Das betroffene AWO-Heim in Markt Schwaben.
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Das betroffene AWO-Heim in Markt Schwaben.

Ursachenforschung kommt nicht voran

23 Tote und niemand soll schuld sein: Zahl der Corona-Opfer in Markt Schwabener AWO-Heim erneut gestiegen

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Der Coronavirus-Ausbruch im AWO-Heim Markt Schwaben hat weitere Todesopfer nach sich gezogen. Der Träger gibt sich dazu äußerst schmallippig - Angehörige nennen das Verhalten pietätlos.

Markt Schwaben/Ebersberg – Als Torsten Titschkowski nach zweieinhalb Stunden Anfahrt in Ebersberg aus dem Auto steigt, ist seine Mutter tot. Die Tage zuvor hatte der 57-Jährige aus dem Großraum Nürnberg noch mit ihr telefoniert. Sie habe schwer gehustet, die Stimme sei „dunkel, ganz tot“ gewesen.

Gisela Titschkowski, gestorben mit 87 Jahren in der Kreisklinik in Ebersberg, ist eine von mittlerweile 23 Bewohnern des AWO-Altenheims in Markt Schwaben, die kurz nach einer nachgewiesenen Covid-19-Erkrankung gestorben sind. Laut Landratsamt haben sich 65 der 88 Bewohner angesteckt, dazu 28 Mitarbeiter. Nun ist mehr als ein Drittel der infizierten Senioren tot. So brutal es klingt: Sie sind gestorben wie die Fliegen.

Wo die Ansteckung herkam, ist unklar

Bei Torsten Titschkowskis Mutter sind die Umstände kompliziert. Ins Krankenhaus kam sie, weil sie sich bei einem Sturz das Schultergelenk zertrümmert hatte. Da war die Infektionswelle von Anfang Januar schon durch das Heim gerollt. Weil die 87-Jährige da noch davonkam, bekam sie zwei Tage vor dem schweren Sturz sogar die erste Impfdosis – am 23. Januar, mit den anderen Heimbewohnern, die nicht infiziert waren. Aber zu spät, um die Krankheit auszubremsen: Den vollen Schutz entfaltet das Mittel erst nach vier Wochen. Vier Tage nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus und der OP, sieben Tage nach der Impfung, wird sie positiv getestet. Eine Woche später stirbt sie. „Ohne das Virus hätte es geschafft“, sagt Titschkowski überzeugt.

Ob seine Mutter sich in dem Klinik-Dreibettzimmer oder in der Pflegeeinrichtung angesteckt hat, kann Torsten Titschkowski nicht in Erfahrung bringen. Das unberechenbare Verhalten von Sars-Cov-2 lässt beide Schlüsse zu. Enttäuscht ist der Sohn vor allem vom AWO-Heim.

Corona-Ausbruch in Markt Schwabener Heim: Angehörige erfahren davon in der Zeitung

Von dem massiven Virus-Ausbruch dort hätten er und seine Schwester, die in der Nähe lebt, erst über den Erstbericht dieser Zeitung erfahren. Die Redaktion hatte zum Ausmaß einen anonymen Hinweis bekommen. Seit dem Tod der 87-Jährigen habe es gar keinen Kontakt mit dem Heim gegeben – keine Beileidsbekundung, nichts. „Ich finde das pietätlos“, sagt Titschkowski.

Auf der Homepage der Einrichtung ist von dem Infektionsgeschehen bis heute nichts zu finden. Die Bewohner starben laut Landratsamt zwischen 10. Januar und 9. Februar.

Wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, weiß offiziell niemand. Bei einer Kontrolle vor Ort sind laut Kreisbehörde nur geringe Defizite bei den Hygienemaßnahmen festgestellt worden, bei der Ursachenforschung sei man nicht weitergekommen.

23 Tote im Pflegeheim: Die Frage nach der Verantwortung streicht die AWO einfach

Die AWO reagiert auf Anfrage der Redaktion schmallippig: Die Infektions- und Todeszahlen kommentiert eine Sprecherin nicht, mit Verweis auf Rücksichtnahme gegenüber Bewohnern und Angehörigen. Letztere würden regelmäßig auf dem neuesten Stand gehalten.

Um den Ausbruch aufzuklären, arbeite das Heim eng mit dem Landratsamt zusammen, konkreter wird die Sprecherin nicht. Stattdessen verweist sie auf einen Online-Zeitungsartikel, in dem davon die Rede ist, dass man das Eindringen des Virus in ein Heim nie ganz verhindern könne – und auf allgemeine Informationen des Robert-Koch-Instituts. Die Frage der Ebersberger Zeitung, wer für die 23 Toten die Verantwortung trägt, taucht in dem Antwortschreiben nicht mehr auf. Die AWO-Pressestelle hat sie gestrichen.

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