung dafür vorfinden. Und die gab es anfangs im Rathaus nicht. Doch das habe ich erst nach und nach bemerkt“, sagt er, ohne irgendwem einen Vorwurf zu machen. Jetzt sei diese Ausstattung da. Oft genug passiere es noch, erzählt er, dass ihn Leute auf der Straße mit „Grüß Gott, Herr Bürgermeister“ anredeten. Schnell würden auch mal zwei Stunden vergehen, wenn er einkaufen gehe am Donnerstag auf dem Grünen Wochenmarkt.

Sein Leben hat Hohmann, das ist spürbar, komplett geändert. Und sichtbar. Früher, sagt er, sei sein Wohnzimmer eine Art zweites Amtszimmer gewesen. Da habe er sich Akten mit nach Hause genommen, um sie übers Wochenende zu bearbeiten. Heute sei das Wohnzimmer ein Wohnzimmer. Und aufgeräumt. Wie sein neues Leben.

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