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Die Depression begleitet sie: (v.l.) Alexander Fox und Andrea R. kämpfen gegen die Krankheit und wollen eine Selbsthilfegruppe gründen. 

Neue Selbsthilfegruppe in Markt Schwaben

Gemeinsam gegen die Depression

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Wer Depressionen hat, muss sich schämen. Die Krankheit ist ein Tabu - Andrea R. und Alexander Fox wollen es brechen. Sie  haben eine Selbsthilfegruppe in Markt Schwaben gegründet.

Markt Schwaben – Andrea R. (31) wusste damals nicht, was mit ihr los war. „Ich habe krass abgenommen“, erzählt die Pädagogin aus Pastetten. Sie wollte nichts mehr unternehmen: „Mir hat nichts mehr Spaß gemacht und ich war total unzufrieden mit meiner Arbeit.“ Andrea R. war sich sicher: Irgendwas stimmt nicht mit ihr. Und dann wurde ihr klar: Sie hat Depressionen. Das war vor etwa fünf Jahren, sie machte eine Psychotherapie – inzwischen geht es ihr besser.

Mit Alexander Fox (34) aus Isen will sie nun das Tabu Depressionen brechen. Die beiden kennen sich aus Kindheitstagen in Pastetten. Und gründen nun eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Denn: Niemand spricht über Depressionen. „Depressive gelten in unserer Gesellschaft als Aussätzige“, sagt Fox. Vor rund 13 Jahren hatte er „eine sehr krasse depressive Zeit“, als er sich von seiner Freundin trennte. Er war schon so verzweifelt, dass er sich sagte: „Ich würde jetzt am liebsten gegen einen Baum fahren“. Er suchte nach einem Psychotherapeuten – vergeblich. „Irgendwann war ich an dem Punkt: Hier geht es nicht mehr weiter für mich.“

Die Trennung vom Partner, Überbelastung im Job oder der Tod von Angehörigen können zu Depressionen führen, sagt Andrea R.: „Natürlich soll jeder trauern, aber wenn es ein Dauerzustand wird, sollte man sich Hilfe holen.“ Und genau das tat Alexander Fox. Der IT-Berater sagte seinem Chef, dass er sich in eine Psychatrische Klinik einliefern lasse, dort blieb er 14 Tage und begann eine Psychotherapie. Ein Jahr lang arbeitete er an sich. Die Krankheit begleitet ihn weiter. „Manchmal hat man starke Stimmungsschwankungen – von supergut zu superschlecht“, sagt er: „Wenn wir einen Ausflug planen, dann muss ich zum Beispiel Samstagfrüh sagen: Ich kann nicht mitfahren – ich kann einfach nicht.“

Wer nicht im Körper des Depressiven drinstecke, könne das schlecht nachvollziehen, sagt er: „Depressive hören oft Sätze wie: Reiß dich doch mal zusammen oder sei doch nicht so faul.“ Wichtig sei, dass jemand hinter einem steht: Seit rund vier Jahren gibt ihm seine Partnerin viel Kraft und der Kontakt zu Betroffenen.

Zum Beispiel seine Kindheitsfreundin Andrea R.. Er schrieb sie auf Facebook an, als er die magere Frau auf einem Bild sah. Sie sprachen über ihre Depression und beschlossen mit einer weiteren Betroffenen Viktória Bajzová eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Denn: Andrea R. sagt: „Das Wichtigste ist, dass man den Schritt raus geht und sich Hilfe holt.“ Für sie war ihre Psychotherapeutin eine wichtige Person, um den Kampf gegen ihre Krankheit anzugehen.

Nach rund vier Jahren hat sie ihre Therapie im vergangenen Jahr beendet, aber: „Ich nehme noch eine leichte Dosis Antidepressiva“, denn sie hat das Gefühl: „Ich brauche es, dass es gut geht.“ Gerade sucht sie nach einem Job, bei dem sie ein gutes Gefühl hat - damit nicht alles von vorne beginnt.

Die beiden gehen offen mit dem Thema Depression um. So soll es auch in ihrer Selbsthilfegruppe ablaufen: In der ersten Sitzung werden sich die beiden vorstellen und die anderen Teilnehmer kennenlernen, sagt Andrea R.: „Jeder darf daran teilnehmen, der wieder aktiv am Leben teilnehmen will.“ Schämen braucht sich keiner.

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