+
Günther Loidl in seinem Zimmer im Altenheim mit Mutter Inge und der Sozialdienstleiterin Susanne Thome.

Einsam im Markt Schwabener Altenheim

„Wer hat Lust, mir etwas zu schreiben?“

  • schließen

Könnt ihr einen kleinen Artikel veröffentlichen? Fragt Günther Loidl. Der Heimbewohner sich Spezl von früher.

Markt Schwaben – Nun spielt der FC Bayern nicht jeden Tag. Wäre das anders, sähe das Leben von Günther Loidl ebenfalls anders aus. Dann hätte er schlichtweg mehr Anlässe, mitzufiebern mit seinem Lieblingsverein. Ein Poster der aktuellen Spieler hängt schließlich an einer Schranktür. Ein Vereinswappen-Aufkleber ziert einen anderen Schrank. Ganz klar: Sein Herz hat der 56-Jährige an die Roten verloren. 

Bundesliga-Spiele sind aber in der Regel „nur“ einmal in der Woche, mitunter auch noch mal in der Wochenmitte. Und das sind dann die Tage, auf die sich der Markt Schwabener ganz besonders freut. Dann kommt so etwas wie Abwechslung in seinen Alltag, den Günther Loidl auch schon mal „stink-langweilig“ nennt.

Er hat Multiple Sklerose, im Volksmund MS genannt, und zwar in einer schleichenden Form. Inzwischen ist die nicht heilbare Erkrankung so weit fortgeschritten, dass Günther Loidl die meiste Zeit des Tages im Bett verbringen muss. „Ich muss es so hinnehmen“, sagt er.

Loidl ist auf Pflege angewiesen. Die leistet in seinem Fall das Fachpersonal des Altenheims in der Trappentreustraße. In der Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt lebt Loidl seit gut einem Jahr. Einmal pro Woche kommt er raus, manchmal zweimal. Dazu braucht Günther Loidl zwingend seinen Rollstuhl. Mit seiner Mutter Inge geht es dann raus. Zumeist durch Markt Schwaben. Eine mitunter anstrengende Sache. Inge Loidl ist immerhin auch schon 77 Jahre alt. Fast jeden Tag kommt sie, um ihren Sohn im Heim zu besuchen.

„Ich bin der Einzige mit MS hier“, sagt Loidl leise. Und: Er ist mit Abstand der Jüngste im Heim. Die allermeisten Bewohner könnten vom Alter her seine Eltern sein. Da kommen automatisch wenig Kontakte zustande. Worüber sollte man sich auch austauschen? Nicht mal der FC Bayern dürfte im Altenheim bei den Ü-80-Jährigen einen größeren Stellenwert haben. Ab und zu schauen immerhin die Söhne vorbei. Lukas und Sebastian sind 14 und 19, beide leben nahe Landshut. „Lukas schläft manchmal hier“, erzählt Inge Loidl.

1961 kam ihr Sohn in München zur Welt, wuchs in Finsing auf, in die Schule ging er in Markt Schwaben. Später lernte er Maschinenbauer, war beim örtlichen Unternehmer Richard Gastl beschäftigt. So manchen Kollegen von damals kennt Loidl noch mit Namen. Auch an seinen Lehrer Harald Völkel erinnert sich Loidl noch gut. Ja, der Freundeskreis sei mal groß gewesen, hilft ihm die Sozialdienstleiterin des Hauses, Susanne Thome. Sie unterstützt Günther Loidl quasi beim Interview mit der Heimatzeitung.

Das Sprechen fällt dem Heimbewohner manchmal schwer. Das Erinnern auch. Beim örtlichen BRK war er, hat als Rettungssanitäter anderen in Notlagen geholfen. An Karl-Heinz Brandl, der dort lange Zeit Chef war, denkt Loidl ebenfalls gerne.

Auch der eine oder andere Name früherer Schulkameraden fällt. Gesehen hat er viele von ihnen lange nicht mehr.

Vor ein paar Wochen hatte der Markt Schwabener eine ganz außergewöhnliche Idee. Zusammen mit seiner Mutter verfasste der Fußballfan einen kleinen Artikel für die Zeitung. Susanne Thome tippte den Kurzbeitrag in den Computer und schickte den Textvorschlag an unsere Redaktion. Als Vorschlag für die Überschrift: „Wer hat Lust, mir ein paar Zeilen zu schreiben?“ Loidl beschreibt in seinem Text, dass er während der langen Tage im Altenheim oft an seine Schulzeit in Markt Schwaben denkt und an seine damaligen Kameradinnen und Kameraden. Und endet mit der Bitte: „Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir schreiben könnt, auf einen Besuch würde ich mich auch freuen“.

„Eine nette Idee“, sagt Susanne Thome, die nun zusammen mit Inge und Günther Loidl hofft, dass sich der eine oder andere von früher an Günther Loidl erinnert und sogar Zeit hat, ihm ein paar Zeilen zu schreiben - oder gar zu besuchen in seinem kleinen Zimmer im ersten Stock des AWO-Altenzentrums Markt Schwaben. Zum Beispiel zum gemeinsamen Fußball-Fernsehvergnügen mit dem einen oder anderen Glasl Spezi. Das Mixgetränk ist sozusagen Loidls zweite Leidenschaft.

Die Erfüllung eines ganz, ganz großen Traums freilich wäre es, fänden sich hilfsbereite Leute, die ihm einen Besuch live bei einem Fußballspiel im Stadion ermöglichen könnten. In der Allianz-Arena sei er schon mal gewesen, sagt der Schwabener. An den Gegner und das Ergebnis seines letzten Live-Spiels kann er sich nicht mehr erinnern.

Ganz spontan reagiert hat übrigens noch vor Veröffentlichung dieses Artikels der Inhaber des Edeka-Marktes Anzing, Helmut Furtmair. Der traf den Chronisten zufällig beim Schreiben dieses Textes; und spendete ein aktuelles Trikot des FCB.

Kontakt

Sozialdienstleitung im AWO Altenheim, Susanne Thome, Telefon (08121) 9316-0 oder 9316-29

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ich mache alles mit“
„Mit den Gedanken ist noch alles in Ordnung“, sagt Elfriede Hallner und lacht. Im AWO-Seniorenzentrum in Kirchseeon feierte sie jetzt ihren 95. Geburtstag.
„Ich mache alles mit“
Sie haben es geschafft
Junge Frauen und Männer machen ihren Abschluss am Kirchseeoner Bildungswerk und werden ausgezeichnet.
Sie haben es geschafft
Kirschen & Co. für Tafeln der Region
Sie heißen Finkenwerder, Alkmene oder Berner Rosenapfel und sie sollen später einmal Bedürftigen schmecken.
Kirschen & Co. für Tafeln der Region
Der „geilste Stamm der Welt“
Vor 25 Jahren, am 25. September 1993, wurde die Pfadfindergruppe „Impeesa Hohenlinden“ zum eigenständigen Stamm ernannt. Daher gibt es heuer für den „geilsten Stamm der …
Der „geilste Stamm der Welt“

Kommentare